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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-09-03 · Heft 31 (3.9.1920) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 31 (3.9.1920)
Date
1920-09-03
Page
Seite 359 (sequence 11)
Language
German
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Hoffnung. Roschhaschana 5681. ^^^as Jahr flog hin mit Windesschnelle und wurde zur Vergangenheit. Es gab wie Maras Wüstenquelle Den Dürstenden nur Bitterkeit. Wir schmachteten in heißem Sehnen nach Lieb' und Frieden, Freud' und Glück. Doch Haß und Streit und Leid und Tränen ließ uns erblühen daS Geschick. Der Schwache mußte unterliegen, der nie geschaut ein Hoffnungsland, wo ihmzum Kämpfen und zum Siegen die Hoffnung treu zur Seite stand, die ihm zur Wehr die Kräfte spannte, mit Mut erfüllte seine Brust, die seine Lebenssvrge bannte und in ihm weckte neue Lust. — Der Starke, den ein Leid getroffen, vernahm des heil'gen Trostes Klang: „Für deine Zukunft lebt ein Hoffen!" Und seine Seele ward nicht bang. Er harrte ans in Leid und Qualen, weil auch die Not nicht Hoffnung bricht, bis er durch Finsternis sah strahlen der bessern Zukunft ros'ges Licht. Mag Hoffnung auch dein Herz durchdringen, wenn vor der Menschen Haß dir graut. Dann wird kein Schicksal dich bezwingen. — Wer immer hofft, der kämpft und baut. G e l s e n k i r ch c n. S. Katz. Wolhynien aus dem Kriege 1914 bis 1918. (Schluß.) ir waren den Tag über bei fchlechemWetter marschiert, nur langsam ging es vorwärts, denn die Russen hatten alle Brücken zerstört, und so mußte man oft Notbrücken errichten, ehe der großen Wagenpark weiter konnte. Das war dann nicht gemütlich, stundenlang bei Regen, Wetter und Wind ans einer Stelle zu liegen. Feuer durste man ja nicht anzünden, um sich nicht dem Feinde zu verraten. Schließlich waren wir aber doch da angelangt, wo wir unseren Verbandplatz errichten wollten. Es war ein Dörfchen kurz hinter der Feuerlinie, von den Bewohnern so gut wie ganz verlassen. Ich erhielt den Auftrag, einen Verbandraum für die verwnndeten Russen einzurichten; den Verbandplatz für die verwundeten Deutschen besorgte einer meiner Kameraden. Ich erhielt zur Unterstützung einige Krankenwärter und Träger und einen gefangenen Russen, der durch Zufall, keiner wußte, wie es gekommen, nicht mit den anderen Gefangenen fortgeführt worden war. Ich wählte ein kleines, ganz nettes Bauernhäuschen für den Platz meiner Tätigkeit. Ich ließ die Rote-Kreuz-Fahne vorn anbringen, und dann sollten die beiden einzigen Stuben, des Häuschens gesäubert werden. In die eine schickte ich die Träger, in die andere ging ich mit öent Russen. Es war kein ganz junger Mensch mehr, der Bart war scheinbar erst im Laufe des Krieges so verwildert, die Augen blickten so. müde milde darein, man hätte eine bange Sorge aus ihnen herauslesen können. Hatte er Angst, daß wir ihm etwas zuleide tun würden, oder hatte er Hunger? Es war ein Jude, also mußte er Deutsch sprechen. In rauhem Tonfall, man mußte ja für gewöhnlich bei der faulen russischen Bande den Befehlshaber betonen, fragte ich ihn, ob er Hunger habe. Er schüttelte den Kopf. Dann machte ich ihm die Sachlage klar. Der ganze Krempel mußte hier heraus. „Panje, du wirst alles aus dem Fenster werfen, aber prentko, prentko, ich habe nicht lange Zeit." Er vollführte schweigend meinen Auftrag, nur wenn ihm ein Stück besonders wertvoll erschien, -fragte er mich: „Alles aus dem Fenster heraus?" „Ich habe es dir schon mal gesagt." Und so flog die ganze Einrichtung in den Schmutz auf den Hof: alles, selbst Heiligenbilder wurden nicht verschont, alles, was vielleicht einst den Stolz und das Glück dieses Hauses ausgemacht hatte. Die Stube war gereinigt, Feuer konnten wir nicht anmachen, der Ofen war eingefallen — ich ließ die Verwundeten hereinschaffen und den Arzt holen. Mein Russe hatte sich in eine Ecke verzogen: er war müde, man merkte es ihm an, seine Hände zitterten ein wenig von der Arbeit, aber sofort, als ich den Befehl gab, die Verwundeten zu holen, sprang er ans. Ich befahl ihm sitzenzubleiben, er war ja Gefangener, und ich durfte ihn nicht ans den Augen lassem Man brachte die Russen aus Tragen. Jedem spähte mein Gefangener aufmerksam ins Gesicht. Ich hielt es nur für Neugier, um einen Bekannten herauszufinden.' Plötzlich schien er einen erkannt zu haben. Seine müden Augen wurden lebhaft, seine Hände ballten sich krampfhaft, der Mund öffnete sich, als wenn er schreien wollte und — „Simon" — kam es schmerzhaft von seinen Lippen. Der Schwerverwundete drehte sich um, er schien seiner Sinne nicht mehr ganz mächtig, aber er hatte den anderen doch noch im Augenblick erkannt: „Joseph, ich Hab' solche Schmerzen; grüß' Stascha", hauchte er qualvoll, „Mascha", wiederholte er noch einmal liebevoll mit halbgebrochenen Augen, als wenn ihm eine hehre Frauengestalt vorschwebte. Im Laufe des Abends vergaß ich das Ereignis, es war sehr viel zu tun, und nach dem anstrengenden Tage war einem alles ziemlich gleichgültig. Also schließlich waren wir mit der Arbeit so gut wie fertig, alle Verwundeten waren verbunden. Der Arzt ging weg und befahl mir, ihn zu rufen, falls schwere Fälle kommen sollten. Ich teilte den Dienst >aller die Wärter und Träger, damit immer ein Teil schlafen könne, schickte diese dann in die eine Stube, während ich mit dem Russen in der anderen blieb. — „Panje, setz' dich auf den Erdboden, laß mich auf der Tonne sitzen." Er gehorchte schweigend, kroch bis zum Ofen und blieb an diesen gelehnt auf der Erde sitzen. Ich hatte bei der Arbeit ziemlichen Hungec bekommen, zog nun etwas Brot und einige kalte Kartoffeln aus dem Brotbeutel, warf dem Russen eine Handvoll zu und aß, an alles andere, nur nicht an den Krieg denkend. Er aß gierig die Kartoffeln, stumpfsinnig vor sich hinbrütend. Sein Gesicht hatte wieder den alten, trübseligen Ausdruck angenommen. Er schien wohl schon gemerkt zu haben, daß wir Deutschen doch nicht die Barbaren sind, wie ihnen immer erzählt worden war, und besonders die Kartoffeln schienen es ihm angetan zu haben. Er blickte mich jetzt immer fragend an, als ob er mir etwas erzählen wollte. Ich bemerkte es und sagte: „Na, Panje, was willst du, meine Kartoffeln sind alle, ich habe nichts mehr für dich." Er antwortete nicht, sondern wischte mit seinen Mantelärmeln über die Augen. Nanu, was war denn das, warum heulte denn der russische Krieger. Ich

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