Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 32 (17.9.1920)
- Date
- 1920-09-17
- Page
- Seite 362 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229474--75944-3288487- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
wo er sich zuerst mit dem Jnseratengeschäft befaßte, machte er. sich im Jahre 1867, erst dreiundzwanzigjährig, selbständig. Er gründete in der Friedrichstraße, an der Ecke der Leipziger Straße, eine deutsche Zeitungsannoncen-Expedition, die er in, kurzer Zeit zu einer ungeahnten Blüte brachte. Am 1. Januar 1872 begründete er das „Berliner Tageblatt", dessen erster Redakteur Adolf Streckfuß, der Schilderer der Geschichte Berlins, war. Am 1. April 1889 folgte die Gründung der „Berliner Morgen-Zeitung""; im Juli 1904 ging die „Berliner Volks-Zeitung" aus den Händen Emil Cohns in den Verlag Rudolf Mosse über. Erwähnt sei noch die Gründung des „Reichsadreßbuches", der „Wochenausgabe des Berliner Tageblatts" und des zu großem Aufschwung gelangten Buchverlags. Im Februar 1890 ging unser Blatt, die „Allgemeine Zeitung des Judentums", in den Besitz von Rudolf Mosse über, die er weniger aus Aussicht auf Gewinn als aus Interesse für das Judentum, aus Pietät für den Väterglauben übernahm. Von dieser Pietät geleitet, nahm er auch regen Anteil an allen Bestrebungen, die zur Hebung des Judentums im Innern und nach außen dienten. Nur war der Grundzug seines Wesens das Wirken rat stillen. Mit Ausnahme der Berliner Jüdischen Reformgemeinde, deren Verwaltung er mehrere Dezennien — eine Zeitlang auch als erster Vorsitzender — angehörte, und des Vereins „Lehrlingsheim Pankow", in dessen Kuratorium er nach dem Tode Isidor Loewes als erster Vorsitzender gewählt wurde, ist uns keiner von den vielen jüdischen Vereinen, die er reichlich mit pekuniären Mitteln unterstützte, bekannt, in dessen Leitung er eine führende Stellung einzunehmen je die Absicht gehabt hätte. Eine Ausnahme bildet noch der Hilfsverein der deutschen Juden, dem er seit seiner Begründung als Mitglied des Zentralkomitees angehörte. Nicht nur drängte er sich nach Aemtern und Würden nicht, sondern er lehnte alle an ihn gerichteten dahinzielenden Angebote mit dem Bemerken ab: sein Interesse für die Sache sei nicht von der Wahl seiner Person in irgendeine führende Stellung abhängig. Aus diesem Grunde und wohl auch, weil er kein Ehrenamt bekleiden mochte, dem er sich nicht mit der ihm eigen gewesenen Tatkraft widmen konnte, schied er nach opferwilliger Wirksamkeit aus der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde, der er mehr als ein Jahrzehnt als Mitglied angehörte. Der Name Rudolf Mosse aber wird in der Geschichte der Berliner Jüdischen Gemeinde, zu deren vornehmsten und wohltätigsten Mitgliedern er zählte, in Ehren fortleben. Unsterbliche Verdienste hat sich der Verklärte um die arme Bevölkerung Groß-Berlins erworben, so daß anläßlich seines 70. Geburtstages der Magistrat eine Straße nach ihm benannte, eine Auszeichnung, die Moses Mendelssohn und Meyer beer erst lange nach ihrem Tode seitens der Berliner Stadtverwaltung zuteil wurde. Seine großen Verdienste um Deutschlands Wirtschaftsleben, die allgemeine Würdigung fanden, fanden besonders gebührende Anerkennung in der Stadt, in der er seine ersten Lehrjahre verbrachte: in Posen, die gleichfalls einer ihrer Straßen den Namen Rudolf Mosse verlieh, und von der juristischen Fakultät der Universität Heidelberg, die ihn zum Ehrendoktor ernannte. Erwähnt sei noch seine Wahl in die Berliner Handelskammer, die nun in ihm eines ihrer hervorragendsten Mitglieder verliert. R u d o l f M o s s e hat vermöge seines beispiellosen Fleißes und seiner großen Intelligenz bedeutende Reichtümer erworben; aber er war, wie ihm mit Recht nachgerühmt wird, nie vom Gelde beherrscht, sondern stets beherrschte er das