Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 33 (1.10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 378 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229475--75965-3288509- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Baracke, in die ein Äeil von ihnen sich flüchten konnte, befindet sich etwa zehn Minuten vom Dienstgebäude des französischen Kreiskontrolleurs in Beuthen. Seit 14 Tagen sind sie von dort durch polnische Ueberfälle vertrieben. Keiner ist da, der sie schützen will. Den Rosch haschana verlebten in Kattowitz und Beuthen etwa 900 geflüchtete Arbeiter in der schlimmsten Panikstimmung. Mit Mühe und Not ist es dem Arbeiterfürsorgeamt und einigen hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten, gelungen, bei der Interalliierten Kommission zunächst eine Fristverlängerung zu erreichen und es durchzusetzen, daß vor jedem Abschub Verhandlungen mit den Vertretern des Arbeiterfürsorgeamtes stattfinden. Diese Verhandlungen sind augenblicklich noch in der Schwebe und das wenige, das zunächst erreicht worden ist, besteht darin, daß wenigstens die religiöse Bedrückung, die den flüchtigen Arbeitern angedroht war, zunächst abgewehrt wurde. Wir wollen hoffen, daß die entscheidenden Stellen bei der Interalliierten Kommission, die offensichtlich in dieser Frage durch untere Organe völlig irregeführt sind, sich dazu verstehen werden, in Oberschlesien ein Ausnahmerecht gegen Ostjuden nicht zuzulassen, sondern im Einvernehmen mit den jüdischen Organen dafür zu sorgen, daß die Bedrohung der ostjüdischen Arbeiter in Oberschtesien ein für allemal aufhört. * Horthy-Ungaxn in Wien. D i e bestochene Presse. Die „Wiener Arbeiterzeitung", das tschechische Organ „Pravo Lidu" und die von dem ehemaligen ungarischen Volkskommissar Knnfi herausgegebene ungarische Wochenfcl)rift „Vilagossag" beginnen mit der Veröffentlichung geheimer Akten der ungarischen Gesandtschaft in Wien über Verbindungen der Wiener Christlich- Sozialen mit Horthy und die ganze Slowakei unterminierende Propaganda Horthys. Die „Arbeiterzeitung" veröffentlicht zwei Akten, die beweisen, daß christlich-soziale Flugblätter in Budapest geschrieben und von der ungarischen Gesandtschaft in Wien gedr.ll.ckt und vertrieben werden. Weiter wird abgedruckt der offizielle Akt über die Anweisung von zwei Millionen Kronen zu diesem Zweck. Der Bericht stamnlt vom Pressechef der ungarischen Gesandtschaft, Ministerialrat Reich, und ist gerichtet an den Pressechef 'des ungarischen auswärtigen Ministeriums E cka r dt. Die Echtheit wird durch Abdruck einer lithographischen Photographie erhärtet. Ebenfalls gekauft sind verschiedene Blätter der monarchistischen Offiziere, so „Staatswehr", das antisemitische Organ „Volkssturm" lind „Eiserner Besen" und das im Dienste der ungarischen' Gesandtschaft stehende Blatt „Antisenutenbun'd". Die Amvei sangen lallten wörtlich: „Volkssturm veröffentlicht nach den erhaltenen Weisungen abermals eine mächtige Offensive." Ebenfalls wörtlich: „einige mit hervorragendem Organisationstalent begabte Mitglieder der „Erwachenden Magyaren" sind in Wien und werden den Antisemitenbund nach Budapester Muster umformen". Die „Arbeiterzeitung" verlangt die Ausweisung «des ungarischen Gesandten lind das Strafverfahren gegen diejenigen, die sich für ungarisches Geld zu Aktionen gegen die Republik dingen ließen. Weitere aufsehenerregende Enthüllungen folgen. * Aus der ungarischen Hölle. Immer wieder versuchen die Vertreter der blutigen Horthh- Regierung die Tatsache des „weißen Terrors" in Abrede zu stellen. Was aber sagen die „christlichen" Ungarn zu dem feierlichen Beschluß einer Stadtvertretung, wie der von Nagykörös? Dieser Beschluß, dessen Bekanntgabe lange durch die ungarische Zensur verhindert wurde,blautet, nach einer Mitteilung der „Welt am Montag", wie folgt: Beschluß. 2. 