Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-09-03 · Heft 31 (3.9.1920) · p. Seite 360

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 31 (3.9.1920)
Date
1920-09-03
Page
Seite 360 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229443-3229473--75937-3288479
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

M sah ihn an, sein gramverzerrtes Antlitz flößte mir Mitleid ein. Mir war es, als mühte ich freundlich zu dem fremdeu, gebrochenen Manne fein. Ich stand auf, faßte ihn bei den Schultern und sagte: „Was ist denn los, was weinst du denn?" „Berzeih, Herr, verzeih", er stockte schon wieder, um sich die Tränen abzuwischen, „ich habe eine Bitte an euch, der Verwundete mit dem Bauchschuß ist mein Schwiegersohn" — und . plötzlich, als würde die Angst ihm die Kehle zuschnüren, brüllte er mir entgegen: „Wird er leben bleiben, wird er leben bleiben?" Mich dauerte der Arme, und ich ging mit ihm in das andere Zimmer, wo sein Schwiegersohn schwer stöhnend lag. Es war eine sehr schwere Verletzung, und nach allem zu urteilen, würde er nicht mit dem Leben davonkommen. Seiner Bitte, seinen brennenden Durst zu löschen, konnte ich nicht Nachkommen, Leute mit Bauchschüssen dürfen nichts zu sich nehmen. Ich tröstete den Alten mit kurzen Worten, empfahl den Verwundeten den Wärtern und befahl, mich zu rufen, sobald sich das Befinden des Kranken verschlimmern sollte. Dann ging ich mit dem Russen wieder in das andere Zimmer, er suchte meine Hand zu ergreifen, um sie für den Beistand;u küssen, aber ich entzog sie ihm. Wir nahmen wieder unsere alten Plätze ein, er am Ösen, ich auf der Tonne. Es waren einige Minuten vergangen, da fing er plötzlich wieder an: „Verzeih, Herr, verzeih, ich muß euch mein Unglück erzählen." Ich nickte nur, und nun sing er an zu berichten, voll Stolz von seinem Heim, voll Liebe von den Seinen, voll Haß aber, voll ingrimmigem bitteren Haß vom Krieg und von seinen Kameraden. Er erzählte alles, was ich zu Beginn mitgeteilt habe, denn Joseph war der gebrochene Mann, der da vor mir saß, und Simon der, den deutsches Blei zerfetzt hatte. Es war schon spät in der Nacht, und immer noch erzählte Joseph. Er hatte sich erhoben und gestikulierte lebhaft, er hatte sich in ein Feuer hineingeredet, daß die alten, müden Augen noch einmal leuchteten. All sein Leid trug er mir, dem Fremden, dem deutschen Soldaten vor. Er hatte geredet, sich wieder gesetzt, und jetzt stieß seine keuchende Brust nur noch qualvoll die Worte hervor: „Was würde Stascha sagen, was würde Stascha sagen?" Ich hörte noch diese Worte, dann schlief ich nach den Mühen des Tages ein. Gegen Morgen, als der erste Schimmer des neuen Tages in die düstere Bauernstube schien, wurde ich ausgerüttelt; ein Wärter flüsterte mir ins Ohr, der Russe ist gestorben. Mein erster Blick galt Joseph, er war verschwunden. „Wo ist der Gefangene?" rief ich dem Wärter zu, ich hatte Angst, er wäre entwischt. Der Wärter wies auf die andere Stube. Da saß Joseph zusammengebrochen am Sterbelager Simons, den Kops über ihn gebeugt, das zerknüllte, zerfetzte Gebetbuch in der Hand, Gebet auf Gebet stammelnd, um ihn herum aus schmutzigem Stroh die anderen Verwundeten. Joseph weinte nicht mehr, der Schmerz drückte ihm die Kehle zu, ein Bild des Jammers. Als ich zu ihm kam, sah er mich mit entsetzlich wirrem Blick an, daß es heiß in mir ausstieg. Ich glaube, er sagte dauernd, was werde Stascha sagen, was wird Stascha sagen. Ja, sie konnte es nicht ahnen, daß ihr Liebstes fern von den Seinen unter den gräßlichsten Schmerzen sein Leben ausgehaucht hatte. Aber einst werde auch sie es erfahren müssen. Ich ließ Joseph am Lager Simons. Er bat mich, als letztes Andenken seines besten Kameraden die Uhr mitnehmen zu dürfen. Ich machte ihm klar, daß dies laut den Kriegsgesetzen nicht ginge. Er wurde bald darauf als Gefangener dem Gefangenenlager zugeführt. Beim Abschied ergriff er meine Hand — ich wehrte mich nicht mehr — und drückte einen langen, brennenden, dankenden. Kuß daraus. Armer Joseph! —-- Und weiter zogen wir neuen Siegen entgegen! _ Literarische Mitteilungen. I. L. Perez: