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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-01 · Heft 33 (1.10.1920) · p. Seite 379

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 33 (1.10.1920)
Date
1920-10-01
Page
Seite 379 (sequence 7)
Language
German
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Fremiann (Frankfurt), der SchriftWrer Dr. PoZnan-M (Warschau) itnb das neukoopticrte Vorstandsmitglied Oberrabbiner Dr. Chajes (Wien). Unter anderem wurde beschlossen, schon im Arb-ertsjahr 1920/21 an die Fortsetzung der bereits begonnenen Publikationen trotz der außerordentlich drückenden finanziellen Lage des Vereins heranzutreten sowie den Druck neuer Arbeiten vorzubereiten. Es dürsten schon in diesem Jahre folgende Werte erscheinen: Die Fortsetzung des „Midrasch hagadol", Fortsetzung des „Rabja", die Autobiographie Azulais „Maagol Tor" und der Kommentar zu „Taharotty". Außer dem an Stelle des verstorbenen Gelehrten Abraham Epstein als Vertreter Oesterreichs kooptierten Oberrabbiner Dr. C-Hajes wurden noch folgende Herren in den Ausschuß gewühlt: Dr. Chrus Adler cM Nachfolger des verstorbenen Professors Schechter (New Dort), dann Professor Ellbogen (Berlin) und S. Seligmann (Amsterdam). Freunde der jüdischen Wissenschaft können ihren Beitritt, der sie zum kostenlosen Bezug der Publikationen der Anstalt berechtigt, anmelden. [ flahot) tz. Schiff. ~| Aus New Port kommt die telegraphische Nachricht, daß Jakob H. Schiff, der Seniorchef des Bankhauses Kuhn, Loeb n. Co., im Alter von 73 Jahren gestorben ist. Mit Schiff geht einer der führenden Männer der internationalen Finanzwelt und einer der vornehmsten Philanthropen unserer Zeit dahin. 1847 zu Frankfurt a. M. als Sohn einer uralten, dort ansässigen jüdischen Familie geboren. ging Schiff achtzehnjährig nach New Port und eröffnete dort bald ein eigenes Bankgeschäft. 1875 wurde er Teilhaber des Bankhauses Kuhn, Loeb u. Co., das unter seiner Leitung eines der größten Privatbcinkhäuser der Welt wurde und neben der Finanzierung a-merikanischer Bahnen besonders durch die Beschaffung der Kriegskredite für Japan im Russisch- Japanischen Kriege die Aufmerksamkeit auf sich zog. Für Schiff ist bei diesem Geschäft die Abneigung gegen Rußland als Unterdrücker der Juden nach seinen eigenen Aeußeriingen mit bestimmend gewesen. Die Treue zu seinem Glauben charakterisiert den Juden Schiff, der nach altem Brauch alljährlich ein Zehntel seines Einkommens für Arme abzweigte - unbeschadet seiner sonstigen großen Stiftungen -- und manches größere Geschäft zurückstehen ließ, wenn er mit religiösen Angelegenheiten beschäftigt war. In letzter Zeit bekannte er sich offen zum Zionismus und förderte gern seine Bestrebungen. Den Deutschen Schiff kennzeichnet die gleiche Treue gegenüber seinem alten Vaterlande: er hat Japan, das ihn wegen seiner Hilfe gegen Rußland fürstlich geehrt hatte, die Freundschaft gekündigt, als es auf die Seite der Feinde Deutschlands trat; er hat, ungeachtet seiner engen Verbindung mit den übrigen Emissionshäusern, strikt jede Teilnahme an englisch-französischen oder gar russischen Anleihen, die in New Port aufgelegt wurden, abgelehnt und im Jahre 1916 sich an die Spitze einer umfassenden Friedenspropaganda gestellt. .Neben der Wohltätigkeit, die Schiff ohne Ansehen der Person und des Glaubens übte, hat er besonders für wissenschaftliche Zwecke gewaltige Summen übriggehabt; die New Porter Universität hatte ihn zum Ehrendoktor ernannt. Jakob H. Schiff hinterläßt eine liebenswürdige, gütige Frau, einen Sohn und eine Tochter, die mit einem Marburg aus Hamburg verheiratet ist. ft!1dkutlch--sntikmirilchrs tzaberkrHtrribkn gegen untere MaMkrr. Von Curt Bürger (Wiesbaden). Protestrummel gegen den ..undeutschen Geist" unserer ©rojjeri von Weimar hebt im nationalistischen Blätterwalde von neuem an. L e s s i n g, S ch i l