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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-01 · Heft 33 (1.10.1920) · p. Seite 377

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 33 (1.10.1920)
Date
1920-10-01
Page
Seite 377 (sequence 5)
Language
German
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377 Erschlagener auf dem Felde gefunden wird, die Aelitesten der Nation an die Bahre des Gemordeten hinzuzutreten und feierlich zu bekräftigen haben: Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen." In ähnlichem Sinne ruft das bodenständige, bayerische Judentum durch mich heute Bayerns Bevölkerung. zu: Unsere Hände sind rein von den Gräueln des Chaos und von dem Jammer und Leid, das Ihre Politik über Bayerns zukünftige Entwickelung herausbeschwören muß. Sie allein, und nur Sie tragen hierfür die volle Verantwortung. München, 6. April 1919, abends 11 Uhr, am Vorabend des Passahfestes 5679. S i e g m u n d Frankel. * Direktor Prof. Dr. Heinrich Franberger. Herr Erich Toeplitz, z. Z. Berlin, schreibt uns: Mitte Juli verschied der Direktor des Kunstgewerbemuseums in Düsseldorf Professor Dr. Frauberger kurz vor Voll-' endung seines 75. Lebensjahres. Am 18. Juli 1845 zu Oberndorf in Oesterreich geboren, besuchte er in Wien das Gymnasium und studierte dort zuerst N-ationalwissenschasten und später^ Kunstgeschichte. Nachdem er an österreichischen Museen tätig gewesen war und amtliche Studienreisen ins Ausland unternommen hatte, wurde er 1882 als Leiter des Kunstgewerbemuseums nach Düsseldorf berufen. Seine hauptsächlichsten schriftstellerischen Arbeiten sind: „Antike und mittelalterliche Fußbekleidungen", „Deutsche Schmelzarbeiten des Mittelalters", „Die Akropolis von Baal Deck", „Die Fränkelsche Uhrensammlung" und die „Mitteilungen der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler". Diese Gesellschaft, deren Geschäfte der Verstorbene bis zu seinem Tode leitete, gründete er gegen Ende des vorigen Jahrhunderts mit Charles H a l l g a r t e n und anderen jüdischen Kunstfreunden, um die bis dahin fast unbekannten Kunstleistungen der Juden zu erforschen. Mit unermüdlichem Eifer arbeitete sich der Heimgegangene, der selber Christ war, in die jüdischen Religions- und Volksgebräuche ein und widmete Zeit und Wissen der Erforschung eines auch heute noch recht stiefmütterlich behandelten Teiles der jüdischen Kultur. Er sah ein, daß ein modernes jüdisches Kunstgewerbe nicht ohne Kenntnis der vorhandenen alten Beispiele entstehen könnte, und hat in jahrelanger Arbeit diese gesammelt. Die in den Mitteilungen veröffentlichten alten Kunstgegenstände haben auch schon bei Neuschöpfungen Anregungen gegeben; es sei hier nur an die Essener Synagoge erinnert. Möge die Frankfurter Gesellschaft bald einen Fachmann, der mit gleicher Liebe und Hingebung ans Werk geht, mit der Weiterführung der von Professor Frauberger angefangenen Arbeiten betrauen, die nicht nur für die Wissenschaft des Judentums, sondern auch für ein gutes, jüdisches Kunst- Handwerk von großer Bedeutung sind. — Die Daten verdanke ich einer, freundlichen Mitteilung des Zentralg-ewerbevereins Düsseldorf. * Bemerkenswerte Aeutzerungen des Abgeordneten v. Kardorff. In einer Versammlung der Deutschen Volkspartei in Halle (Saale) führte der Redner des Abends, Herr v. Kardorff, wie wir der „Demokratischen Parteikorrespondenz" entnehmen, etwa folgendes aus: „Es ist für mich sehr schwierig, vor Ihnen zu reden; die schönen Zeiten der Opposition sind für uns vorbei. Bor den Wahlen war es für uns einfacher, jetzt müssen wir Verantwortung mit tragen und haben infolgedessen zunächst Angriffe aller Art abzuwehren. Eine Regierung kann von heute auf morgen keine Besserung herbei führen, darüber werden Jahrzehnte vergehen. Die Sozialdemokratie muß wieder in die Regierung. Jede Stimme, die bei künftigen Wahlen nach rechts geht, geht dem Bürgertum verloren. Der Außenminister Simons, der bekanntlich ein Demokrat ist, hat sich in Spaa als ein ganzer Mann gezeigt und der Entente manche harte Ruß zu knacken gegeben. Die gehässigen Vorwürfe, die gegen die Regierungsvertreter in Spaa erhoben worden sind, begreife ich einfach nicht." Der Redner wandte sich dann noch gegen die sogenannten