Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 32 (17.9.1920)
- Date
- 1920-09-17
- Page
- Seite 370 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Fragen, die Vorboten des Zweifels,'begannen sich in meinem Innern zu ragen. Plötzlich wandte ich mich an meine Großmutter mit der Frage: „Großmütterchen, gibt's denn heute auch noch jene bösen (Seiftet, die, hinter Bäumen versteckt, den schönen Bräuten auflauern und vor denen jede Braut sich an ihrem Hochzeitstage in acht nehmen muß? Die Großmutter blickte mich verwundert an, allein sie gab kein« Antwort. „Sag mir's doch, Großmütterchen, ich möchte es gerne wissen!" „Von wem hörtest du 'das?" fragte die Großmutter. „In der Schule erzählten es die Jungen." „Du bist noch jung, mein Kind", sagte sie in gutmütigem Tone. „Solche Sachen sind nicht für dich. Wer viel weiß, altert vor der Zeit." Ich ließ mich jedoch durch diesen Weisheitsspruch nicht einschüchtern und mit der einem Kinde eigenen Zudringlichkeit forderte ich energisch eine Aufklärung über meine Frage. Sie sann einige Augenblicke nach. Ihre Stirne zog sich in Falten. Eine halbverschollene Jugenderinnerunq schien in ihr wieder auszuleben. „Nun 'denn", sagte sie mit sanfter ernster Stimme, „ich will dir die Geschichte von der schönen Tochter eines Schneiders erzählen." i* Die Großmutter begann: „Zur Zeit, als die Geschichte, die ich dir erzählen will, sich ereignete, mochte ich ungefähr sechzehn Jahre gezählt haben. Eine große Spanne Zeit verstrich seit diesem sonderbaren Ereignis, und doch ist mir's, als sei es erst heute geschehen. In unserer Stadt wohnte damals der Zadik (Wunderrabbi) Rebb Schmul, sein Andenken sei gesegnet; er war aus dem Dorfe Kursin, und deshalb nannte man ihn auch Rebb Schmul Kursiner. Ja, mein Kind, alles hängt vom Geschick ab. Auch Städte, Dörfer haben ihr Schicksal. Es gibt Städte, die fast ausschließlich von Juden bewohnt sind, und nicht einmal ein kleiner Zadik erblickt in ihnen das Licht der Welt. Dagegen wird in manchem Dorfe, das kaum zehn Juden hat, ein großer Zadik geboren, der mit seinem göttlichen Licht die ganze Welt erleuchtet. Rebb Schmul hatte viele Ghassidim. Aus her ganzen Umgegend, aber auch aus fernen Städten strömten sie in Scharen herbei, um seinen Segen zu empfangen, sein heiliges Wort zu vernehmen und seine Wunder zu schauen. An Fest- und Feiertagen wimmelte es 'in unserer Stadt von fremden Gästen. Und wie wurden die Feste gefeiert! Mit Tanz und mit Gesang, mit Lust und mit Freude... Es war eine glückliche, schöne Zeit!" Die Großmutter hielt inne. Die Erinnerung an die schöne, frohe Zeit ihrer Jugend löste bei ihr eine von Freude und Trauer gemischt« Stimmung aus. „Auch einen Schneider hatten wir damals in unserer Stadt; Baruch Leib hieß er. Du mußt nicht denken, daß er ein gewöhnlicher Schneider war wie alle die anderen ungeschlachten Schneider, die Nadelstiche und abscheuliche Witze zu machen verstehen. Baruch Leib war ein Schneider ganz besonderer Art, ein gelehrter und gottesfürchtiger Mann, und einer der eifrigsten Anhänger des Rebb Schmul. Freilich schrie er nicht beim Beten gleich den anderen Chassidim, und doch war er ein echter Ehassid und beim Zadik gut angeschrieben. Und ein Aussehen hatte er! Am Sabbat hättest du chn sehen sollen; da hatte er einen Kaftan an von feinster Seide, einen breiten seidenen Gürtel, einen Obermantel