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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-09-03 · Heft 31 (3.9.1920) · p. Seite 357

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 31 (3.9.1920)
Date
1920-09-03
Page
Seite 357 (sequence 9)
Language
German
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tffc Aber alle Berichti-gungen können' den häßlichen Beinamen nicht mehr ans der Wett schaffen. Bad Kissingen wird den durch die allzu große Erhöhung aller Preise entstandenen Schaden erst nach und nach wieder wettmachen können. Die Wirkung ist schon jetzt deutlich zu spüren. Die Zahl der Besucher ist wesentlich geringer als im August vorigen Jahres. Während im Mai und Juni alle hiesigen Hotels und Sanatorien, die Pensionen und Logierhäuser überfüllt waren, hängen jetzt fast an jedem Hause die Zettel: .Liinmer frei." - Das ist ein großer Verlust für die Kissinger Wirte, die aus einen zahlreichen Besuch im Juli und August gerechnet haben. Tatsächlich kann es sich jeder hier nach seinen Verhältnissen einrichten. Die großen Hotels und Sanatorien fordern 70 bis 100 Mark täglich für Zimmer und Verpflegung. Gute Logierhäuser sind mit 40 bis 50 Mark zu finden. Bei den jetzigen teuren Lebensmitteln muß man so viel in allen anderen deutschen Badeorten 'bezahlen, und es ist sehr fraglich, ob die Verpflegung ebenso reichlich ist wie hier. In Kissingen fehlt's weder an Brot noch an Fleisch, weder an Obst noch an Kuchen. Auch Kartoffeln und Eier, selbst Butter ist genügend zu haben. Zu den bisherigen renommierten rituellen Restaurationen, in denen sich seit Jahren viele der jüdischen Kurgäste zusammengefunden haben, ist eine neue koschere Speisewirtschaft nebst Logierhaus getreten, das sich in der Nähe des Theaters befindet. Tort treffen sich an jedem Mittwochabend die Zionisten, wie aus einer Ankündigung in der Kurliste hervorge'ht. Bisher hat die Loge Bne Bvith alle hier weilenden Brüder und Schwestern an jedem Montag zu gemütlichen Zusammenkünften eingeladen und hat gern die Einführung aller Glaubensgenossen gestattet, ganz gleich, welcher Partei sie angehörten. Die Zionisten laden nur ihre Parteigenossen ein und sondern sich hierdurch von ihren anderen Glaubensgenossen ab. Die Logenabende erfreuten sich während der Kursaison eines sehr zahlreichen Besuches. Die Brüder und -Schwestern wurden durch Vorträge und Deklamationen angenehm unterhalten, und zur Zeit, als die Berliner Repräsentantenwahlen stattfanden, sollen auch hier scharfe Wahlreden für und gegen' die Liberalen gehalten worden sein. Bei dem großen Kontingent, das die Berliner zu der Zahl der Kissinger Kurgäste stellen, nimmt es nicht wunder, daß das Berliner -Gemeindeleben seine Schatten in die liebliche fränkische Idylle wirft. Aus allen Berufen sind Vertreter hier -gewesen. Das Berliner Rabbinat ist durch Herrn Rabbiner Dr. Weiße, der Vorstand der Gemeinde durch Herrn Berthold Kirstenn, die Repräsentantenversammlung durch Herrn Siegfried Sachs, die Handelskammer durch Herrn Dr. James S i m o n hier vertreten gewesen. Auch der Vorsitzende des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Herr Justizrat Wilhelm Plons-ker, weilt hier, um sich von den Anstrengungen, die ihm die Berliner Repräsentantenwahlen bereitet haben, zu erholen. Von sonstigen bekannten jüdischen Persönlichkeiten seien noch erwähnt Professor Dr. S-imonsen (Kopenhagen), Rabbiner Dr. S. Poznanski (Warschau), der schon nach einigen Tagen wegen der kritischen Lage, in die seine Gemeinde wegen der Bedrohung der Russen geraten war, a-breisen mußte. Aus der Promenade und auf den herrlichen und bequemen Spaziergängen lustwandeln die Kurgäste — Herren und Damen in diesem Jahre „bekalus" rösch — fast sämtlichohne