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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-09-17 · Heft 32 (17.9.1920) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 32 (17.9.1920)
Date
1920-09-17
Page
Seite 365 (sequence 5)
Language
German
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die aus dent Leben em Kunstwerk mit Plan und Ziel macht, und damit im Bunde das gottesfürchtige Wirken für andere läßt über die Enttäuschungen triumphieren: „Mit Gottesfurcht tue deine Pflicht, das ist des ganzen Menschentums höchste Würde", lehrt Kohelet und zeigt damit die Richtung, in die auch neuere Weisheit weiset: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen." Oi „Die Welt gab ihm Gott ins Herz." Eine geistige Welt soll der Menschi in sich aufbauen: „Baumeister sei, wer trn auch bist. Der Bauherr Gott gab dir's Gerüst. So baue dich empor, Schiff im Umgang, Turm und Tor. Ich hoffe, du 'bist nicht so gemein. Willst mehr als Stall und Scheune sein." Zu den Bausteinen für den Gottestempel in der eigenen Brust gehören auch die Enttäuschungen. Glück und Erfolg könnten uns leicht satt und stumpf machen, daß wir uns an die Dinge der Außenwelt restlos verlieren und vergessen, daß wir nicht bloß dem Staube verwandt sind, sondern den ewigen Go-tteshauch in uns tragen. Unsere nie gestillte Sehnsucht ist unser Adelsbrief: Wir sind göttlichen Geschlechts. Wir gleichen dem geraubten Königskinde im Märchen, dem in seinen Träumen die Palmen seiner verlorenen Heimat rauschen. In unseren Sehnsüchten und Traumgebilden, da klingt und schwingt etwas vom Heimweh der Seele. In Gewinn und Vergnügen -läuft dies Gefahr, erdrückt und erstickt zu werden. Da kommen die Schmerzen und Nöte, die leidvollen Wahrnehmungen von der Unzulänglichkeit alles Irdischen und zeigen uns unsere wahre Bestimmung: das Ewige. Sie machen uns demütig, die Enttäuschungen legen den Finger aus unsere Mängel und Schwächen, treiben uns zur Selbstprüsung und zeigen uns den wahren Wert des Menschendafeins. Es gibt zwei Ansichten vom Leben. Die falsche pendelt nm das Wörtlein „haben" und ist auf „Glück" eingestellt. Die rechte steht unter der Forderung „gib" und strebt nach „Güte". Sinnig betont die biblische Festsatzung naton litten: gib, gib, und richtig wurde darauf aufmerksam gemacht, daß die hebräischen Buchstaben, ob man sie von vorn oder von hinten -liest, immer 'denselben- Sinn ergeben: „Gib". Mag es vorwärts gehen im äußeren Erfolg oder Rückschläge uns treffen, es gilt, nicht zu nehmen, sondern zu geben, und in der Pflichterfüllung den Weg zur wahren Lebensfreude zu erblicken. m Aus der festen Wohnung führt das Fest in die schwanke Hütte. Ze midiras kewa weseheb bediras arai. Zieh aus aus deinem festgebauten Hause und würdige das Glück im Winkel des lerchtgesügten Zeltes! Auch im sturmumtosten Obdach erwächst das stärkende Gefühl der Sicherheit, wen-n- Gottes Sterne durchs Laubdach funkeln, wenn das Empfinden der Gottesgemeinschaft in -die Seele flutet. Der alte Prediger hat tief ins Leben hineingeschaut, wenn er nach einem Psalmenverse tom wejaschar jizruni „Gvadheit und Schlichtheit die Wächter" nennt, die uns auch in der gebrechlichen Hütte schützen. Ein einfacher, schlichter Sinn macht auch ein einfaches, schlichtes Los, macht auch das Leben mit all seinen Enttäuschungen erträglich. Dem hebräischen Sprachgefühl ist tom aber nicht nur Gradheit, sondern Ganzheit, die innere Harmonie mit dem Unendlichen, die Geschlossenheit in der Vereinigung mit dem Ewigen. Gerade in unseren Tagen, wo Welten in Trümmer sinken und große Kulturen, die für die Dauer angelegt zu sein schienen, zusammenzubrechen drohen, sollen wir Juden, die Pioniere des Eingottglaubens, uns im Ewigen verankert fühlen, um so von innen des Lebens Nöte zu meistern. Solcher Idealismus muß unserer Jugend wieder aus den Augen leuchten, dann witd sie nicht seelisch in tatenlosem Weltschmerz oder blasiertem Weltgenuß tzeröden, sondern lernen, sich froh auch im unscheinbaren Wirken zu bescheiden: „An dem Eingang der Bahn liegt die Unendlichkeit