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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-09-17 · Heft 32 (17.9.1920) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 32 (17.9.1920)
Date
1920-09-17
Page
Seite 366 (sequence 6)
Language
German
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Der bisherige Breslauer Polizeipräsident Eugen Ernst bespricht, in der Abendausgabe des Berliner „Vorwärts" vom 6. d. M. die Breslauer Ausschreitungen, ihren Zusammenhang mit den Vorgängen in Oberschlesien und führt dabei über die antisemitischen Exzesse in Breslau folgendes aus: „In Breslau besteht eine alte jüdische Kaufmannschaft, die mit der Stadt vollständig verwachsen ist und mit der christlichen Bevölkerund in bester Harnwnie lebte. Der Radauantisemitismus war in Breslau glücklicherweise bedeutungslos. Seit einiger Zeit hat sich dort aber ein Schiebertum schlimmster Sorte eingenistet. Diese Gesellschaft hat früher in den polnischen Grenzstädten ihre unsauberen Geschäfte getrieben und bringt von dort alle Gewohnheiten des Schmuggler- und Gaunertums mit. Jetzt macht sie sich protzend in den Cafes und Hotels Breslaus breit. Die Bevölkerung sieht mit Haß, wie diese Parasiten ein raffiniertes Schlemmerleben führen, wie sie ihre Kokotten mit allein Schmuck und Tand behängen, wie das Geld bei ihnen keine Rolle spielt. Die Polizei ist viel zu schwach, um dieses neuzeitige Gaunertum mit Erfolg bekämpfen zu können. Nun ist bei diesem Schiebertum das jüdische Element besonders stark vertreten. (?) So sehr auch gerade die einheimischen Juden dieses Gesindel hassen, der unaufgeklärte Mann sieht hier nur den Inden und verfolgt mit seinem blinden Haß alle Juden. Auch hier tragen Mitschuld die akademischen Kreise. Statt mitzuhelfen an der Beseitigung dieser Pestbeule, hetzt man in blöder Weise gegen die Juden im allgemeinen. Hier sollte das Kultusministerium einmal mit starker Hand Lurchgreifen." Von der Untersuchung teilt der frühere Polizeipräsident mit, daß über 20 Teilnehmer, darunter die am schwersten belasteten, bereits verhaftet sind. „Wie bunt im übrigen die Gesellschaft zusammengesetzt war, zeigt, daß ein Zug erst ein patriotisches Lied und dann die Internationale sang." Offen gibt Ernst zu, daß die Sicherheitspolizei in allen ihren Gliedern versagte. * Es ist in unserem Blatte schon des öfteren eingehend dargelegt worden, was gerade Oberschlesien dem jüdischen Unternehmungsgeist, der jüdischen Intelligenz, jüdischer Beharrlichkeit und Geschäftsehrlichkeit verdankt; wir brauchen 'daher nicht im einzelnen darzulegen, von welchen Gefahren dieser für unser Reich wichtige und unentbehrliche Bestandteil im Falle seines Uebergangs in polnischen Besitz seitens des polnischen Wirtschastsantisemitismus bedroht wird. Eine Ration wie die polnische, die die Erlangung ihrer staatlichen Selbständigkeit nicht würdiger zu begehen wußte, als daß sie zu ihrer Feier den scheußlichen Judenpogrom von Lemberg veranstaltete, die in der Vertreibung sämtlicher Deutschen und Juden vom polnischen Boden eines der Hauptziele ihrer erleuchteten „Politik" erblickt, hat jeden Anspruch darauf verwirkt, in die Reihe der Kulturnationen ausgenommen zu werden. Die Gefahr, die durch die polnische unverschämte Anmaßung, einst auch nur vorübergehend zu Polen gehörende Gebiete, die erst durch deutschen Fleiß zum Kulturland gemacht worden sind, zu annektieren, um sie durch die sprichwörtlich bekannte „polnische Wirtschaft" auszusaugen und zu ruinieren, herausbeschworen wird, wird von allen wahren Vaterlandsfreunden nicht verkannt; in Oberschlesien ziehen Deutsche und Juden an einem Strange, und es ist ein überaus erfreuliches Zeichen, daß auch die wasserpolnische Bevölkerung dieses deutschen Landesteiles sich immer deutlicher der Gefahren bewußt wird, die ihr seitens der polnischen Annexionsabsichten drohen, und daß sie sich jetzt rege an der Aufklärungsarbeit beteiligt, die dort im Interesse der weiteren wirtschaftlichen Existenzfähigkeit geleistet wird. Rur eine Klasse von sonderbaren Deutschen, bemerken die „Mitteilungen zur Abwehr des Antisemitismus", hat es unternommen, diese wichtige gemeinsame Kulturarbeit zu stören: die deutschen Radauantisemiten vom Schlage