Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 32 (17.9.1920)
- Date
- 1920-09-17
- Page
- Seite 369 (sequence 9)
- Language
- German
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Und das alles soll nun eine, große Täuschung gewesen sein? Die Entdeckung des Judentums von Professor Eisenmeng er-Delitz sch erinnert nach der Ausdrucksweise des Talmuds an einen Taucher,, der auf den Meeresgrund hinabsteigt und nichts xheraufholt als einen Scherben. Am befremdlichsten aber muß diese nicht ganz neue Entdeckung auf das Volk der Schrift, auf die Nachkommen des Märtyrervolkes der Weltgeschichte, wirken. Seit Jahrtausenden rufen die Israeliten zweimal täglich das Adonaj echod in die Welt und haben sich für Jichud haschem an allen Erdenden drangsalieren >und massakrieren lassen. Und nun müssen sie von einem dmtschen Professor sich sagen lassen, daß es eine „große Täuschung" gewesen, für welche ihre Vorfahren gestritten und gelitten, für welche sie gelebt und ihr Leben geopfert haben! Wir glauben, daß das Judentum, das uralte, für gewisse Kreise noch einmal wird entdeckt werden müssen. In rabbinischen Schriften wird folgendes erzählt: Einst trug ein Vater seinen Sohn auf seinen Schultern, der Sohn aber fragte immerfort: Wo ist mein Vater? Bis dieser sagte: Merkst du es denn nicht, daß ich dich auf meinen Schultern trage? — Das Judentum ist der Vater, der das Christentum aus seinen Schultern trägt. Und da können christlich sein wollende Söhne fragen: Wo ist denn mein Vater? Lum Sühmsestr! Erhabner Tag! Mit Ehrfurchtsschauern Begrüß' ich dich! Empor aus irdischen Kerkermauern Erhebst du mich! Was mir getrübt der Sinne Klarheit, Es liegt mir fern — Ich schaue jetzt die reine Wahrheit Im Licht des Herrn! Des Lebens eitles Müh'n im Staube Ward leerer Tand; Es leitet mich ein hehrer Glaube Zum Vaterland — ' Und eine Hand, von Licht gewoben. Hebt mich empor, Um dort mit Engeln Ihn zu loben In heil'gem Chor! — Die Sündenlast mit ihrem Leide, Die mich bedrückt, Fiel ab — Mit reinem Unschuldskleide Steh' ich geschmückt. All' das gehässige Getriebe Es liegt so fern; Ich sinne und ich spreche Liebe Am Tag des Herrn! Oh, möcht' mein Leben sich gestalten Zum heil'gen Sang, Wenn dieses hohen Tages Walten Schon längst verklang! Er sei mir Führer und Berater Nun fort und fort. Halt' offen mir den Weg zum Vater, Zum Friedensport! — Sinn aber g. Saphr a. Drin Sühnungstag. Qom Rippur 56810 menfch, der du auf Erden lebest, sei nicht niederer Triebe Knecht! Was du tust, was du erstrebest, fei kein Frevel an dem Recht! Willst du nicht der Schmach erliegen, nur der Sünde Sklav' zu sein, strebe himmelan zu fliegen und halt' deine Seele rein. So wirst du dich selbst erlösen, wenn dein Herz es. will und mag. Dich zu retten vor dem Bösen, gab dir Gott den Sühnungstag. Hast du ihn, den Herrn, verlassen, such' zu ihm zurück den Pfad! Folge nicht dem Ruf der Massen; hör' nur deines Gottes Rat! Dann wirst du zu Höhen steigen, wo dich Himmelshauch umweht. Beug' dich dort in heil'gem Schweigen vor der Tugend Majestät! Und du wirst dich selbst erlösen, wenn dein Herz es will und mag. Dich zu retten vor dem Bösen, gab dir Gott den Sühnungstag. Konntest du dein Herz verschließen vor dem großen Menscheuleid, schließ' es auf und laß dort sprießen Blumen der Barmherzigkeit! Dann wirst du ein Glück empfinden, Das nur Reinheit einst dir gab, und wirst siegreich überwinden Schuld und Schmerz und Tod und Grab. Herr, so will ich mich erlösen. Gib mir Kraft, daß ich's vermag! Schütz' mich vor der Macht des Bösen durch den heil'gen Sühnungstag! G e l s e n k i r ch e n. S. K a tz. Der Gesang des Lösen. Eine chassidische Legende von M. M. B a a r o ch. VV^ eit hinter der Stadt, auf einem kleinen, einsamen ' V'l*' Hügel, stand das Häuschen meiner Großmutter. Ein stilles Friedenshäuschen, in duftendes Grün gebettet, blickte es halb träumerisch, halb andächtig hinab auf die an beiden Seiten mit breitblätterigen Pappeln bepflanzte Landstraße. Vor dem Hause erhob sich eine durch der Jahre Last gebeugte Eiche, deren blätterarme Zweige schlaff herabhingen. Unter diesem alten Eichenbaume pflegte meine Großmutter oft an warmen Sommerabenden auszuruhen. Da konnte sie stundenlang dasitzen und sich still vergnügt in die vergangenen schönen Zeiten hinüberträumen. Es war ein milder, heiterer Sommerabend. Großmutter saß auf ihrem Lieblingsplätzchen. Durch die spärlichen, leis bewegten Blätter drangen weißliche Mondstrahlen auf das liebliche alte Gesicht, das wie im Halbschlummer ins Unbestimmte starrte. Dieser Anblick wirkte mächtig auf meine kindliche Einbildungskraft. Traumbilder umschwebten mich und nahmen greifbare Gestalten an. Und auch die ersten