Hut. Schon seit mehreren Jahren gingen die Damen hier ohne Hut. Sie sorgten für eine gute Frisur, und ihre Erscheinung hatte eher gewonnen, zumal die mitunter recht extravaganten Damenhüte verschwanden. In dieser Saison gefällt sich die Herrenwelt darin, es den Damen gleichzntun, und die Herren erscheinen überall ohne Kopfbedeckung. Erg junger Mann, der einen üppigen Haarwnrchs hat, faim sich das wohl erlauben. Liber alte Herren mit halben und ganzen Glatzen, mit grauen oder auch melierten Haaren, die dünn und lose verteilt sind, sollten jedoch solche Modetorheiten nicht mitmachen. In Kissingen wird aber nicht nur der Mode gehuldigt, es wird auch ernste Arbeit geleistet. Die beiden hier befindlichen jüdischen Wohltätigkeitsanstalten sind in anerkennenswerter Weise bemüht, die armen kranken Kurgäste zu unterstützen und für sie zu sorgen. Das Kurhospiz für arme Israeliten hat in der Salinenstraße ein Gebäude erworben, das als Hospiz im nächsten Jahre eröffnet werden soll. 100 000 Mark stehen dem Verein zur Verfügung, zu denen einige bekannte Berliner Wohltäter größere Beiträge gegeben haben. Nach vorgenommener Schätzung sind 40 000 Mark zur Einrichtung des Hauses und 120 000 Mark Betriebskapital erforderlich Es fehlen demnach noch 60 000 Mark, die der Verein bis zum nächsten Jahre von Wohltätern zu erhalten hofft. Im Israelitischen Kurhospiz sollen besonders jüdische Krieger, die durch die mehrjährigen Strapazen ihre Gesundheit eingebüßt haben, ausgenommen werden. Die Israelitische Kinderheilstätte hat in den 16 Jahren ihres Bestehens 2600 arme und kranke Kinder in ihrem schönen Hanse verpflegt und geheilt. Die Verwaltung will demnächst eine Genesungsstätte für knrbedürftige erwachsene Mädchen, die im Berufe stehen, der Kinderheilstätte angliedern. Sie rechnet auch hierbei ans die Beiträge von den Wohltätern, die der Anstalt jederzeit reichlich und gern gespendet haben. Wer öfters nach Kissingen kommt, wird eine große Anzahl von Kurgästen treffen, die immer wieder hierher fahren, um ihre Gesundheit wiederherznsteilen. Wer einmal den Rakvczh- Brunnen getrunken und die heilsamen kohlensanren Bäder genommen hat, sehnt sich danach zurück, sobald der Sommer wieder ins Land zieht. Biele fanden hier Heilung und kehren immer wieder dankbar zurück zu den Kissinger Quellen. Unser Glaubensgenosse Herr S. Elsoffer, Mitglied des Landesfinanzamtes, der in weiten Kreisen der Berliner Gemeinde durch seine Frömmigkeit bekannt ist, kam in diesem Jahre zum 25. Mal nach Bad Kissingen. Der Bürgermeister überreichte ihm ans Anlaß dieses Jubiläums eine prächtig ausgestattete, mit dem Wappen Kissingens versehene Urkunde. In derselben wird Herrn Elsoffer der Dank der Stadtvertretnng für den Beweis treuer Anhänglichkeit ausgesprochen. Herr Elsoffer, der eine Stiftung für die hiesigen Armen ohne Unterschied der Konfession machte, durfte seinen Namen in das Goldene Buch der Stadt Kissingen eintragen. Dies beweist, daß die Stadtverwaltung frei ist von jeder Voreingenommenheit gegen die Juden. Einzelne Kurgäste sind es nicht. Sie malen Hakenkreuze auf und kleben Plakate antisemitischen Inhalts an die Häuser. Das sind Zeichen unserer traurigen Zeit und^ Beweise, daß die antisemitische Strömung im Süden genau so grassiert wie in Norddentschland. ftndachtsttimmung und Orsellynasuge. Von Professor Dr.-Jng. Grotte (Breslau), ie Judenemanzipation hat vor mehr als hundert Jahren nebst sonstigen zahlreichen Reformen die Einführung des Orgelspiels in densynagogalcn Gottesdienst bewirkt. Manche der damals die -Gemüter lebhaft erregender» Neuerungen sind wieder verschwunden oder haben Kompromissen weichen müssen. Geblieben ist unverändert das

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