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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-01 · Heft 33 (1.10.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 33 (1.10.1920)
Date
1920-10-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Derun, i. wKioDer iwu Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vier; eh »täglich. Abonnements-Preis: durch.den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Rehaktton und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße $6-$9, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Die inneren Werte des Judentums. Bon Bezirksrabbiner H * Dr. Beermann (Heilbronn). — Wochenschau. — Alldeutsch-antisemitisches Haberseldtreiben gegen unsere Klassiker. Don Curt Bürger (Wiesbaden). — Der Prager Golem. Don Rabbiner Dr. I. G ü n z i g (Anders, Belgien). — Emilie Kaula. Don Regina N e i ß e r (Breslau). — Feuilleton: Sukkoth. Gedicht von S. A f ch n e r. — Zum Feste der Hütten. Gedicht von S. K a tz (Gelsenkirchen). — Die Geschichte der armen Esther. Don Walter Wolf. — S p r e ch s a a l. — B ü ch e r e i n l a u f. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin. Lissa i. P., Neustadt (O.-S.), Breslau, Hamburg, Oerlinghausen, Kassel, Frankfurt a. M., Ulm. — Don Nah und Fern. Bit inneren Werte des Judentums. Ein wort der Einkehr! Von Bezirksrabbiner Dr. Beer mann (Heilbronn), insichtigen kam die neuerliche Hochflut des Judenhasses keineswegs wie eine jähe Ueberraschung. Immer ließ tiefes Elend grundlose Feindseligkeiten gegen die Juden aus den schmuHiggrauen Schlammfluten emportauchen. Der ewige Jude, der mit flüchtigem Fuß durch die Lande und Zeiten zog, hat als Schatten neben sich den Armilaos, den verkörperten Judenhaß. Einäugig stellt die Sage diesen Antimessias dar. Er sieht nur auf dem Auge der Gehässigkeit, er «erspäht nur Fehler und Schwächen, auf dem Auge verständnisvoller Liebe ist er blind. Die Angriffsflächen, welche das Verhalten der Juden bot, . waren nur die willkommenen Gelegenheitsursachen, sich gegen sie in wilder Wut auszutoben. Der Haß hat aber seinen tieferen. Grund. Nicht, weil sie minderwertig waren, sondern weil sie andersartig wirkten, wurden die Juden verfolgt. Der fremde Glaube, das fremde Blut und die eigenartige und einseitige, durch bestimmte geschichtliche Erlebnisse bewirkte Berufsschichtung «biefdjitDoren immer wieder Tod und Verderben über die Verehrer des Einig-Einzigen herauf. Mit Seelengröße trugen die Väter ihr schweres Schicksal. Sie fühlten sich reich in dem Bewußtsein, einen Schatz durch die Völker und Zonen zu tragen, den ihnen keine Macht der Erde entreißen kann. Was einst die erbauliche Auslegung zum Hohenliede der biblischen Sulamith in den Mund legte: „Wiewohl mir bitter ist und bang, mein Himmelsfreund ruht an meinem Herzen," das war der heroische Ausdruck der jüdischen Volksseele, die wußte, wofür sie litt: für eine große Lehre! * Auch wir haben im Judentum eine beglückende Lebens¬ und Weltanschauung. Der Sinn der Welt liegt in dem aufs Sittliche gerichteten göttlichen Willen. Das ist der Einheitsgedanke, die geschlossene Formel, auf die das Judentum alles Sein und allen Wert bringt. Darin liegt die Rettung vor allem Weltschmerz und aller Verzweiflung. Leid und Böses sind Gelegenheiten, an denen die Kräfte des Guten wachsen. Und dieses Gute, es ist individualistisch die Herausarbeitung des göttlichen Ebenbildes in der Einzelseele: „Heilig sollt ihr sein, denn ich bin heilig, der Ewige euer Gott", und es ist sozial der Dienst am Nebenmenschen: „Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst." Heiligkeit und Liebe, das sind die Gesinnungsmächte, die die Seelen der gewaltigen Seher bewegten, wenn sie als Anwälte der Ärmen und Sachwalter der Schwachen die Gewissen schärften und über die Grenzen des eigenen Volkstums hinaus im Menschen den Bruder sehen lehrten. AM ergreifendsten spricht sich dieser Universalismus aus, wenn im Weltkriege zwischen Aegypten und Assyrien — das kampfumbrandete Juda liegt mitten drin zwischen den sich befehdenden Weltmächten — der Prophet Jesaja in kühner Vorausschau eine Zeit zeichnet, wo es heißt: „Gesegnet mein Volk Aegypten, meiner Hände Werk Assur und mein Erbe Israel, weil ein Friedensbund sie alle einet zu wahrem Gottesdienste." Wenn neuerdings Eduard Bernstein und Wilhelm Förster die ganz besondere Sendschaft der Juden, die unter allen Völkern zerstreut leben, darin erblicken, gleichsam zu lebendigen Völkerbrücken der Vereinigung und Verständigung unter den verschiedenen Nationen zu werden, so ist das ganz im Sinne jener geistesmächtigen Herolde, die zuerst den Traum des Völkerbundes und des Weltfriedens geschaut haben. Die Geschichte zeigt denn auch, daß jüdische Staatsmänner, sooft sie die Möglichkeit hatten, die Geschicke der Völker zu beeinflussen, dies im Sinne friedlicher Verständigung zu tun sich mühten, wie jener Chisdai ibn Schaprut, der seiner spanischen Heimat kriegerische Verwicklung zu ersparen strebte, oder, jener Schlomoh Äschkenasi in Konstantinopel, dem es gelang, einen zwischen der Türkei und der Republik Venedig drohenden Krieg zu verhüten. O Neben der erhebenden Lehre hat aber das Judentum wahrhaft großzügige Leistungen aus allen Gebieten der Kultur aufzuweisen. Christentum und Islam sind seine Schöpfungen. Die Philosophie des frühen Mittelalters steht im Zeichen des -Juden Philo. Gabirol hat Duns Scotns, Maimonides Albertus Magnus und Thomas v. Aguino in ihren Gedankengängen über Weltschöpfung, Willensfreiheit und Offenbarung stark beeinflußt. Die jüdische Religionsphilosophie ist die Nährmutter der christlichen Scholastik geworden. Gabirols LebenSquell und die Schriften des R. Moyses Aegyptiacus haben aus die christlichen Denker gewaltige Wirkungen ausgeübt. Und hat nicht der Jude Spinoza durch Goethe einen ganz wesentlichen Anteil am Auf- und Ausbau der modernen Gedankenrichtung? Jüdische Uedersetzerarbeit machte mit der morgenländischen, arabischen und indischen Weisheit bekannt. Die Sternkunde ist durch Juden bereichert worden. Jakob b. Machirs Untersuchungen über die Abweichungen der Erdachse, des Gersonides astronomische Untersuchungen wurden noch von Kopernikus und Keppler gewürdigt und Ibn Esra wurde als Avenare auch Christen zum Lehrer der Mathematik. Die Heilkunst fand rege Förderung durch jüdische Aerzte, und

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