In Fesseln. Verlag R. Löwit, Wien und Berlin 1920. Ein neues Werk von Perez ist immer ein Ereignis, weil kaum einer unter den lebenden jüdischen Schriftstellern das jüdische Er- - lebnis so zu packen versteht wie dieser Dichter. Es sind keine Schemen, keine PhantasiegestMen, die uns entgegentreten, sondern Menschen von Fleisch und Blut, geschöpft aus den mannigfachen Typen der warm pulsierenden jüdischen Gegenwart. Was ist das für eine wundervolle Gestalt, der Klausner Sindinger, der von den Gemeindegewaltigen an die Kette der Schultür angeschlossen wird und in dessen reiner Seele der Gedanke an eine andere Welt lebt! Es ist schwer, aus diesen drei Akten den Faden der Handlung herauszufinden, und es will mir scheinen, als ob es auch belanglos wäre. Die Pracht der Verse, die Fülle der Gedankten machen die Hauptsache des Stückes aus. Oft sind es nur dahinströmende freie Rhythmen, die ihren Weg, zum'Munde nehmen. Dieser Sindinger, er will die Fäulnis des jüdischen Bürgertums, die sich in dem reichen emporgekommenen Ba.ru ch verkörpert, sprengen. Er hat die Seele von Baruchs Tochter gefangengenonlmen, sie aber hat ihn verleugnet, „um ihres Vaters weißes Haupt willen und um der Mutter krankes Herz". Aber Baruchs Tochter kann ihren Verrat nicht überleben und sucht den Tod im Teich. Nur eine Dirne versteht das, was Sindinger will,- sie fühlt die Flamme, die aus seinem Herzen der Weit entgegenlodert und in ihr sieht -er die wahre Reinheit. Sie findet die Kraft, ihn aas der Kette zu. befreien, und beide gehen zum Teich hinunter, wo Baruchs Tochter den Tod gefunden hat. Ist auch das Stück in seiner Symbolik nicht durchaus klar, bleibt es nicht ganz verständlich, was Perez <tm Schluß gewollt hat, so erscheint doch das ganze Drama als ein Protest gegen das Bürgertum, gegen die Gemeinde gewaltigen und als ein Aufruf zu einer inneren Revolution im Judentum! B r e s lau. Dr. W. C. Mchernnlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. The Jewish Quarterly Review. New Series. Edited by Cyrns Adler, Philadelphia. Vol. V April 1915, VI April 1916, VII July 1916, VII Oetober 1916, VII January 1917, VII April 1917, VIII July 1917, VIII . Oetober 1917, VIII January 1918, VIII April 1918, IX July and Oetober 1918, IX January and! April 1919, X Juli 1919, X Oetober 1919 and January 1920, X April 1920. „Menorah", Wörterbuch. Neuhebrüischi-Deutsch. Deutsch-Neu- Hebräisch. Bearbeitet von Dr. I. Grün b erg und A. M. S i l b e r - mann. Berlin 1920. Hebräischer Verlag „Menaah", Berlin-Wien. Kriegsbuch der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Freudenthal. Kommissionsverlag von I. L. Schräg, Nürnberg 1920. Schriften, herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Grundriß der Gesamtwissenschaft des Judentums. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter und in der Neiuzeit, von Georg Caro. Band 11. Leipzig, Buchhandlung! Gustav Fock, Menschheitswerte und Völkerbund. Fünf Preisausschreiben von Reinhold S ch nt i b t, Felix Hal le, August M e s se r, L. B a r t he l, Emil Cohn. Herausgegeben von der Mvritz-Manheimer-Stiftung der Grohloge für Deutschland. Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., Gotha 1920. Vermittlung und gute Dienste in Vergangenheit und Zukunft. Von Edgar de Me lv i ll e. Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., Gotha 1920. Beamte der Wormser Jüdischen Gemeinde (Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart). Von S. Rothschild, Lehrer an der Stadtschule zu Worms a. Rh. und Sekretär der Jüdischen Gemeinde daselbst. 1920. I. Kauffmann Verlag, Frankfurt a. M. Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde, XXXIV. Grundbuch des Kölner Judenviertels, 1135 bis 1425. Ein Beitrag zur mittelalterlichen Topographie, Rechtsgeschichte und Statistik der Stadt Köln. Herausgegeben von Adolf Kober. Mit einer Karte des Judenviertels. Bonn, P. Hausteins Verlag, 1920. Mose. Eine Erzählung für die Jugend von Frieda Weißmann. Mit vierzehn Bildern von Käte Ephraim-Marcus. 1920. I. Kaufsmann Verlag, Frankfurt a. M.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.