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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-09-17 · Heft 32 (17.9.1920) · p. Seite 364

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 32 (17.9.1920)
Date
1920-09-17
Page
Seite 364 (sequence 4)
Language
German
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seine Kinder wichtiger erscheint als die Erfüllung des Gebotes. Mancher sinkt, weil er in dem Sichbeugen vor der allgemeinen Richtung des Denkens eine größere Pflicht erblickt als in dem Gehorsam gegen die Ueberzeugung. Der Unredliche hat gar nicht immer den Willen und die Absicht zu betrügen; er glaubt oft an ein inneres Recht, glaubt sich im Ernst im Recht gegen den anderen, gegen den Staat, der sein Handeln als strafwürdig erklärt. Solche Entschuldigung ist nicht zu billigen, sie ist gar keine Entschuldigung, aber es wird durch sie klar, daß an sich jeder gern das Beste wollte, daß wir unsere Schuld sehr oft nur begehen, weil wir in einem Irrtum über die höhere Pflicht befangen sind. Das ist nicht etwa gleichbedeutend mit der alten sokratischen Lehre, die rasch als haltlos sich erwies, daß die Erkenntnis schon Tugend ist, und also Tugend erlernbar ist; es ist der Ausdruck dessen, daß auch der triebhafte Wille von einem Denken gelenkt wird und darum nie an sich böse ist. Darauf nun gründet sich unsere Hoffnung auf einen sittlichen Fortschritt; wir bleiben auch als Sünder Menschen mit Würde, wir bekennen unsere Sünde mit dem Gefühl, daß nicht unergründliche Schlechtigkeit an ihr Schuld trägt, sondern Irrtum, und gründen darauf unsere Hoffnung auf Versöhnung. So schön und gut das aber auch sein mag, daß wir an die innere Hoheit und Reinheit der menschlichen Seele glauben, man muß aber doch mit Ernst fragen: Wird nicht durch diesen Anfang, der alle Schuld in Irrtum auflöst, die sittliche Energie geschwächt, wird nicht dadurch das Werk der Läuterung, der Buße, der Besserung von innen heraus aufgew'eicht und aufgelöst? Wir wollen doch, daß man mit Kraft und mit Aufwand aller Energie, deren man fähig ist, an das Ausroden des Schlechten, das in uns ist, herantrete, wollen, daß man seine Sünde einsehe, und ist's dann klug, von Anfang an zu sagen, alles war Irrtum? Darauf wäre zu fügen: Das ist eben die höchste Klugheit, die unendliche Weisheit des Judentums, gerade dadurch wird eben die Stärke der Besserungsmöglichkeit erzielt. Wenn wirklich der Mensch ein Gefäß der Sünde und Bosheit, von Geburt an schlecht wäre, welche Hoffnung wäre dann auf ein neues Leben, was hätte der Versöhnungstag für einen Sinn? Gerade wenn alles Irrtum war, dann allein ist die Möglichkeit da, durch das Anzünden einer besseren Erkenntnis ein neues Leben anzusangen. Wir müssen erkennen, daß wir auf falschem Wege waren; jeder tue das für sich nach seiner Weise, jeder weiß ja am besten, worin er geirrt, und wenn er es weiß, sollte da nicht die Möglichkeit sein, ein anderer Mensch zu werden? Wer unredlich war, der erkenne, daß das, was ihn gelockt, nicht so viel lvert ist, daß man darum die Qual des Gewissens, die Schande der Verachtung auf sich nehme. Wer lau war im Judentum, weil ihm die Notwendigkeit seiner Erhaltung noch nicht ausgegangen war, der kann, der wird anders sein, wenn er erst erkannt haben wird, welche geistige Macht das Judentum ist, was es bedeutet inmitten der Welt und der Völker, welche Zukunftsrichtung es dem Menschen geben will. Wer als seine Sünde erkennt, daß er unaufmerksam war und Gelegenheiten und Möglichkeiten, die sich ihm boten, nicht ergriffen und so sich gegen sich selbst vergangen hat, der wird nun erkennen, welche Fehlrechnung ihn genarrt, und wird neue Möglichkeiten nicht achtlos vorbeilassen. Wenn wir Menschen allesamt schuldig wurden, weil wir zu nachlässig waren in der Pflege völkerverbindender Gedanken, so sind wir