l e r, G o e t h e. einer nach dem anderen, werden von den unbestechlichen Hütern des echten, unverfälschten Deutschtums als „nationale Schädlinge" entlarvt. Der Literaturpapst an Weimar. Herr. Ad. Barte l s , waltet unerbittlich seines Scharfrichteramtes. Seinem Lessing-Pamphlet hat er nunmehr eine denselben Geist nationaler Beschränktheit und ödesten Beckmessertums atmende Verdammungsschrift: „Schiller in unserer Zeit" folgen lassen, die in dem Verdikt gipfelt: „Schiller war. weder als Persönlichkeit noch als Dichter, Repräsentant seines Volkes, so große Wirkung er auch auf dieses allezeit geübt hat und rioch weiter üben kann. Er ist. sozusagen, der Mann für die großen Momente im Volks- und Einzelleben und für die Ausnahmenaturen. Aber er ist nicht der Mann der deutschen Arbeit." Ad. Bartels ist ja nicht der einzige, der sich so absprechend über Schiller als Volkserzieher äußert. Er folgt dabei nur den Spuren Eugen Dührings, der verächtlich von „Schill er er" sprach und Goethe als „Herrn von Koche" verunglimpfte. lieber „den Moraltrompeter Schiller" hat sich ja auch der Berliner Historiker Curt Brehsig erst vor wenigen Jahren ziemlich abfällig geäußert. Ergötzlich ist es nun zu sehen, wie die Vertreter dieses engstirnigen Nationalismus bei ihrer kritischen Untersuchung des nationalen Wertes oder Unwertes der beiden Dichterheroen doch zuweilen einander stark in die Haare geraten. Die einen wollen Schiller — die anderen wieder Goethe als Lehrer der Jugend nicht gelten lassen. Neuerdings hat Eduard Meyer, der vorjährige Rektor der Berliner Universität, der Jugend zwar Schiller empfohlen, aber Goethe entschieden abgelehnt, was ja im JubiläumSjahre der Befreiungskriege die „Deutsche Zeitung" noch weit gründlicher besorgt hat. Wie erinnerlich, hat auch im dritten Kriegsjahre eine alldeutsche Tageszeitung im Westen sich höchlichst entrüstet, daß man unseren Kriegern im Felde zur seelischen Auffrischung Goethes «Iphigenie" vorgeführt habe, ein Wert, das „einer ganz anderen Welt entnommen" und — Gott sei Dank — „vop deutschen Köpfen nicht erdacht" sei. So ist's recht! Mit diesen „Schädlingen des Deutschtums", welche die gefährliche Irrlehre des Humanismus in die Welt gesetzt haben, muß gründlich aufgeräumt werden, nur ein echter deutscher „Siegfriedsgeist" darf in Zukunft allein auf Deutschlands Schulen gelehrt werden. Daran mitzuarbeiten ist eine würdige Aufgabe des kürzlich am Geburtstage Bismarcks von Walter Loose (Leipzig) gegründeten „Bartels- Bunde s" und deS ebenfalls erst vor wenigen Wochen von dem Vorsitzenden des „Deutschen Volksbundes", Rittmeister Jürgen v. Ramin, aus der Taufe gehobenen „Vereins der Freunde deutscher Kunst", der Fichte- Gesellschaft und ähnlicher älterer Organisationen, die den „undeutschen Geist" aus Deutschlands BUdungsanstalten gründlich ausschwefeln wollen. Und wenn alle Stränge reißen, darf man auch vor einer internationalen Bekämpfung, vor der Gründung einer „Weißen Internationale". die ebenfalls schon angeregt ist. nicht zurückschrecken. Max Be wer hat ja schon kürzlich die Gründung eines „Europäer b u n d e s" zu diesem Zweck vorgeschlagen, und in Berlin ist. wie der „Hammer" zu berichten weiß, kürzlich ein „Bund der Guten" gegründet worden, der „außenstaatliche Beziehungen" anstreben soll, zur. Hebung des Rassenbewußtseins der verschiedenen Volker, als bestes Mittel gegen den gemeinsamen Erbfeind der europäischen Nationen, das Judentum. Das wäre also ein Seitenstück bzw. das Gegenstück zu der Vereinigung der „Guten E u r o p ä e r", die einst Nietzsche vorgeschwebt hat. Daß sein Gedanke von übergeschnappten Nationalisten einst so verschandelt werden könnte, hat der Philosoph freilich schon vorausgesehen, als er von jenen „Bildungskamelen" sprach, „auf deren Höckern viele gute Einsichten und Kenntnisse

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