Geld, indem er es in den Dienst der Menschenliebe, der sozialen Fürsorge stellte, ohne eine Grenze zwischen Mensch und Mensch zu ziehen. So gründete er vor bald dreißig Jahren in seiner Geburtsstadt Grätz das nach seinem Vater Dr. Marcus Mosse benannte Krankenhaus sowie das „Rudölf»Mosse-Heim", bestimmt für gebrechliche, erwerbsunfähige Peksvnen beiderlei Geschlechts, dann in Berlin- Wilmersdorf die „Emilie-Rudolf-Mosse-Stiftung" für Kinder aus gebildeten Ständen, eine fernere Stiftung, die für erwerbsunfähige Personen in Berlin bestimmt ist, und dir Pensionskafse für die Angestellten der Firrya, die, 1892 begründet, im Laufe der Zeit immer weiter ausgebaut worden ist. Für die Liebestätigkeit, wie R u d o l f M o s s e sie in seinem reichgesogneten Leben ausübte, ist nichts charakteristischer als das Tagebuchblatt, das Freiherr v. Dincklage^Campe seinem Bildnis beifügte, das er für sin Album zum 70. Geburtstage Rudolf Mosses stiftete: „... dann Radfahrt über Wilmersdorf—Schmargendorf, das mir noch fremd. Finde neuen, schloßartigen Bau am Wege noch Grunewald. Mittelbau mit Turm, an den sich zwei Flügel lehnen. Sitze ab, um zu fragen, was das sei. „Das ist die neue Mosse-Stiftung!" lautete di« Antwort. Bitte, eintreten zu dürfen. Direktor selbst führt mich durch alle Räume, hell — hoch —gesund. „Erziehungsanstalt für 100 Kinder verarmier besserer Familien — ohne Rücksicht auf Bekenntnis — bis zu 15 Jahren." Fand alles belegt. Nordflügel 50 Knaben' — Südflügel 50 Mädchen. Ueberall musterhafte Ordnung! Lehrer, Pfleger, Erzieher — ganz wie in einer Pensionsanstalt. „Und wer zahlt für die armen Kinder, die in so fröhlicher Stimmung und so gut gekleidet sind?" „Gehört alles zur Stiftung", erwiderte der Direktor. „Außer an Gebäuden, Spiel- und Turnplätzen, Gärten und dem, gesamten Inventar sind 2% Millionen für den Betrieb und die Unterhaltung überwiesen!" „Und das alles stiftete Herr Mosse allein?" „Doch nicht!" antwortet der Herr nicht ohne Stolz. „F rau Emilie Masse half ihm dabei — sie ist die Seele des Hauses!" — „Aber wie ist es möglich, daß man von einem solchen Unternehmen nichts hörte — durch die Zeitüngen?" fragte ich erstaunt. „Herr Mosse ist doch selbst Besitzer großer Blätter." Mit feinem Lächeln sah der Direktor zu mir hinauf : „D i c ReklamemachtHerr.Mossewohlfürandere,aber nicht für sich selbst!" Ich errötete beschämt über meine Frage — das Schöpfte und Edelste am Wohltun hatte ich nicht gleich erkannt. Um eine schöne Erfahrung reicher fuhr ich weiter." Ein talmudischer Ausspruch lautet: iiPBD löSn? ßp PiDS So mancher erwirbt sich die ewige Seligkeit, unsterblichen Nachruhm in einem einzigen Augenblick. Das Leben Rudolf Mo sses, das, der Menschheitsidee gewidmet, ein Kiddusch haschem war, hatte viele solcher Augenblicke aufzuweisen. Das wissen alle, die ihm nähertreten dursten. Wehwütigen Herzens rufen wir ihm nun den letzten Scheidegruß nach: Ziehe hin zum ewigen Friedm! A l b e r t K a tz. Lum Verköhnungstagr. Bon Rabbiner Dr. Dienemann (Offenbach a. M.). „Und es wird vergeben werden der ganzen Gemeinde Israels und dem Fremdling, der in ihrer Mitte wohnt, denn bei allem Volk war es nur Versehen." in doppeltes Antlitz zeigt der Versöhnungstag, rin ernstes, strafendes, aus dem drohend Blitze zucken, die tief ins Herz uns treffen, und ein sanftes, mildes, tröstendes, Wunden heilendes, Ruhe spendendes. Hart und strafend ruft er unsere Sünde uns ins Gedächtnis, bringt er uns zur Erkenntnis unserer Schuld. Er pocht an die Tore unseres Herzens, und da er anklopft, gerät alles in uns in Unruhe. Halbverschüttetes wird wach. Schlafendes erhebt sein Haupt, und ein jeder, der mit ernstem Sinn und aus innerem Drang ihn begeht und nicht etwa nur aus Gewohnheit, beginnt die große Rechenschaft mit sich selbst. Wir fragen uns, wie wir