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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-09-17 · Heft 32 (17.9.1920) · p. Seite 371

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 32 (17.9.1920)
Date
1920-09-17
Page
Seite 371 (sequence 11)
Language
German
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Chuppe -gefühvt -wird, nach altjüdischem Brauch das Kopfhaar zu schneiden. In einem unbewachten Augenblick verließ die Braut das Zimmer und suchte Kühlung im Freien." Die Großmut-er holte tief Atem, dann führ sie in feierlichem Tone fort: „Was ich dir jetzt erzähle, Kind, das habe ich aus dem heiligen Munde des- Reb-be vernommen. Nichts in der großen, weiten Welt blieb -ih-ni, sein Andenken sei -gesegnet, verborgen. Kein Mensch weiß es, auf welche Weise er von dem ganzen Hergang dieses sonderbaren Ereignisses Kunde erhielt. Und doch wußte er, gleich -einem Augenzeugen, über alle Einzelheiten des Vorfalles genau zu -berichten. Also höre! Ms unsere Braut kurze Zeit im Freien spazierte, hörte sie plötzlich einen wunderbaren -Gesang. Die Stimme klang so weich und -schmelzend, so melodisch und süß; sie drang ins tiefste Innere, ergoß sich wie erquickender Balsam in die Seele und entzündete Flammen im Herzen. . . Immer mächtiger erscholl der Gesang, immer klangvoller dehnte sich die Stimme... Von unter der kleinen Brücke tönte es hervor... Wie mit Zauberstvicken zog es die Braut nach jener Stelle... Sie zitterte am ganzen Leibe. Sie konnte der Macht des Gesanges nicht widerstehen. Sie folgte . . . immer dem Gesänge nach . . . immer nach ... „Rahel! R-ahel! "rief es hinter ihr. Die Eltern riesen, die Tanten, die Freundinnen. Allein vergebens. Sie hörte nicht ihren -liebevollen Rus und entfernte sich immer weiter. Und der Gesang hörte nicht auf . . . immer stärker wurde die Stimme, immer klangreicher, und alles schien mitzusingen, der Himmel und die Sterne, die Bäume -im gräflichen Garten und die duftenden Blumen und das Wasser, das unter der Brücke rauschte . . . Sie fühlte, daß in ihrem Herzen ein Feuer aufloderte, daß in ihren Augen Flammen zuckten . . . Ihre Sinne schwanden ... Gar mächtig war der Zauber des Gesanges . . . sie konnte ihm nicht widerstehen . . . sie folgte -immer weiter . . . immer weiter, bis sie an -der Brücke angelangt war. „Rahel! Rahel!" schrien verzweifelt die Eltern. „Rahel!" schrien die Freundinnen. Aber Rahel hörte nur den einen lieblichen, bezaubernden Gesang. An der Brücke tauchte vor ihren Blicken eine herrliche Mannesgestalt aus. Es war der Sänger. Rahel erbebte, denn wie aus dem Innern der Erde kam er -hervor .... Und schön war er, schlank wie'ein Baum, sein Haupt umwallten blonde Locken, und aus seinem Gesicht blickte sie ein blaues Augenpa-ar voll Liebe und Zärtlichkeit an. Und gekleidet war er wie ein echter Schlachziz . . . Bezaubernd wie sein -Gesang war seine Erscheinung. Rahel ahnte nicht, daß sie es mit dem „Bösen" zu tun habe. Er winkte ihr, sie folgte . . . Plötzlich schwang er sich über -das Geländer der Brücke und stürzte sich in die Fluten. Sein Haupt tauchte aus dem Wasser empor... Er sang und winkte... Und die Macht der Hölle ist groß. Sie verlor die Fassung und warf sich gleichfalls in die Fluten . . . Einen Augenblick -verstummte der Gesang; auch der Sänger -verschwand . . . Rahel kam wieder zur Besinnung. Sie gedachte der Eltern, der Verwandten, des Bräutigams und wollte umkehren. Allein sie steckte tief im Wasser . . . Sie ries um Hilfe, um Rettung ... Da zeigte sich wieder die herrliche Gestalt und auss neue erscholl