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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-09-17 · Heft 32 (17.9.1920) · p. Seite 368

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 32 (17.9.1920)
Date
1920-09-17
Page
Seite 368 (sequence 8)
Language
German
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Sammlung von ausgewählten Stellen aus der talmudischen und rabbinischen Literatur, die als Ausdruck einer gereizten Kampfstimmung aus gequälter Brust der Verfolgten hervorgegangene Aeußerungen enthielten, die den geläuterten Anichauungen einer christlich-human gesinnten Zeit nicht entsprachen, zu verfertigen, die er summarisch „Entdecktes Judentum" nannte. Der Titel dieses Werkes ist so einseitig wie sein Inhalt, denn der Talmud, und noch viel weniger ein Strauß von Dornen aus diesem Urwald, ist mit nichten das Judentum, dessen allein und ewig maßgebende Quellenschrift die Bibel ist, welche Eisenmenger, der Professor der orientalischen Sprachen, trotz seiner großen Gelahrtheit noch nicht entdeckt hatte. Nun sollte man meinen und annehmen dürfen, daß nach den zahllosen, auch volkstümlichen Darstellungen ihres religiösen Inhalts, die den Ruhm der neueren deutsch-theologischen Wissenschaft ausmachen, auch das biblische Judentum eine jedem Schulkinde bekannte Erscheinung geworden sein müßte, so daß ein Zweifel darüber nicht aufkommen könnte. Aber das ist eine „große Täuschung". Erst im Jahre 1914 nach Christi Geburt ist die Entdeckung desselben einem neuen Professor Eisenmenger gelungen. So darf man ihn wohl nennen, weil die Methode der wissenschaftlichen Behandlung bei diesem und seinem Kollegen Professor Delitzsch die gleiche oder eine ähnliche ist: unter Verschweigung und Uebergehung der zahllosen Bibelstellen, in welchen, wie gleich an der Eingangspforte der Heiligen Schrift, vom Weltengotte und seinem die ganze Menschheit umfassenden Walten die Rede ist, werden alle Rudimente, die aus vormonotheistischer Zeit sich in der Bibel erhalten haben, alle Vorstellungen eines naiven Volksglaubens, die durch prophetisches Wirken noch nicht ganz überwunden waren, alle altertümlichen Redewendungen und gottvermenschlichenden Ausdrücke, die nach ihrem Begriffswandel einen anderen als den ursprünglichen Sinn angenommen, einseitig und verallgemeinernd behandelt, um in der Hauptsache zu der Entdeckung zu gelangen: es ist eine große Täuschung, auf welche die christlichen Völker hereingefallen, zu meinen, daß das biblische Judentum in der Lehre vom Monotheismus gipfelte. Dasselbe ist vielmehr nichts anderes als Monolatrie, eine auf der Stufe der heidnischen Religionen stehengebliebene Anschauungsweise, da der von ihm verehrte und verkündete Jaho ein Schandgötze sei wie der Moloch und ähnliche scheusälige Lokalgrößen, und es müsse ihm darum die usurpierte Ruhmeskrone vom Haupte genommen werden. Das ist die neueste Entdeckung des Judentums. Was ist gegen diesen Kernpunkt der Behauptungen von Delitzsch sachlich einzuwenden? Im Jahre 1904 habe ich eine aus handschriftlichen Aufzeichnungen des verewigten Rabbiners Dr. Manuel Joel in Breslau ausgegrabene Abhandlung über das Thema „Der Mosaismus und das Heidentum" im Jahrbuch für jüdische GeAichte und Literatur veröffentlicht, welche sich mit der Frage der spezifischen Differenz des biblischen Judentums befaßt und darum gegenwärtig wieder als zeitgemäß die größte Beachtung verdient. Gleich in der Einleitung dieser Abhandlung heißt es: „Wir können uns die Unterscheidung zwischen Monolatrie und monotheistischer Weise, die Religion zu handhaben, schon darum gefallen lassen, weil sie selbst biblisch ist. Die Schrift verbietet ja nicht bloß den Götzendienst, sondern warnt auch (Deuter. 