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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-01 · Heft 33 (1.10.1920) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 33 (1.10.1920)
Date
1920-10-01
Page
Seite 374 (sequence 2)
Language
German
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was die medizinischen Schulen zu Salerno und Montpellier jüdischen Forschern dankten, verdient und bedarf noch besonderer Untersuchung. An den großen Erfindungen und Entdeckungen sind Juden beteiligt. Joseph Becin-Hos Ästrolab und Abraham Sacutos verbesserte Karten ermöglichten die kühnen Seefahrten. Juden halsen Kolumbus und Vasco de Gama bei ihrer Weltumsegelung. Der Kampf um die Judenbücher, den Reuchlin und die Dunkelmännerbriefe führten, ermöglichte eine öffentliche. Meinung und erleichterte so das Lutherschr. RrstkrmationSwert, dem christliche unter jüdischem Einflüsse stehende Sekten vorgearbeitet hatten. Juden haben sicherlich für die Herausführung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt und die Juden Marx und Lassalle haben Hand angelegt zu deren Abbau. Juden haben auch das literarische Leben — wir beschränken uns bei diesem kurzen lleberblick nur auf Deutschland — aufs nachhaltigste gefördert. Mendelssohn hat den Stil der wissenschaftlichen Darlegung geschaffen und Heine hat die deutsche Prosa so geschmeidigt, daß er der eigentliche Schöpfer des modernen Feuilletons genannt werden kann. * Und neben der beglückenden Lehre und der gewaltigen Leistung ein Leid von einer Wucht und Schwere, wie es einzig in der Weltgeschichte steht. Seit den Tagen Akibas, der für den einig-einzigen Gott unter den Händen römischer Schergen seine Seele aushauchte, ist Israel das klassische Märtyrervolk der Weltgeschichte. Kreuzzüge, schwarzer Tod. . . Heilige Gemeinden vergießen ihr Herzblut, Gottes Namen zu ehren. Vertreibung aus Spanien. Jnquisitionskerker, Folter, Scheiterhaufen: „Wasserfluten können nicht Israels Ljebesglut für seinen Vater im Himmel erlöschen und die lodernde Flamme vermag nicht die Treue für ihn aus den Seelen zu brennen." Das Predigtwort klingt wie rednerische Ueüertreibung, ist aber nur der Nachhall wirklichen Erlebens. Man weiß aber nicht, ob nicht das stille, ständige Heldentum, bewahrt und bewährt im trüben Gleichmaße des grauen Alltags, noch größer ist. Mit dem spitzen Hute und dem gelben Flecke geschändet, durch den Leibzoll dem Tiere gleich geachtet, in der ständisch-gegliederten Gesellschaft des Mittelalters zu den Auswürflingen gerechnet, wahrte der Jude unter Hohn und Spott seine' Würde . . . Das Leid gehörte allgemach zu seiner Lebenslust —■ denn „Leiden ist das Erbteil meines Stammes." Sv fühlte er und ward zum Held und Heiligen! Adel verpflichtet. Sich einer solchen Schar von Blutzeugen für die Wahrheit angeschlossen zu sehen, sollte die Brust des spätesten Enkels mit freudigem Stolze füllen... Statt dessen nicht selten Fahnenflucht, Gesinwungsschwäche und Entartung! Jener Jona wollte sich auch seinem Berufe entziehen, aber da die Donnerstimme des Gewissens ihn wachrief, fand er sein besseres Selbst: „Ich bin ein Jude und Verehrer des wahren Gottes." Manch einer von uns ist von seiner gottgewiesenen Aufgabe weit abgeirrt. Wieder braust der Sturm . . . Möchten sie alle, die den Zusammenhang mit der jüdischen Sendschaft fast oder ganz verloren haben, heimfinden . . . „Die Krähen ziehen schwirren Flugs zur Stadt, bald wird es schneien! Weh dem, der keine Heimat hat!" Wochenschau. Berlin, 26. September. Hauptversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus am 19. September 1929 zu Nürnberg. Unter außerordentlicher Teilnahme aus allen Teilen Deutschlands farrb im über füllten Saale des Künstle rhauses die Hauptversammlung des Vereins statt. Erschienen waren u. a. Bürgermeister Treu u-N'd verschiedene Mitglieder der städtischen Kollegien, Vertreter der Demokratischen und Soziaildemokratischen' Partei, Landgerichtspräsident Döber, Mg. Eisenibeih (Fürth) u. a. m. Auch viele Frauen wohnten, der Versammlung bei. Die Versammlung wurde vom Vors. GA t fye i mit Begrüßung" der zahlreich Erschienenen eröffnet. ^Siemen Kamps