5996/k. i. 1920. Auf Antrag des Repräsentanten Andreas F. Szücz beschließen wir, die Gemeindevertretung der Stadt Nagykörös, folgendes: Jawohl, es wütet hier der weihe Terror. Jawohl, „Becsi Magyar Ujsäg" hak recht. Die „Erwachenden Magyaren" suchen hier der Reihe nach die Häuser der Juden auf, morden, rauben und verüben Brandstiftungen; auf dem Marktplatz werden die Juden nackt ausgezogen und mit benagelten Peitschen blutig geprügelt und nachher vor der Kirche in den Strahenkot geschleudert. Jene Herren und anständigen Individuen, von denen „Bocsi Magyar Ujsäg" berichtete, haben in der Tat an der Judenmetzelei teilgenommen. Es ist wahr, daß es heute weder, in Nagykörös noch in Kecskemet keinen lebenden Juden mehr gibt. Jawohl, wir fordern eine Ententekommisfion zum Zwecke lder Ahndung dieser gräßlichen Schurkentaten. Jawohl, die niederträchtigen „Erwachenden Magyaren" müssen gehängt werden. Damit niemand an den erwähnten Dingen z>veifeln soll, bringen wir, diesen Beschluß, versehen ihn mit dem Siegel der Stadt Nagykörös. verkünden ihn vor der ganzen Welt und übermitteln ihn im Wege und mit der Unterschrift unseres Bürgermeisters der Zeitung „Bäcsi Magyar Ujsäg" und dem Herrn königlich ungarischen Minister des Innern. Nagykörös, am I. Juli 1920. Maraligety, Oberbürgermeister. 3lu§ Budapest wird unter dem 18. September geschrieben: Bei der Besprechung der Vorlage über den numerus 'clausus forderte der Abgeordnete der Landwirtepartei Schau dl in der Nationalversammlung die Regelung der Frage unter Wahrung völliger Rechtsgleichheit, weil sonst eine Minorität mit vollem Recht bei der Entente Beschwerde führen könnte. Die Judenfrage könne nicht mit Gewaltmitteln gelöst werden, sondern nur im Zeichen eines geläuterten Liberalismus. Dagegen erklärte der Bischof Prohazka, der sich einstmals wegen seiner loyalen Gesinnung die Ungnade Roms zugezogen hat. die ungarische Literatur für verjudet und die Juden als eine besondere Nationalität, von der eine vollständige Absentierung verlangt werden müsse, ivenn Ungarn ein Kulturstaat bleiben wolle. Die Lage der Inden in Rumänien. Herr Oskar Loonhard, Vertreter des Joint Distribution Committee, der aus Rumänien nach New Aork zurückgekehrt ist, versichert, daß der An!tisem'itism>us iw Rumänien bedeutend nachgelassen u.nd die Regierung wie auch 'das Volk .eine freundlichere Stellung gegenüber den Juden angenommen haben. Der bekannte Antisemit Professor Guza, der eine neue Partei unter dem Namen „Die rumänische antisemitische Partei" gründen wollte, hat eine Niederlage erlitten, da niemand von den angesehenen Rumänen ihn -unterstützte. Professor Nikolaus Jorgu, der bisher 'Antisemit war, hat inder letzten Zeit seine Meinung über >di,e Juden geändert, und er war 'der erste, der in seinen Artikeln scharf gegen Professor Cuza aufgetreten ist und sich der Juden annahm. Was die Presse anbelangb, ist auch eine Besserung bemerkbar, Fast alle rumänischen Zeitungen Halfern dem Joint in seiner Arbeit, indem sie Aufrufe und Artikel zugunsten des Joint veröffentlichten. Tie Zahl der jüdischen Professoren in den Bukarester und Jassyer Universitäten halt sich bedeutend vergrößert. Auch wurde in Bukarest zum Stadtvizepräsidentien der Jude H. S. Katz gewählt. Die Königin M ar in, «die Herr Leonhard bei seinem Aufenthalt in Bukarest einige Male 'besuchte, versicherte ihm., daß die Beziehungen zu den Inden seitens 'der Regierung wie auch der Bevölkerung lsich -gebessert halben, und ersuchte ihn, diese Tatsache der/ amerikanischen Jndenheik mitzuteilen. Die Königin übergab ihm einen an den Präsidenten des Joint, Herrn Felix Marburg, adressierten Brief, in dem sie ihre Sympathien für den Joint zum Ausdruck gab, der nicht nur den Juden, soüdern auch 'der übrigen Bevölkerung Rumäniens reichliche Hilfe geleistet hat. J. W. * Palästina. London, 21. September. (Holl. Nieuws Bureau.) Sir Herbert Samuel, der Hohe Kommissar von Palästina, hat ein beratendes Komitee von zehn Mitgliedern eingerichtet, von denen sieben Christen und Mohammedaner und drei Juden sind. Englisch, Arabisch und Hebräisch sind als offizielle Sprache in Palästina anerkannt. Alle Dokumente und offiziellen Bekanntmachungen sollen in diesen drei Sprachen publiziert werden. Der Hohe Kommissar hat eine Konferenz zusammenberufen, um zu beraten, wie die Maße und Gewichte für Palästina mit denen von Europa in Einklang zu bringen sind, damit der Handel dadurch erleichtert wird. * Neukonstitrtieimng der „Mekizei Nirdamim". Der im Jahre 1864 von dem bekannten jüdischen Forscher Luzzatto und einigen seiner Zeitgenossen gegründete und später von Abraham Berliner rekonstruierte wissenschaftliche Verein „Mekizei Nirdamim", der sich die Ausgabe gestellt hatte, wertvolle hebräische Manuskripte zu veröffentlichen, hat nun, nach mehrmaliger unfreiwilliger Unterbrechung seiner Tätigkeit, die wissenschaftliche Arbeit wieder ausgenommen. Am 1. August 1920 traten folgende Vorstandsmitglieder zu einer Sitzung in Kissingen zusammen: Der Präsident Professor Simonsen (Kopenhagen), Vizepräsident Professor