aus glänzendem Atlas, dazu die schneeweißen Strümpfe und die gewichsten Sandalen, und auf dem Kopfe die vielschwäNzige Zöbelmütze — ich sage dir, das war eine Gestalt, eine Erscheinung! Er ging gewöhnlich gemeffenen Schrittes, in Gedanken versunken, wobei er nach Art der Zadkkim seinen Bart unablässig glättete. Er war auch ein berühmter Schneider, selbst die Schlachzizen aus der Umgegend pflegten sich bei chm ihre kostbaren Gewänder nähen zu lassen. Die Schlachzizen kamen öfter in sein Haus, unterhielten sich stundenlang mit ihm, und sie sollen nicht selten öffentlich geäußert haben, daß ihnen das Verweilen im Hause Baruchs großes Vergnügen bereitete. Dieser Baruch Leib chatte eine Tochter, ein bildhübsches Mädchen, ein Edelfräulein, ein wahres Fürstenkind. Wer sie sah, stand wie geblendet von dieser holden Erscheinung. Selbst die Schlachzizen rühmten die Schönheit dieses jüdischen Kindes. Augen chatte sie so blau wie der Himmel, und ihr lockiges Haar glänzte wie Gold. Und ein großes Glück sollte ihr beschieden sein; sie sollte die Schwiegertochter des Zadik werden. Der Zadik selbst hatte es so bestimmt. Rebb Schmul hatte einen Sohn, der von Natur aus mit keinen besonderen Reizen ausgestattet war. Eine kleine verwachsene Gestalt mit bleichem Antlitz und matten, glanzlosen Augen. Aber was will das heißen? Bedenke, der Sohn des Zadiks! Das ist keine Kleinigkeit . . . Der Zadik verschwägert sich mit Baruch Leib, dem Schneider. Mag sein Baruch Leib, aber immerhin ein Schneider!. . . Als Baruch Leib von diesem ihm bevorstehenden Glück aus dem heiligen Munde des Zadiks selbst erfuhr, siel er ihm um den Hals, küßte ihn und weinte Tränen der Freude. Bald darauf wurde die Verlobung gefeiert. Die angesehensten Bürger der Stadt nahmen an der Freudentafel teil. Baruch Leib und seine Tochter wurden in der Stadt allenthalben beneidet. * Der Hochzeitstag nahte heran. In der ganzen Stadt herrschte ein Treiben und Getue, wie wenn alle Väter am heutigen Tage ihre Töchter unter die Haube brächten. Aus nah und fern strömten die Anhänger des Zadiks herbei, um die Freude dieses Familienfestes mit zu genießen. Das Haus Baruch Leibs erstrahlte in siebenfachem Glanze. In einem zum Tanzfaal umgewandelten Zimmer spielten die Musikanten, junge Mädchen tanzten, hüpften, drehten sich im Kreise, und die alten Mütter begleiteten Musik und Tanz mit taktmäßigem Springen und Händeklatschen. Nach altem Brauch tanzte die Braut zuerst mit den jungen Freundinnen, dann mit den älteren Frauen. — Und wie schön war diese Braut! Eine strahlende himmlische Schönheit, an der man sich nicht satt sehen konnte ... Baruch Leibs Herz überströmte von Gefühlen der Freude und der Glückseligkeit, als er den heiligen Rebbe mit seiner großen Anhängevschar die Schwelle seines Hauses betreten sah. — Allein, mein Kind, es gibt einen „bösen Blick". Glaube daran, ich weiß es aus Erfahrung ... Ja, der „böse Blick", der Blick des Mißgönners, des Neiders, bringt Gefahr ins Haus. Ein solcher böser Blick mußte damals im Hause Baruch Leibs das Unheil heraufbeschworen haben. Es war ein 'heißer Sommertag. Im Zimmer herrschte eine drückende Schwüle. Die jungen Mädchen kümmerten sich wenig darum; sie tanzten vergnügt um die Wett«. Die älteren Frauen waren -gerade «damit beschäftigt, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen, um der Braut, bevor sie zur