führt der Verein nur für das Vaterland, für die Kultur, für die Sittlichkeit. Uni aus dem 'unsagbaren Elend herauszukommen, bedarf es der Zusammelrarbe.it aller Kreise, aller Konzessionen'. Dann gedenkt.der Vorsitzende des Ablebens unseres Schatzmeisters, Geheimrats Kainzow, und schildert seine hohen Verdienste um unsere Sache. Zu feinem Gedächtnis erhebt sich die Versammlung von den Plätzen. Bürgermeister Treu begrüßt die Versammlung im Namen der Stadt Nürnberg. Es sei ihm Herzensbedürfnis, das Wort zu ergreifen. Hier handle es sich, für Recht und Ehre einer Rasse einzutreten, sie zu verteidigen, es handle sich aber auch «um die Vertretung der Ehre des deutschen Vaterlandes. Der Antisemitismus sei ein Unkraut, das ausgerottet werden müsse. Das deutsche Volk, das Volk der Denker und Dichter, dürfe nichlt dulden', daß sich Verhältnisse wie im Mittelalter herausbilden. Wie früher, benutze man jetzt wieder die Dummheit des Volkes zur Verhetzung. Das Elend -des Volkes müsse herhalten, um die Juden als Sündenbock hinzustellen. Nach dem Grundsatz „Haltet den Dieb!" gehe die Hetze von Leuten aus, die an den heutigen Verhältnissen schuld seien. Da-s niedrige Verhalten der Antisemiten müsse gebrandmarkt und von allen Gereichtdenkenden müsse dagegen Front gemacht werden. Darum wünsche er dem Verein gute Erfolge in seiner-Arbeit. Abg. Kommerzienrat Haeberlein begrüßt als Vorsitzender der Ortsgruppe die Erschienenen, namentlich den Bors. Gothein, der von jeher ein Vorkämpfer aller freiheitlichen Bestrebungen gewesen sei. Nürnbergs Bürgerschaft hat stets ihren Ehrgeiz -darin gefunden, in herzlicher Eintracht zu leben. Das Gros der Bürgerschaft denke anders als die, welche das Volk verhetzen. Die Fackel der Zwietracht werfe man in das Volk, obwohl Einigkeit jetzt mehr nötig sei als je. Wir müssen Zusammenhalten, wenn wir vorwärtskotnmen wollen.- Der Tag werde aber erscheinen, -da Deutschland infolge seiner Eintracht einem neuen Glück entgeoenaehe. Stadtrat S p a r t e übermittelt die besten Wünsche der D e nt v - k r a t i s ch e n P a r t e i für die Verhandlungen. Ter Antisemitismtls wirke zersetzend auf die Gesamtheit unseres deutschen Volkes, wo alle sich vereinen müßten, ans bein Elend herauszukommen. Wlir müssendie an tisemiti sichen Bewegungen 'überwinden, und lvir werden sie niedeWringen, wenn wir fest zusanmtenha.l'ten. Die Bestrebungen des Vereins gelten dem Vaterlande und der Freiheit, und darummüsse er von allen wahrhaften Demokraten' kräftig unterstützt werden. Rechtsanwalt Tr. Galling-er gibt als Vertreter des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens'seiner Hochschätzung Ausdruck gegenüber den Vorkämpfern für Recht und Freiheit und wünscht beit Verhandlungen den l..sten Erfolg. Namens der S o z ia X d c m o k r a t i s chenP a r t e i widmet Herr G r u n o lv der Versanunlung! warme Worte der Begrüßung. Auch der B u n d j ü >d i s ch er Fron t s o l d a t e tt entbietet durch Herrn Dr. Landende r ge r seinen Gruß dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Ter Vertreter des Vereins jüdischer Handwerker, Pren ß, tritt in seinen Begrüßungsw orten dett Ausstreuungen entgegen, daß die Inden die Handarbeit scheuten. Nachdem der Vorsitzon.de für die Willkommensgrüße gedankt, übernimmt Herr Mg. Haeberteitt die öeitung der Versammlung und Abg. Gothein ergreift das Wort zu seinem Vortrage: - „D i e Gef.ah r e n d es An t i s e m i t i s m u s n a ch in n c tt u nd a ußen.^ Redner erinnert au die Begeisterung der Augusttage von 1914. wo das Volk einmütig zusantmenstand. Diese Einmütigkeit habe leider nicht vorgehaltenr bald regte sich wieder der Antisemitismus, und es wirrdeausgesprengt, daß die Einkreisung Deutschlands ein Werk des internationalen Judentums sei. Aber gerade Baron Rothschiild habe nachgewiesenermaßen alles getan, um den Frieden zu wahren. Aus den Akten luissen wir, daß England dreimal Deutschkand ein Bündnis angeboten habe, was von -der damaligen Regierung aber abgelehnt, wurde, worauf es erklärte, daß es sich der französisch-russischen Entente anschließen müsse. Daraus erhelle,

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