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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-09-17 · Heft 32 (17.9.1920) · p. Seite 363

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 32 (17.9.1920)
Date
1920-09-17
Page
Seite 363 (sequence 3)
Language
German
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unser Leben gelebt, was wir aus ihm gemacht, ob wir aus uns herausgeholt haben, was wir nach Unserer Fähigkeit aus uns machen konnten, ob wir geleistet, wozu wir imstande waren. Und alles, was wir je versäumt, was je wir Falsches getan, tritt grinsend und höhnend vor uns hin, wir erkennen, wie sehr wir schuldig sind. Ohne daß wir imstande find, das Wort Sünde im einzelnen genau zu umschreiben, fühlen wir. daß wir sündig find und der Sühne bedürfen. Und nicht bloß als einzelne fühlen wir uns verantwortlich, nicht bloß, was wir gefehlt gegen unsere unsterbliche Seele, tritt vor uns hin, das Böse, das wir taten in Handel und Wandel, als Väter und Gatten, die sträfliche Lässigkeit, die wir an den Tag gelegt in den Angelegenheiten der gemeinsamen Mutter, der Judenheit, wir fühlen unsere Verantwortlichkeit für den ganzen Lauf der Menschheit. Was wir gewahren, die wild wogende Mut deS Haffes, das Reden in Sprachen, die der Nachbar nicht verstehen kann, wir können's nicht einfach als | unabwendbares Schicksal hinnehmen, sondern müffen's be- ( greifen als die Wirkung auch unser er Schuld, weil wir alle j im kleinen nicht so gelebt, daß im großen Liebe und Der- | trauen herrschen könnte, weil wir alle nicht unsere Pflicht zur j Genüge getan haben und tun, um die Gedanken zu bekämpfen, , die friedenstörend sind. Aber mitten in diese herbe Mahnung tönt der milde und beschwichtigende Klang des Wortes „Versöhnung". Schuld soll nicht Schuld bleiben, der erbarmende Gott schaut auf des Menschen heißes Verlangen nach Reinheit j und schenkt ihm Verzeihung. Versöhnung soll ausgegossen sein | über seine Seele, Versöhnung soll aufkeimen zwischen Mensch und Mensch, Volk und Volk, versöhnen soll der Mensch sich mit seinem Schicksal, daß er nicht mehr hadere mit dem Lauf des Lebens. Aber welche von diesen beiden Stimmen ist die erste, soll zuerst ertönen? Die herb mahnende, die uns wachrüttelt, oder die tröstende? Von der Reihenfolge dieser Stimmen hängt nicht bloß die Prägung des Charakters des Festtages ab, sondern die ganze Seelenstimmung, aus welcher heraus ein solcher Tag wie der Versöhnungstag geboren werden konnte, die ganze Richtung der Religion, zu der wir uns bekennen und in der wir leben. Wollte man nach der Logik gehen, so müßte der strafende Weckruf zuerst erschallen, müßte mit ihm der Festtag anheben. Und doch ist dem nicht so. sondern der Tag hebt mit dem Rufe '22 *?2*? N^O21 N22V2 2iH blb '2 D21B2 ->2N “12S1 „Es soll vergeben werden der ganzen Gemeinde der Kinder Israel und dem Fremdling, der in ihrer Mitte wohnt, denn bei allem Volk > war es nur V e r s e h e n." Was bedeutet es, daß mit ihm der Tag beginnt, was birgt sich in ihm. welche Richtung gewinnt unsere Seele daraus? Nehmen wir das eben Entwickelte nochmals auf. Wir würden doch erwarten, und jeder täte es, daß der Tag der Entsühnung begänne mit der härtesten Rede. Gleich einem Hammer müßte er losschlagen auf die felsige Kruste, die des Menschen Herz umschließt! wie man auf hartes Gestein einhaut, so müßte man auf den Menschen einhämmern, denn das erste muß ja sein, daß man den gedankenlos Hinlebenden die harte Wirklichkeit, die nackte Wahrheit zu Gemüte führt; daß man den in Selbstzufriedenheit Dahindämmernden zeigt, wie wenig Ursache sie haben, mit sich zufrieden zu fein. Und die meisten sind doch so, daß sie es zunächst mit aller Schärfe zurückweisen würden, wollte man ihnen sagen, daß schwere Schuld auf ihnen lastet. Man brauckit dabei gar nicht so sehr die Mißachtung der Dinge im Auge zu haben, die zum ' jüdischen Leben gehören; darin waltet ja heut eine starke Freiheit, und das» Recht der persönlichen Stellungnahme ist unantastbar geworden, aber selbst wenn man die sittlichen