nun belehrt und können vom Irrtum zu reinerem Tun hinschreiten. So überwinden wir die Sünde von innen heraus. Wohl wissen wirs, nicht alle Sünde schwindet dadurch, es bleibt zurück Leidenschaft, Jähzorn, Wildheit, Hunger, Not, aber ein gut Teil dessen, was die Seelen der Menschen bedrückt, kann doch so entfernt und ein besserer Wille kann entzündet werden. Den Willen zu klarerem Denken über die Pflicht anzufachen, das ist eine der Aufgaben des Versöhnungstages; läßt man von ihr sich be>vegen, dann fällt ein Teil unserer Schuld von uns ab nach dem Worte der Schrift: „Es wird vergeben werden der ganzen Gemeinde der Kinder Israel und dem Fremdling, der in ihrer Mitte wohnt, denn bei allem Volke war es Irrtum." Lnttsuschungen! Zum Sukkoth-Feste. Von Bezirksrabbiner Dr. B e e r m a n n (Heilbronn). ie Kraft einer Religion, hat Max Müller, der große Kenner religiösen Werdens und Wesens, einmal gesagt, zeigt sich darin, wie sie mit den Gegensätzen des Lebens fertig wird. Der gabenreiche Engel der Erntefreude und der dunkelumwölkte Bote der Herbstwehmut reichen am Hüttenfeste einander die Hände. Das Laubzelt lädt ein zur Erfüllung!des Satzes: „Freue dich an deinem Feste!", und am Festausgang wird uns das Buch der Entsagung in die Hand gegeben, darin wie. Herbstwind uns die Stimmung umhaucht: „Alles ist eitel und Jagd nach dem Winde." O Wie entstehen die Enttäuschungen, aus deren schmerzlichenr Erleben die Religion stille Segensmächte hervorzaubert, die sie in jene befruchtende Regengüsse wandeln möchte, um deren heilvolle Flut 'das Festgebet so inständig zu flehen weiß? Im Grunde genommen sind es Gesichtstäuschungen. Wenn nach dem Dichter der Jüngling in den Ozean mit tausend Masten voll Hoffnung hinausfegelt, um dann einst auf gerettetem Kahn als müder Greis den bergenden Hafen zu suchen, wo er von allen Irrfahrten endlich die ersehnte Ruhe findet, so liegt zumeist der Stimmungsmnschlag von Hoffnung zu Verzagtheit an den Augen, die anfangs die Dinge nicht sehen wollten, wie sie waren, sondern wie man sie wünschte. Vom Berge her erscheint der Strom als ein Silberband, das sich durch liebliche Wiesen schlängelt. Dem prüfenden Blicke der Nähe offenbart sich erst der schmutzige Schlamm, den das Wasser mitführt, und das häßliche Unkraut, das dem nährenden Korn den Boden streitig macht. Lockend winkt dem Jüngling das ferne Ziel. Verheißungsvoll grüßt der ersehnte Beruf. Die suchende Seele malt sich alles rosig und goldig aus in leuchtenden Farben, ohne Mängel und Schwächen. Was Wunder, wenn hernach die Wirklichkeit des grauen Alltags unbarmherzig die zarten Jugendträume zerstört! Oder bei der Gattenwahl glaubt man das Idealbild aller menschlichen Vorzüge zu gewinnen, um dann voll Schmerz und Bitterkeit allgemach die Flecken an der leuchtenden Sonne wahrnehmen zu müssen. Und so in den mannigfaltigsten Beziehungen, im Verkehr mit den Menschen und uns selbst gegenüber kommt die Stunde der Ernüchterung, wo der holde Wahn zerstiebt und wir entsagungsstark bekennen: „Was lehrt das Leben, gib mir 'bündigen Bescheid, hingeben, was dir lieb, hinnehmen, was dir leid." Immer tiefer lernen wir die alte Predigt der Laubhütte würdigen, zelatah merubbah mechammatah, deren Schatten stärker sein muß als das Sonnenlicht, dem die Laubdecke Einlaß gewährt. Und von hier aus begreifen wir den Sinn des Lebens, wie ihn Kohelet im faustischen Drange sich allgemach enträtselte. Nicht im Genuß liegt die Seligkeit und der Friede: „Und im Genuß, verschmacht ich nach Begierde." Nicht dem Wissensdurste ist restlose Stillung gewährt: berow daas row ’machow, „mit der größeren Weisheit wächst das größere Weh'", „ich sehe, daß wir nichts wissen können, das will mir schier das Herz verbrennen". Nur die Arbeit an «der eigener^' Versittlichung,

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