eines Dr. P u d o r. Dieser hat kürzlich namens seiner Gesinnungsgenossen mehrere Eingaben an die zur Erhaltung Oberschlesiens für Deutschland tätigen Organisationen gerichtet, in denen mit echt antisemitischer Dreistigkeit der Ausschluß der Juden von dieser Arbeit gefordert wurde. Bekanntlich haben die in Rede stehenden Organisationen Herrn Pudor eine böse Abfuhr zuteil werden lassen, wobei sie nicht verfehlten, auf die wichtige und geradezu unentbehrliche Mitarbeit der Juden in dieser Angelegenheit hinzuweisen. Diese besondere Sorte des antisemitischen Patriotismus, der es fertigbekommt, den; eigenen Volksgenossen in den Rücken zu fallen, um damit die Geschäfte des Herrn Korfanty und seiner Leute zu fördern, soll man sich in Deutschland merken. Vielleicht verbindet sich nun Pan Pudor offen mit dem Pan Korfanty. * Minister Harnisch an Professor Einstein. Der preußische Unterrichtsminister hat, wie W. T. B. mitteilt, folgenden Brief an Professor Albert Einstein gerichtet: „Hochverehrter Herr Professor! Mit Empfindungen des Schmerzes und der Beschämung habe ich aus der Presse ersehen, daß die von Ihnen vertretene Lehre in der Oeffentlichkeit Gegenstand gehässiger, über den Rahmen sachlicher Beurteilung hinausgehender Angriffe gewesen und daß selbst Ihre wissenschaftliche Persönlichkeit von Verunglimpfungen und Verleumdungen nicht verschont geblieben ist. Eine besondere Genugtuung ist es mir, daß diesem Vorgehen gegenüber Gelehrte von anerkanntem Rufe, unter anderen auch hervorragende Gelehrte der Berliner Universität, sich zu Ihnen bekennen, die nichtswürdigen Angriffe gegen Ihre Person zurückweisen und daran erinnern, wie Ihre wissenschaftliche Arbeit Ihnen einen unvergleichlichen Platz in der Geschichte der Wissenschaft sichert. Wo sich die Besten für Sie einsetzen, wird es Ihnen um so leichter fallen, solch häßlichem Treiben keine weitere Beachtung zu schenken. Ich darf deshalb wohl auch der bestimmten Hoffnung Ausdruck geben, daß die Gerüchte nicht der Wahrheit entsprechen. Sie wollten jener häßlichen Angriffe wegen Berlin verlassen, das stolz darauf war und stets stolz darauf bleiben wird. Sie, hochverehrter Herr Professor, zu den ersten Zierden seiner, Wissenschaft zu zählen. Mit dem Ausdruck meiner ganz besonderen Wertschätzung Ihr aufrichtig ergebener Harnisch." * Schlemmerei im judenreinen Borkum. Alldeutsche Blätter brachten vor einiger Zeit die Notiz, daß die Hafenarbeiter von Emden gedroht hätten, den Verkehr nach Borkum lahmzulegen, wenn dort noch weiter das „Borkumlied", die antisemitische Nationalhymne der dortigen Badegäste, gesungen würde. In diesem Kampfe aber hätte das Germanentum gesiegt und das Lied, von dem ein Einsender der „Deutschen Zeitung" beteuert, daß es dem Borkumer Badegast ein unentbehrliches Tagesbedürfnis sei, ertöne wieder. Dazu bemerkt der „Vorwärts": So poetisch war die Sache jedoch nicht. Die Emdener Hafenarbeiter stießen sich gar nicht an den „geistigen" Vergnügungen der teutschen Badegäste, zumal der Bardengesang ihrer Männerkehlen bis Emden nicht zu hören war; um so größeren Anstoß aber nahmen ■ sie an der leiblichen Schlemmerei, die auf Borkum, und zwar auf Kosten der Emdener Bevölkerung, getrieben wurde. Hat doch selbst die „Deutsche Zeitung" gerühmt, daß in Borkum „auch die verwöhntesten Ansprüche" befriedigt würden. Während in Emden die Arbeiter hungerten und vier Wochen lang jeder Fleischverkauf wegen Fleischmangels eingestellt war, herrschte in Borkum eine derartige Fülle von Fleisch, daß die Badegäste Fleisch, Speck, Fett, Wurst usw. paketweise in die Heimat verschickten. Vieh wurde massenweise nach Borkum verschoben, erst recht Milch, und während in Emden die kleinen Kinder der Milch entbehren mußten, schlemmte in Borkum ein kaufkräftiges antisemitisches Publikum in Schlagsahne. — Gegen diese Schlemmerei haben sich die Emdener Hafenarbeiter gewandt und mit der Drohung, den Verkehr lahmzulegen, auch ein Kontrollrecht über die Sendungen nach Bovkum erlangt. Diese Tatsachen perdienen um so mehr festgehalten zu werden, als die alldeutsche Presse wochenlang versucht hat, die Schlemmereien in den Badeorten ausschließlich den jüdischen

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