Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 33 (1.10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 380 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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sitzen, ohne zu hindern, daß das Ganze eben doch nur ein Kamel ist". Den „Südeiköpfen von Weimar", wie der Komponist Reichhardt das Weimarer Dioskuren-Paar einst schalt, hat freilich eine solche scheelsüchtige Kritik im Urteil der Nachwelt nicht gerade allzusehr geschadet. Und auch das wütende Gekeife der Nicolai, Jffland, Kvtzebue, deS Grasen Stolberg und anderer haben die beiden Vorkämpfer abgeklärtesten Menschentums, bis heute wenigstens, leidlich überstanden. Auch der hitzige Ansturm der Wortführer des neuzeitlichen rabiaten Nationalisanus wird ihrer Unsterblichkeit schwerlich irgendwelchen Abbruch tun. Sie bestätigen heute höchstens aufs neue die Erfahrung des großen Olympiers: „Im Sittlichen wie im Aesth e ti s che n hat die Mens ch heit seit dem Altertum eigentlich keine Fortschritte gemacht." Und woher dieser Haß gegen die beiden Dichter? Sie haben nicht nur mit Wärme Lessings Eintreten für Toleranz anerkannt — Goethe sogar ist noch weiter gegangen. indem er erklärte: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein, sie muß zur Anerkennung führen. Duldenheißt beleidigen" — und haben sich schon dadurch gewissen nationalistisch-antisemitifchen Kreisen höchst verdächtig gemacht. Bartels hat ja auch früher schon endeckt, daß in Schillers Dramatik „etwas Undeutsches, etwas U n g e r m a n i s ch e s " enthalten sei. Dazu kommt, daß deutsche Juden die Vermessenheit besessen haben. Schiller allenthalben als deutschen Nationaldichter zu feiern und zu preisen, daß ein Löwenfeld es gewagt hat, ein Schiller-Theater zu gründen, in welchem die Traditionen unserer großen Vorkämpfer der Humanität treulich gehütet wurden. Schon der äußere Umstand, daß bei öffentlichen Ehrungen der Größen unserer deutschen Literatur das jüdische Element ziemlich stark vertreten zu sein pflegt, während sich unsere nationalen Kreise nicht selten kühl zurückhalten, wird unangenehm und peinlich empfunden, und das nicht erst in neuerer und neuester Zeit. Die „Kreuzzeitung" hat schon vor 60 Jahren die Teilnahme so vieler Juden an einer Geburtstagsfeier für Schiller sehr übel vermerkt und konnte es sich nicht versagen, die jüdischen Festredner namentlich aufzuführen. Natürlich, nur undeutsche Juden konnten sich für einen so undeutschen Dichter begeistern! Einem früheren langjährigen Redakteur der .Kreuzzeitung", namens Th. Fontane, der. wie kein anderer deutscher Dichter, in seinen literarischen Schöpfungen den märkischen Adel verherrlicht hat, ist es bekanntlich nicht anders ergangen. — Unter den Gratulanten zu seinem 70. Geburtstage befand sich auch nicht ein einziger Vertreter des preußischen Junkertums, dahingegen Juden in großer Anzahl; wie schwer Fontane persönlich diese Undankbarkeit empfunden hat, geht ja aus seinem bekannten Gedicht hervor mit dem Schlußsatz: „Kommen Sie, Cohn!" Unter den wegen ihres niedrigen Kulturniveaus, ihrer „Unbildung" so viel geschmähten Ostjuden war Schiller schon zu einer Zeit einer der gelesensten und gefeiertsten deutschen Dichter, als er in deutschen Landen noch schwer um seine Anerkennung zu ringen hatte. Herbert Eulenberg, der im Kriege als Berichterstatter der Presseabteilung von Ober- Ost Litauen und Polen bereiste, erzählte in der „Vossifchen Zeitung", daß er auch unter der heutigen Generation der dortigen Juden zahlreichen Leuten begegnet sei, die beispielsweise Ger hart Haupt mann, den ja selbst ein Ad. Bartels als einen der