12, 30) recht dringend davor, den wahren Gott monolatrisch zu verehren. „Sage nicht: wie diese Völker ihren Göttern dienen, so will ich es auch tun. Nicht also sollst du tun dem Ewigen deinem Gotte." Auch wird kein Kundiger leugnen, daß es lange gedauert hat, ehe Israel sich von Monolatrie freigemacht, und daß es vorzugsweise das Verdienst der großen Propheten war, wenn sich das Volk zur höheren Auffassung der Religion erhebt." Das unterscheidende Kriterium aber der vom sogenannten Deuterottomiker gelehrten Religion ist die Bildlosigkeit und Undarstellbarkeit Gottes, aus die derselbe in Kapitel 4 besonders nachdrücklich als auf etwas Neues und Nochnichtdagewesenes hinweist. Nicht die bloße Annahme, daß nur ein Gott sei, war die Großtat der Prophetensondern die Auffassung des einzigen Gottes als eines hyperphysischen Wesens, eine Auffassung, welche die Ueberwindung jeglichen Aberglaubens in der Welt fordert und zugleich die Bedingung ist zu einem moralischen Verhältnis des Menschen zur Gottheit. „Das sittliche Pathos aller großen Propheten richtet sich daher keineswegs bloß gegen dm Götzendienst, sondern auch gegen die monolatrische, d. h. äußerliche Verehrung auch des wahrm Gottes." Aus Grund einer eingehenden Schriftuntersuchung kommt nun der Verfasser zu folgendem Ergebnis: „Die Unvergleichlichkeit Gottes, die ihn weghebt über alles Werden und Entstehen, über Leiden, Schicksale und darum auch über Leidenschaftm und Begierden, gibt ihm einerseits ein Sein, wie es kein anderes Wesen hat, das ursprüngliche, das unabgeleitete Sein, also das Prädikat der Ewigkeit, im Gegensatz zu allem anderen, das nur geschaffen ist, andererseits ein inneres Wesen, das, selbst frei von Bedürfnissen, keinm anderm Dienst verlangt als den Wandel, der in der Schrift ausdrücklich als „Weg Gottes" bezeichnet wird, zu wahren Liebe und Recht. Die Ewigkeit und Heiligkeit Gottes sind im Monotheismus eingeschlossen und brauchen bloß aus ihm hervorgeholt zu werden, wie sie in der Tat daraus häufig bei den Propheten hervorgeholt werden. Im Jesaias sind bisweilen alle diese Eigenschaften Gottes, seine Unvergleichlichkeit, Heiligkeit, schöpferische Erhabenheit über alles Geschaffene und Ewigkeit, gleichsam in einem Atem ausgesprochen: „Wem wolltet ihr mich vergleichen, daß Ich gliche, spricht der Heilige? Erhebet eure Augen gen Himmel und sehet: wer hat das alles geschaffen?" (Jesaias 40, 25 bis 29.) Dasselbe Kapitel macht auch aus dem Umstand, daß er alles hervorgerusen, die Konsequenz, daß kein Dienst, der ihm geweiht ist, seinetwegen getan werde, sondern nur unseretwegen, in den Worten: „Der Libanon genügte nicht zum Brennholz und sein Wild gmügte nicht zum Ganzopfer." Wir sprechm also ... als Resultat der ganzen Betrachtung den Satz aus, daß die monotheistische Fassung des Gottesbegrisfes allein imstande ist, den Glauben und die Verehrung Gottes von Aberglauben fernzuhalten. Wir sehen im Polytheismus und im Aberglauben geradezu Wechselbegriffe. Auch finden wir im Altertum nur einen wahren Monotheismus, den des Judentums, und glauben, ihn nicht besser schildern zu können als mit den wahrhaft klassischen Worten M a s p e r o s (Geschichte der morgenländischen Völker im Altertum, Deutsch von Pietschmann, Seite 287/288): „Tue Glaubensrichtung der Israeliten bildete den auffälligsten Gegensatz zu den kananäischen Religionen. Bei den Juden finden sich wohl einige unklare Spuren von einem ursprünglichen Heidentum, Götter (elohim), heilige Steine (Bethel), Götzenbilder (Seraphim), welche Familiengötter sind und zu dem ererbten Besitz des Stammes gehören, sie sind jedoch im Grunde Monotheisten. Und dazu hat sich ihr Monotheismus niemals wie in Aegypten und Chaldäa unter einer pantheistischen Hülle versteckt; er ist es innerlich und äußerlich. Sie haben nur einen Gott, und diesen Gott vermengen sie nicht mit dem Weltall, gestehen ihm weder Bestandteile noch Geschlecht zu. Ihr Gott ist von der Welt abgesondert, erzeugt nicht, noch wird er erzeugt, empfängt nicht, noch wird er empfangen, kein Gott steht ihm gleich, noch ist ihm einer untergeordnet. Die ganze Natur ist seiner Hände Werk, die Naturgesetze sind nicht vergötterte Aeußerungen von ihm, sondern bleiben stets beabsichtigte Wirkungen seiner Gottheit. Der Donner ist seine Stimme, der Blitz sein Licht, seine Waffe der Hagel und der Sturmwind., Donner, Blitz und Hagel werden nie zu selbständigen Wesen, sie sind Taten Gottes."

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