der bezaubernde Gescmg ... Die Wasser rauschten . . , Die Wellen ergriffen Rahel und trugen sie weit, weit mit sich fort- Die Großmutter hatte geendigt. Am Himmel flimmerten die Sterne. Die alte Eiche bewegte leise -ihre blätterarmen Zweige. Und ich sann lange, lange nach ... (Aus -dem Hebräischen übersetzt von S. Meisels.) Litrrarilchr Mittrilunsr«. —König, Eduard. Friedrich Delitzsch' „Die große Täuschung" kritisch beleuchtet. Bertelsmann«, Gütersloh 1920. Bedarf eine Schrift Eduard Königs, zumal wenn sie apologetischen Charakters ist, auch noch der besonderen Empfehlung? Hat sich dieser Nestor der alttestamentlichen Wissenschaft nicht stets als der erfolgreichste Verteidiger der Ehre Altisraels bewährt? Nun, hier soll nur auf zwei Momente hingewiesen werden, daß erstens dieses Schriftchen nicht allein« Delitzsch' Angriffe zurückweist, sondern auch zahlreiche andere biblische Probleme in sehr plausibler Form löst, und daß zweitens König, der Arier, die biblische Ehre auch Juden gegenüber beschützt; denn er weicht auch dort vor deür Gegner nicht zurück, wo jüdische Apologeten die Waffen gestreckt haben. Königs unablässiger Kamps für die Ehre des biblischen Israels und seiner Literatur steht in der Geschichte der Apologetik einzig da und ist fürs Judentum ebenso erfreulich wie für seine Gegner beschämend. Es ist doch eine Ironie der Geschichte, daß gerade das deutsche Volk, welches Bibelfeinde vom Schlage eines Friedrich Delitzsch hervorbringt, auch Schutzengel wie König erzeugt. Jampel. * — Max Weinberg, Aus dem Spruchborn der Weisen. Spruchpoesie des Talmuds und der rabbinischen Literatur nebst Fabeln, Parabeln und Sagen, poetisch übertragen. 194 und XII (Erläuterungen und Quellennachweis), 80, Philo- Berlag, Berlin SW. 68. Der Verfasser ist nicht unbekannt; im Jahre 1909 ist von ihm ein ähnliches Büchlein unter dem Titel „Ewige Weisheit" erschienen, das eine sehr wohlwollende Aufnahme gefunden hat. Dadurch ermutigt, setzte er seine Arbeiten auf diesem Gebiete fort und überreichte der Leserwelt eine zweite Gabe, die die Vorzüge der ersten besitzt und an manchen Stellen noch übertrifft. Die Arbeiten Weinbergs sind keine „Verdeutschungen", sondern poetische Bearbeitungen talmudischer Sinnsprüche. Die Auswahl ist mit seinem Verständnis getroffen, die Uebertragung ansprechend und geschmackvoll. Einige Beispiele mögen hier folgen, um den Charakter und die Sprache dieses Merkchens zu zeigen. Wer sucht in irdischen Freuden sein Heil, Dem werden nicht -himmlische Freuden zuteil. Solang du bleibst der Sünde fern. So lang sieht sie in dir den Herrn, Sobald du Unrecht machst zu Recht, Wird sie der Herr und du der Knecht. Im Bewußtsein schon Liegt Strafe und Lohn. Es gibt wohl keinen schöneren Pfad. ALZ den zu einer schönen Tat. Ein anderes, du tust's aus Zwang, Ein anderes, aus Herzensdrang. Gott knüpft ein unauflöslich Band Zwischen jedem und seinem Vaterland. Gott kann nicht immer beim Kindlein sein; Drum gab er jedem ein Mütterlein. Wie erreich' ich wohl mein Ziel? Geh draus los und frag nicht viel! Wer etwas halt auf seinen Stand, Der gibt nichts Halbes aus der Hand. Gott dein Liebeswerk belohnt Nach deri Lieb, die in ihm wohnt. Als einst der Neid das Glück verklagt, Da hat der Richter ihn gefragt: Jst's, weil's an dir vorbeigegangen, Jst's, weil's der Nachbar -eingefangen? Gott hat die Kräuter in ihrer Pracht Nicht nur zur Zierde der Erde gemacht, . Er hat ihnen auch die Kraft verliehn. Aus Wunden und Schmerzen den Stachel zu ziehn,

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