Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 33 (1.10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Grausamkeiten walten lassen, die Grausamkeit, die ihnen ihre religiösen Gesetze gegen jeden Nichtjuden vorschreiben, -und sie haben auch die Hilfe der hiesigen Kultusgemeinde gefunden. Hat sie doch der Polizei gegenüber erklärt, die Behörde hätte selbst die Mittel, die Juden ausfindig zu machen. Sie verraten keinen ihrer Glaubensgenossen. Damit hat sie also diejenigen, die die Dentschenpogcome heraufbeschworen haben, unterstützt. Der Beklagte erklärte, die Behauptung, daß die Kultus gemein de es abgebehnt habe, den ihr bekannten Aufenthalt der Levin, Lewin« und Toller anzug-eben, habe Justizrat v. Ze tschwitz, einer der Führer der Münchner deutschvölkischen Bewegung, in öffentlichen Versammlungen unwidersprochen ausgestellt, und er habe keinen Zweifel, daß v. Zetschwitz die Unterlagen für seine Behauptung besitze. Justizrat v. Zetschwitz erklärte als Zeuge, er habe diese Feststellung in einem Polizeiakt, dem Bericht eines mit der Sache befaßten Kriminalkommissars, gelesen. Das Gericht beschloß daraufhin die Aussetzung der Verhandlung, um den Polizeibeamten zur Stelle zu schaffen und ihn als Zeuge zu vernehmen. Im Laufe der Beweisaufnahme wurde von der klägerischen Seite ein Brief vorgelegt, der der Kultusgemeinde zugegangen war und in dem ihr angeboten wurde, das gesamte Material, das Braßler in dieser Sache gesammelt habe, der Kultusgemeinde gegen Bezahlung einer hohen Summe auszuhändigen. Auf die Frage, ob Braßler den Briefschreiber kenne, bekannte sich dieser selbst als den Schreiber des Briefes. Braßler war in der Sache auch bereits unter dem Verdacht der versuchten Erpressung verhaftet worden. Der Beklagte bemerkte, die Briefe — es handelte sich um mehrere dieser Art — seien von Anhängern der völkischen Bewegung geschrieben worden, um zu sehen, wie die Mitglieder der Kultusgemeinde darauf reagierten. Ein Material sei gar nicht vorhanden gewesen. Man Hütte also auch ein solches gar nicht ausliefern können. Zur Fortsetzung der Verhandlung wird ein neuer Termin anbecaumt werden. * Als wertvollen Beitrag zur Zeitgeschichte, der zugleich zeigt, wie haltlos die von antisemitischer Seite immer wieder gegen die Münchener Kultusgemeinde erhobenen Beschuldigungen sind, möchten wir einen „Offenen Brief" bezeichnen, den Kommerzienrat Siegmund Frankel in München unter dem 6. April 1919 an die damals herrschenden Bolschewisten jüdischer Abstammung gerichtet hat und am 7. April 1919 der Redaktion der „Münchener Neuesten Nachrichten" zuzustellen versuchte. Die Räume der „Münchener Neuesten Nachrichten" aber waren zu dieser Zeit bereits von den Roten Garden besetzt, so daß der Brief nicht mehr zum Abdruck gelangen konnte. In der Nummer vom 14. d. M. bringt das genannte Blatt „aus Gründen der objektiven Unterrichtung" das bemerkenswerte Schreiben zur Kenntnis der Oeffentlichkeit. Dasselbe lautet: Offener Brief an die Herren Erich Mühsam, Dr. Wadler, Dr. Otto Neurath, Ernst Toller und» Gustav Landauer. Ich wende mich cm Sie nicht als Wirtschastspolitiker, nicht als Vertreter von Handel und Industrie, nicht als verängstigter, um Eigentum und Besitz besorgter Kapitalist, sondern weil ich mich mit Stolz und aus innerster religiöser Ueberzengung zu jener Glaubensgemeinschaft bekenne, der einstens Sie selbst oder doch Ihre Eltern angehört haben. Wir, Münchener Juden, haben in all den schweren, leiderfüllten Wochen der Vergangenheit geschwiegen, da Sie und andere landfremde, des bayerischen Volkscharakters unkundige Phantasten und Träumer die bittere Not und die seelische Depression unseres Volkes ausnützten, um Gläubige für Ihre vielleicht wohlgemeinten, aber verhängnisvollen und der menschlichen Natur zuwiderlausenden , Pläne einer zukünftigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu werben. Wir schwiegen!, weil wir fürchteten, unsere Glaubensgemeinschast zu schädigen, wenn wir Sie in der Dessen tlichkeit abschü'ttelten, und weil wir von Tag zu Tag hofften., daß das Verantwortungsgefühl für die religiöse Gemeinschaft, der Sie oder Ihre Eltern entstammen, früher oder später in Ihnen erwachen und Ihnen zum Bewußtsein bringen werde, in welches Chaos von Zerstörung und Verwüstung der von Ihnen eingeschlagene Weg münden müsse. Der heutige Tag, an dem Tausende und aber Tausende von aufreizenden antisemitischen Flugblättern -in Münchens Straßen verteilt