Dinge allein im Auge hat, wer hat denn da das Gefühl, daß er schuldig geworden ist? Die äußere Wohlanständigkeit, in der die meisten sich ja wohl bewegen, macht, daß sie das Gefühl eines tadellosen, unsträflichen Lebenswandels haben, und der Versöhnungstag müßte also damit beginnen, die Maske abzuveißen, zu zeigen, wie das meiste unseres Sündenfreiseins auf der blaffen Furcht vor der Strafe beruht, zu zeigen, wieviel Heuchelei und Verstocktheit, wieviel Lieblosigkeit und Härte in uns ruht, welche Fülle von schlimmen Wünschen in uns wach ist, wieviel Unredlichkeit und Lüge in unserer Seele, denn auf die kommt es ja an, und in unseren Gedanken ist, wieviel Lässigkeit und Trägheit in uns steckt, und erst wenn das gestehen ist, dürfte der Klang der Versöhnung an unser Ohr dringen, und statt bellen alsbald dieser weiche, zarte Klang: „bei allem Volk war es nur Versehen". Was hat das für einen Sinn? Hier tritt eben die alte Grundauffassung des Judentums mit unverhüllter Deutlichkeit zutage. Gerade an dem Tage, der der härtesten und strengsten Auseinandersetzung mit Gott und mit uns selbst gewidmet ist, muß es von Anfang an gesagt werden, daß das Judentum den Menschen nicht als ein Gesäß der Sünde betrachtet, daß wir nicht glauben, daß der Charakter des Menschen von Hause aus schlecht ist und daß nur durch fremde Hilfe der Mensch entsühnt werden kann, daß ein Erlöser ihn aus dem Pfuhle ziehen müsse, sondern daß seine Seele rein ist und daß er das Gute aus eigener Kraft tun kann und dem Guten zuneigt. Haben wir diese Lehre, mit der das Judentum seit Jahrhunderten gegen eine ganze Welt steht, lckion immer mit Nachdruck betont, so müllen wir das heut mit besonderer Schärfe tun. Denn sicher wird man aus der Betrachtung der Zeit einen Beweis gegen das Judentum schöpfen wollen; man wird sagen, was wir erlebt, der wilde Haß der Menschen gegeneinander, der Rückfall in Barbarei, das Aufflammen der Ausbeutungsgier unter den Volksgliedern, das wäre alles gar nicht möglich, wenn nicht der Mensch von Hause aus ein böses wildes Tier wäre, ein Raubtier mit nur halb gebändigten Instinkten; nie könnte er aus solcher Bosheit sich erheben, wenn nicht Gott seine Sünde auf sich nähme. So wird man sage»! und wird von dieser Stelle her versuchen, das religiöse Denken Europas, das doch, soweit Nächstenliebe und FeindeSliebe in Betracht kommen, in den hinter uns liegenden Jahren und auch jetzt noch so sichtlich Schiffbruch gelitten hat, in seiner Lehre vom Menschen nachträglich zu rechtfertigen und neu zu begründen. Demgegenüber treten wir selbst an dem Tage der Versöhnung, dem heiligsten im Jahre, mit dem Bekenntnis hin, daß wir uns den Glauben an den Menschen, an die Hoheit seiner Seele, die Reinheit seines Willens nicht rauben lassen; wir sagen, es gibt keine angeborene Sünde, in die man heillos verstrickt ist, alle Sünde ist Jrriunr, und nicht Bosheit. Aus Irrtum ist das Unglück unseres Geschlechtes hervorgegangen; es denkt irrtümlich, daß nur in weiten Räumen und Machtfülle ein staatliches Leben Glück bringen könne; eS denkt irrtümlich, daß das materielle Wohlergehen das Ziel allen menschlichen Gemeinschaftslebens sei; es denkt irrtümlich, daß wir schon eine festgegründete seelische und sittliche Kultur hätten; es denkt irrtümlich, daß die Verschiedenheit der Menschen und Völker sie zwinge zu betonen, was sie vom anderen unterscheidet. Irrtum war unser Leben, und daraus entsprang die Sünde des Hasses und der Zerfleischung. Alle Sünde ist Irrtum, in jedem Menschen wohnt Gutes und Böses beieinander, in jeder schlechten Tat ist immer noch ein Schimmer von Gutem. Niemand ist zu verwerfen, denn jedem schwebt wohl bei seiner Tat ein Gedanke voran, der an sich gut und richtig und nur in seinem Zusammenhang falsch ist. Wir straucheln, weil uns irrtümlich im Augenblick ein falsches Ziel als das wichtigere erscheint. Ein Mensch gerät in Schuld, wird unehrlich, weil ihm in einer Stunde der Schwachheit das Erraffen von Geld und Gut für

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