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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-09-03 · Heft 31 (3.9.1920) · p. Seite 358

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 31 (3.9.1920)
Date
1920-09-03
Page
Seite 358 (sequence 10)
Language
German
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Örgelspiet, nach wie vor jedoch mit zäher Energie von Vertretern des gesetzestreuen Judentums abgelehnt. Die Gründe sind bekannt; weniger jedoch die von dem verstorbenen Rabbiner Professor Dr. Kisch nachgewiesene Tatsache, daß das so verpönte Orgelspiel schon seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert in der 1592 gewehten Synagoge des Mardochai (Markus) Meysel in Schwung war („Monatsschr. f. G. u. W. d. Jdt.", Neue F., 1. Jahrg.). Kisch bezieht sich hierbei aus Zunz und Kaufmann. Und all dies in der Stadt Prag, der „Mutter Israels", und in der Zeit des Hohen Rabbi Bezalel Löw, dem Berater und Freunde Mehsels! Ueber das Für und Wider in religiöser Hinsicht wage ich kein Urteil abzugeben. Hingegen sei mir gestattet, die Frage des Orgelspiels von: rein a r ch i t e k t o n i s ch - k ü n ft «l er i - s ch e n Standpunkte zu erörtern. Für die meisten Menschen ist die Andacht beim Gebete abhängig von dem Begriff „Stimmung". Der tiefreligiöse Jude glaubt, diese entbehren zu können, von Ort und Umgebung unabhängig zu sein. Aber er will anderseits von seinem innigen Gespräche mit Gott nicht durch äußere Eindrücke abgezogen werden, eifert vielfach gegen ornamentale Zier der Fenster und Wände und schließt, sofern er auswendig rezitiert, die Augen. Das Schaffen von Stimmnngswerten beim Synagogenbau ist aber für den Künstler eine recht erschwerte Aufgabe. Wer kennt nicht die herrliche Andachtsstimmung, die jeden einpfängt, der die alten Kirchen betritt! Massiges Mauerwerk, kleine Fenster bei romanischen Bauten, himmelstrebende Gewölbe und hohe, aber durch Malerei stark verdunkelte Fenster bei gotischen Werken, prunkvollste Ekstase bei den Kirchen der Gegenreformation. Die Synagoge bedarf großer, Heller Fenster; denn der Druck der Gebetbücher ist oft klein, die Augen der Alten geschwächt. Hohe Gewölbe verbietet die Rücksicht ans abfällige Heizung des Gotteshauses, das den Betenden stundenlangen Aufenthalt gewähren soll. Künstlerischer Schmuck ist nur bedingt zulässig. Wenn gleichwohl viele der neueren Synagogen einen hohen Stiininnngswert ausweisen, so sind sie das Zeugnis für ein nicht genug anzuerkennendes Verdienst des Meisters. Es dürfte.nun kaum einem Zweifel unterliegen, 'daß für die Einführung der Orgel gleichfalls maßgebend war, durch sie die Stimmung im Gotteshause zu verstärken. Daß dies aber nicht immer zutrifft, daß sie — wie ich an einzelnen traurigen Beispielen Nachweisen möchte — gerade das Gegenteil bewirkt, soll hier im folgenden kurz nachgewiesen werden: Man braucht gar nicht an kirchliche Vorbilder zu denken, wenn man fordert, die Orgel sei dazu da, den Chor zurückhaltend zu begleiten, dafür aber die Prä- und Postludien um so ausdrucksvoller wiederzugeben. Diese einfachste Forderung habe ich nur selten erfüllt gesehen; vielmehr scheint es oft, als ob die Organisten überhaupt nur e i n Register kennen. Das Uebertönen des Chorgesanges, das in gleicher Tonfärbung einsetzende Zwischenspiel wirkt auf musikalische Naturen nichts weniger als andachterregend. Daß der Organist, der jährlich 52mal vielfach dieselben Melodien zu spielen hat, schließlich schablonenhaft und ohne Empfinden feine Walze abdreht, ist kaum zu verwundern. Hier liegt die Schuld an den Vorstehern, die, wie es in vielen Orgelsynagogen ja auch geschieht, dem Chor ein bestimmtes Programm geben müssen. Zahllos sind ja heute bereits die Vertonungen der hebräischen Gebete; man muß nur den Willen haben, sich ihrer zu bedienen. Hier sei als Musterbeispiel die oben erwähnte Meysel-Shnagoge angeführt, in der die