hervorragendsten modernen Dichter gelten läßt, „wörtlich anzuführen wußten". Nicht bloß bei den Herren Ad. Bartels, Eb. König, auch in den Köpfen der kleineren deutschvölkischen Literaten, die alle „die Erneuerung des deutschen Geistes" auf ihr Reklameschild geschrieben haben, spukt dieVorstellung, daß dasJ udentum in den diversen Goethe-, Schiller-, Kant-, Kleist-, Schopenhauer-Bünden bzw. -Gesellschaften mit raffinierter Bosheit sich Werkzeuge zur „Verfälschung" des echten Deutschtums, zur „Sem i tisi er ung des deutschen G e i st e s " geschaffen!habe. — Daher neuerdings wieder (in Nr. 27 der „Deutschvölkischen Blätter") der S ch r e i nach Befreiung aus der unerträglichen „jüdischen Geistesknechtschaft" und nach vollständiger S elb st änd igln achung aller dieser Organisationen auf arischer Grundlage. In der Kant-Gesellschaft und jüngst auch in der Schopenhauer-Gesellschaft hat ja diese „reinliche Scheidung" schon stattgefunden>. Und in den „Deutschvölkischen Blättern" hofft man, daß dieses Beispiel sehr bald auch in den anderen Bünden Nachahmung sinden möchte: „Wenn nicht ungesäumt deutschvölkifche Goethe-, Kleist-, Schillerusw. -Bünde und -Stiftungen mit e r st k l a s s i g e n L e i t e r n aus dem Boden gestampft werden können, dann wäre das doch ein rechtes Armutszeugnis." Mit chen „erstklassigen Leitern" der neuen deutschnationalen Bünde hapert es freilich noch ein wenig; was sich da als feinste Auslose deutschvölkischer Weltanschauung produziertist Obskurantentum übelster Art. Diese Verkleinerungssucht ist ja freilich nicht neu, sie ist ein a l t e s E r b ü b e l gerade der Deutschen; es bedurfte dazu wahrlich keines Zusatzes irgendeines „ftemden" oder fremdländischen Blutes. Schon Hölderlin hat geklagt: „Ich sage dir, es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf h e r a b g e - w ü r d i g t ist bei diesem Volk, und was s e l b st u n t e r Wilde n g ö t t l i ch rein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders." Diese gewerbsmäßigen Schmäher des Besten und Edelsten, was deutscher Geist ersonnen, „können es wirklich nicht anders"; irgendwelche moralische Entrüstung über dieses tempelschänderische Treiben wäre daher ganz und gar unangebracht — aber von Zeit zu Zeit niedriger gehängt zu werden, verdient es doch. — Merkwürdig übrigens, wie sich die Zeiten und die Menschen auch in dieser Streitfrage gewandelt haben. Auch Richard Wagner.klagte einst in seiner Polemik gegen Hanslick, daß die V e r b i n d u n g mit der Schiller-Zeit abgerissen sei und daß ästhetische Fragen, über die man einst ehrfürchtig, scheu und suchend nachgedacht hatte, „von Juden und übertölpelten C h r i st e n jetzt ,mit einer Sicherheit" behandelt werden, daß dem, der sich wirklich etwas dabei denken wolle, etwa so zumute werde, „als hörte er der Verschacherung der Gewänder des Heilandes am Fußedes Kreuzes zu". — Mit „Juden und übertölpelten Christen" in einen Topf geworfen zu werden — und noch dazu von einer so gefeierten antisemitischen Autorität wie Richard Wagner, dessen sämtliche judenfeindliche Aeußerungen soeben von dem betriebsamen „Deutschen Volksverlage" in München in der Bearbeitung von Dr. G r u n s k y neu herausgegeben werden —, ist für Herrn Bartels und seine Gefolgschaft eine zwar harte, aber gerechte Strafe. Der ltzrager Golem. Von Rabbiner Dr. I. Günzig (Anvers, Bellen). or mehr als zehn Jahren habe ich mich mit einer Arbeit über das ebenso dunkle wie interessante Problem des Golem beschäftigt. Es sollte eine gründliche Untersuchung über das Wesen des Golem, dieses rätselhaften Scheinmenschen, seine Entstehung und Entwicklung, wie über die an ihn sich