offen. Doch mit dem engesten Kreis höret der Weiseste auf." Wochenschau. Berlin, 12. September. nter der Ueberschrift „Die Drahtzieher der Breslauer Judenhetze" bringt die in Breslau erscheinende „Jüdische Volkszeitung" folgende bemerkenswerte Ausführungen: „Das schlesische Hetzblatt sacht sich in mehreren Leitartikeln von der Schuld an den Tumulten am 26. August reinzuwaschen. Vergebliches Bemühen. Selten ist das Wort, daß, wer« sich entschuldigt, sich anklagt, so wahr wie in diesem Falle. Hier sei nur insoweit von den Ausschreitungen die Rede, als sie ausgesprochen antisemitischen .Charakter hatten. Der Besitzer des einen angegriffenen Hotels auf der Antonienstraße hat bekundet, daß ihm die Eindringlinge mit den Worten entgegentraten, es werde ihm schlecht gehen, wenn man Ostjuden bei ihm finde, diese selbst würden erschossen werden. Der Sprecher dieser Worte trug eine Handgranate, die er offensichtlich zu solchem Zwecke schon vor Beginn der politischen Demonstration auf dem Schloßplatz an sich -genommen hatte. Sicherlich war er nicht Mitglied der Redaktion der „Schlesischen Zeitung". Aber wenn diese von dem Boden spricht, auf dem die giftige Saat erwachsen sei, so sehe sie in die Spalten ihres Blattes! Die fast täglich erscheinenden offenen und mehr die versteckten Pöbeleien gegen unsere Glaubensgemeinschaft bereiten aufs wirkungsvollste die Pogromstimmung vor, die sich dann in Ausschreitungen gegen Eigentum. Leib innd Leben äußert. Die „Schlesische Zeitung" sucht in ihrem Artikel vom 29. August „Schuld und Schuldige" alles auf unsere politischen Feinde abzuwälzen, auf die Hungerblockade, die schwarze Schmach im Westen, die Schikane in den Abstimmungsgdbieten. Der Zorn hierüber erfüllt das ganze deutsche Volk. Glaubt aber die „Schlesische Zeitung" im. Ernst, daß gerade die „dunklen Elemente", aus denen sich der Janhagel am 26. August zusammensetzte, die Auslese des deutschen Nationalgefühls darstellten? Meint sie wirklich, daß diese 1000 Tumultuanten die unserem Vaterlande angetane Unbill schwerer empfinden als andere Bürger unserer Halbmillionenstaidt? O nein, dieser Pöbel, oder richtiger seine Führer, hatte keinen Funken von vaterländischem Gefühl, als sie polnische flüchtige Juden massakrieren wollten, die hierher kamen, um nicht gegen das Land kämpfen zu müssen, aus dessen Seite sie im Weltkriege gestanden hatten. Und die gegen jüdische Kriegsgewinnler und jüdische Schieber vor dem Cafs Residenz und dem Hotel Riegner tobten, sie wollten damit nicht dem Vaterlande nützen, sondern sich ein Lob bei denjenigen holen, welche die Binzer Schlagsahne nur von „fetten Judenweibern" aufessen und Gastein ausschließlich von jüdischen Kurgästen bevölkert sein lassen. Und wenn die „Schlesische Zeitung" darauf hinweist, daß einige aus der Menge die „Internationale" sangen, und daraus die Folgerung zieht, daß auch Arbeiter unter den Tumultuanten gewesen sein müßten, so würde dies nur beweisen, daß das alldeutsch-antisemitische Gift auch diesen Stand infiziert hat, ein Ergebnis, das, träfe es zu, der „Schlesischen Zeitung" sicherlich die hellste Freude bereiten würde. Wer dem dürste wohl nicht so sein. Vielmehr besteht hinreichend Grund zu der Annahme, daß die „Arbeiter" nichts weiter waren als die gleichen antisemitischen Agitatoren, die, in Arbeiterkittel verkleidet, in unseren großen Fabriken die Arbeiter in Pogromstimmung zu versetzen suchen. Die „Schlesische Zeitung" frage nur 'bei dem ihr so befreundeten Schutz- und Trutzbund an, dessen Versammlungen sie unter ihren Schutz nimmt! Er wird darüber Auskunft geben, wo die antisemitisch gesinnten Arbeiter zu finden sind, die sich an Judenpogromen beteiligen. Daß das Hetzorgan die Schuld nur bei.anderen, nur nicht bei sich selbst sucht, läßt daraus schlichen, daß es' nach wie vor weiter an der Verhetzung unseres Volkes arbeiten will. Es wird sicherlich den Rechtsertigungsartikel für den Tag nach dem ersten Judenpogrom schon im Manuskript fertig haben. Wer weiß, wie bald er gedruckt wird!"

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