Mittelstandsvereinigungen, die eigene Listen aufstellen wollen. Es wäre das dümmste, was es gäbe. Der Mittelstand solle lieber in die großen politischen Parteien gehen; dort wird er auch dann seine Interessenvertretung finden. Das Bürgertum mutz sich sammeln. Es kann sich nicht den Extremen rechts oder links anschließen, sondern kann sich nur in einer gesunden Mitte sammeln. Schließlich wandte sich der Redner noch gegen den Antisemitismus, den er verwirft. * Westprerltzische Abstimmungsevfahrungen. In Bi schoss Werder, dem südlichsten Zipfel des westpreußischen Abstimmnngsge'bietes, erklärte der deutschnationale Führer, der dort die deutsche Bewegung leitet, daß die jüdische Bevölkerung von Bischofs-' Werder nicht nur mit besonderer Hingabe an dem Kampfe für die Erhaltung des Deutschtums teilnehme, sondern auch mit aller Macht darauf hingewirkt habe, daß die ausgewanderten Bischofswerder jüdischen Glaubens zur Abstimmung kommen. In der Tat sind denn auch nahezu 200 deutsche Juden eingetroffen, die in Bischosswerder geboren sind, und die im ganzen -tut* zehn jüdischen Familien des Ortes haben es ans sich genommen, diese sämtlichen Ankömmlinge zu beherbergen und zu beköstigen. Das war um so wichtiger, als eine ganze Reihe von den Zugereisten fromme Juden sind und aus rituelle Ernährung Wert legen. Der deutschnationale Parteisekretär versicherte, daß bei den kommenden Reichstagswahlen dieses Verhalten nicht vergessen sein werde und daß man in Bischofswerder jedenfalls nicht daran denkeden Antisemitismus in der Wahlpropaganda von deutschnationaler Seite als Waffe zu benutzen. O Von befreundeter Seite wird uns geschrieben: Der schnöde Neutralitätsbruch, der während der Unruhen in Oberschlesien durch die brutale Zusammentreibung ostjüdischer militärflüchtiger Arbeiter und ihrer Abschiebung nach Polen begangen worden ist, steht noch in aller Erinnerung. Wir hatten gehofft, daß. nunmehr endlich die Interalliierte Kommission in Oppeln den ostjüdischen Arbeitern gegenüber endlich ihre Pflicht erfüllen und sie vor dem Terror der verhetzten polnischen Arbeiter schützen würde. Das Gegenteil ist eingetreten. In Oberschlesien wird heute, unter Vorangehen der Interalliierten Kommission, eine ausgesprochen antisemitische Politik getrieben. Hunderte nationalpolnischer Militärflüchtlinge und Deserteure dürfen sich unbehindert im Lande aufhalten. Niemand stört sie bei ihrer Arbeit in den Gruben, in der Landwirtschaft usw., keine Razzia wird veranstaltet, um sie dem polnischen Militarismus wieder in die Arme zu führen. Anders ist es mit den Ostjuden. Während der Unruhen sind sie aus einer ganzen Anzahl von Gruben mit Gewalt, unter körperlicher Bedrohung, von den polnischen Arbeitern herausgetrieben worden. Eine Panik entstand. Viele Arbeiter mußten Hals über Kopf in» die Städte Beuchen und Kattowitz fliehen, unter Zurücklassung ihres Arbeitslohnes. Die Selbsthilfe der oberschlesischen jüdischen Gemeinden, die durch die leibliche Fürsorge für diese Flüchtlinge besonders in Anspruch genommen wurde, war, wie immer, vorbildlich. Auch die Organe des Arbeiterfürsorgeamtes in Oberschlesien haben mit Nachdruck die Verhältnisse wieder zu regulieren versucht. In dem Augenblick aber, als sich die vstjüdischen Arbeiter wieder anschickten, etwas beruhigter in die Betriebe zu gehen oder sich neue Arbeitsplätze zu suchen, kam ein neuer' Schlag. Die Interalliierte Kommission in Oppeln hatte angeordnet, daß innerhalb von fünf Tagen, und zwar ausgerechnet zum zweiten Rosch^hascharna-Tage, die jüdischen Flüchtlinge nach Polen abzuschieben seien. Man muß sich einmal vorstellen, wie brutal ein solcher Befehl wirken mußte. Die jüdischen Arbeiter, die durch die letzten Unruhen brotlos geworden waren, befänden sich zu einem großen Teil bereits mehrere Jahre in den oberschlesischen Betrieben und bei den verschiedensten Handwerksmeistern. Es sind zurückhaltende und nüchterne ' Leute, die froh sind, wenn man sie ungestört bei ihrer Arbeit beläßt. ' Sie mußten es mit ansehen, wie beispielsweise in Nicolai einzelne' ihrer Kollegen von Polen so brutal geschlagen wurden, daß sie niehr tot als lebend in das Krankenhaus eingeliefert werden mußten. Dre

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