wurden, zeigt mir mit aller Deutlichkeit die Größe der Gefahr, die nicht die Bekenner unserer Glaubensgerneinschast, sondern das Judentum selbst bedroht, wenn die große Masse von Münchens werktätiger Bevölkerung die erhabenen Lehren und Dogmen der jüdischen Religion in ideellen Zusammenhang mit «den bolschewistischen und kommunistischen Irrlehren bringt, die Sie seit Wochen den durch die 4 ^jährige Kriegsdauer zermürbten und verwirrten Volksmassen predigen. Auch das Judentum kündet und lehrt einen hehren, den Realitäten der Gegenwart wie den Idealen einer messianischen Zukunftsperiode in gleicher Weise Rechnung 'tragenden Sozialismus. Die Religion, die vor Tausenden von Jahren in der Bibel die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetze, die Gleichstellung des Fremden mit dem Einheimischen, die Sabbatruhe, das Erlaßjahr, das Zehntgebot 'und zahlreiche andere, erst durch das Morgenrot des 19. und 20. Jahrhunderts beleuchtete Menschheitsideale in strengen, gesetzlichen Normen verankerte — dieses Judentum hat nicht Sie und Ihre verworrenen und krausen Phantasien gebraucht, -um uns zu Gemüte zu. führen, wieviel an unserer heutigen Gesellschasts- und Wirtschaftsordnung noch zu bessern ist und welch, heilige, sittliche Verpflichtung uns allen obliegt, bis jene unerläßliche Revolution der Geister durchgeführt ist, die die vom Schicksal Enterbten erlösen und befreien und jedem Tüchtigen den Wog zum wirtschaftlichen Ausstieg sichern soll. Aber dasselbe Judentum, das diese Segnungen durch seine Propheten der ganzen Menschheit verheißt, es kündet gleichzeitig: „Fördert den Frieden und das Wohlergehen der Völker, in deren Mitte ihr weilet!" Es lehrt weiter, daß die Gegensätze zwischen arm imd reich niemals aus der Welt schwinden werden und daß alles revolutionäre Werden und Geschehen sich nur im Rahmen der Achtung vor den Rechten unserer Mil- und Nebenmenschen, niemals aber im Zeichen des Terrors «und der Gewalt vollziehen dürfe. Gerade, weil Sie sämtlich von jüdischen Müttern abstammen, müssen Sie wissen, daß das Judentum in den Jahrtausenden seiner leidersüllten Geschichte gleich allen anderen Völkern des Altertums längst untergegangen wäre, wenn es nicht ein konservatives, Ordnung schassendes und gewährleistendes Ferment unter den Stationen der Erde gebildet hätte. Sie aber, meine Herren, predigen dem armen gequälten bayerischen Volke nur, wie unser Wirtschaftsleben noch weiter zerstört und nieder gerissen werden soll. Sie propagieren soziale und wirtschaftliche Theorien, deren Verwirklichung die sofortige Absplitterung Nordbayerns und der Rhein- Pfalz von unserem engeren Vaterlande und weiterhin die Lostrennung Bayerns vom großen Deutschen Reiche, ohne dessen Kohlen und Eisen wir keinen Monat mehr unsere Arbeiter beschäftige!: können, im Gefolge haben müßte. Sie verhindern durch Ihren Terror den neuerlichen Zusammentritt des bayerischen Parlaments, obwohl Sie wissen, daß eine Verwirklichung. Ihrer verhängnisvollen Pläne die Gefahr des Hungertodes für das südliche Bayern hera.usbeschwören muß, weil unsere Feinde einem Lande, das der verfassungsmäßigen Regierung entbehrt, die Zufuhr aller Lebensmittel unterbinden. Mein jüdisches Solidaritätsbewußtsein mahnt mich, Ihnen all dies in Ihrem eigensten Interesse vor Augen zu führen; denn die gleichen Massen, die heute Ihren Reden und Versammlungen zujubekn, werden Ihnen .an dem Tage fluchen, an dein sie erkennen, daß Sie ihnen nur Versprechungen statt Brot und gegenseitigen Haß statt des ersehnten inneren Friedens gebracht haben. — Des weiteren mahnt mich eine innere Stimme, meine Glaubensgemeinschaft vor dem Odium zu, schützen, daß das überlieferte Judentum irgend etwas mit den destruktiven Tendenzen ehrgeiziger Revolutions- Politiker gemeinsam habe, lind nicht zuletzt ist es die warme und rege Anteilnahme an Bayerns Wirtschaftsleben, in dessen Förderung ich ergraut bin, die mich bestimmt, an Sie die Bitte zu richten: Lassen Sie ab von Ihrem unheilvollen, den Untergang Bayerns besiegelnden Gebcchren; stellen Sie Ihre reichen Geistesgaben mit allen anderen Schichten unserer Bevölkerung fortab nicht in den Dienst der Zerstörmng und der Verschüttung, sondern in jenen eines segensreichen Wiederaufbaues unserer Volkswirtschaft! Sollte mein Mahnruf wirkungslos verhallen, dann bleibt mir nur ein Allerletztes im Interesse'meiner Glaubensgemeinschaft festzustellen übrig: Das jüdische Religionsgesetz lehrt, daß, wenn ein