gehaltvollen Melodien des hier jahrzehntelang wirkenden Oberkantors W a l l e r st e i n entstanden sind, heilte ein geschätztes, weitverbreitetes Chorgefangmaterial. Wallerstein, dem ein hochherziger und verständnisvoller Vorstand in feinem musikalischen Reformen willig Unterstützung lieh, wußte die Gvtteshausbesucher musikalisch stets durch Neuheiten, eingeschaltete Sologesänge usw., zu interessieren. Seine Totenfeiern dürsten in ihren tief zu Herzen gehenden gesanglichen Präludien kaum übertreffbar fein. Die Einrichtung, das leise Gebet des Lebmonest-Lssreli durch Orgelfpiel in ppp, gleichsam sphärenhast empfindbar, begleiten zu lassen, ist mir gleichfalls in keiner anderen Synagoge nur annähernd so stimmungsvoll erschienen. Das Motiv zu dieser Begleitmusik wird vom ersten Vorsteher allwöchentlich aus dem vorhandenen Notenstosse bestimmt; der Organist, musikalisch hierdurch angeregt, variiert sein Thema in vornehm-zurückhaltender Weise und versetzt den Nichtbetenden in tiefandächtige Stimmung, ohne anderseits die Beter abzulenken. Hier zeigen Kinder die andächtige Scheu, die im Gotteshause so nottlit, und legen in ihre Herzen den Grundstein zur Liebe und Achtung des angestammten Glaubens. Anderseits endlich ist die Orgel ein neutrales, wenn auch nicht wohlfeiles Schmuckmotiv. Dies sowie die Rücksicht auf Schaffung vieler Frauenplätze ist auch die Ursache, daß sie zumeist oberhalb des heiligen Schreines ihren Platz findet. Leider! Denn das Auge wird durch das aufwendige Instrument mit seinen glänzenden Pfeifen und Schnitzereien über Gebühr von dem Schrein abgezogen, vor dem doch die bedeutendsten rituellen Handlungen sich abspielen. Vor der Orgel hat der Chor seinen Platz; dadurch muß diese zurückrücken und erscheint demnach meist „überschnitten", also in ihrer beabsichtigten Wirkung «ungünstig beeinflußt. Diese Anordnung des Chores zeitigt nun «die größten Uehelft ände, die gar nicht scharf genug gerügt werden können. Um nämlich die Orgel, das Prunkstück des Tempels, nicht übermäßig zu verdecken, wird für «den Chor eine niedrige Brüstung belassen. Und nun stelle man sich die Wirkling vor: ein ernster architektonischer Ausbau. des Schreines und «darüber eine unruhige, in den Gesangspansen schwatzende Schar, mit allem jugendlichen Uebermnt! So in Brvmberg. An anderen Orten hat man, um diese störende Einwirkung zu mildern, oberhalb der Brüstung wenig geschmackvolle, staubfangende «Draperien angebracht oder sich mit grüner Gaze (!) geholfen, die das bunte Leben im Chor dem Beschauer eher verstärkt als abschwächt. Kaum übertrofsen werden dürfte aber die ebenso geschmacklose als bedenkliche Choranordnung in« der sonst so stimmungsvollen Synagoge eines böhmischen Weltbades. Ich entsinne mich des Besuches dieses Gotteshauses am Versöhnungstage des Jahres 1912. Der ziemlich niedrige Chor gedrängt voll mit Sängern beiderlei Geschlechts in verschiedensten Altersstufen. In der Ecke, ganz vorn an der Brüstung, ein großes/ üppiges Mädchen, nichts weniger als «der Würde des Tages entsprechend gekleidet. Sie singt gegen das Publikum gewendetkokettiert zwischendurch, unterhält sich lachend in den Pausen mit den Nachbarinnen. Und die Gemeinde bekennt zerknirscht ihre Sünden! Das Bedenklichste aber ist, daß gerade diese Synagogen von dem internationalen nichtjüdischen Badepüblikum viel und gern besucht wird, sei es zur Zerstreuung in der langweiligen Kurtätigkeit, sei es, um endlich mal einem jüdischen Gottesdienste beiwohnen zu können. Hier scheint denn doch der seinste Taft gerade gut genug; und just hier diese bedauerliche Verirrung. Wir leben in einer Zeit des Sichbesinnens. Mögen «diese Zeilen dazu beitragen, die Gemeindevorsteher zur Abhilfe derartiger Uebelstände zu veranlassen. Vielleicht haben wir «die Andachtstimmung kaum jemals notwendiger gebraucht, denn in der Gegenwart!

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