Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 31 (3.9.1920)
- Date
- 1920-09-03
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
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Palästina übernommen hat, um dort., bei aller Gerechtigkeit gegen die arabische Majorität, ein nationales Heim für die Juden zu schaffen. Palästina war während >der letzten 500 Jahre unter den- Türken einer der größten Skandale der Geschichte und jetzt, wo wir daran gehen, diesen Fehler zu verbessern, wo wir auf Verlangen der dortigen Bevölkerung das Mandat übernehmen, kommt -der edle Lord, noch bevor das Mandat veröffentlicht und dem Völkerbund zur Bestätigung vorgelegt wurde, und kritisiert unsere ganze Politik als eine ganz unerhörte Sache. Bei allem Respekt mutz ich sagen, daß ich noch -nie eine Rede angehört habe, die s-o leichtfertig ernste und verwickelte Fragen behandelt hätte, und ich kann dem. edlen Lord versichern, daß wir in allen Fragen stets an Gerechtigkeit, Frieden, zukünftige Ordnung und Prosperität der Völker gedacht haben. J. P. Z. * Aus Palästina. Beim Empfange einer Deputation der Jerusalemer Handelskammer am 26. Juli erklärte Herbert Samuel, daß binnen kurzem ein neues Gesetz über den Landerwerb herauskommen werde, was sicherlich viel zlir Entwicklungdes Handels beitragen wird. Die Bahn von Ludd nach Jaffa wird bald Wirklichkeit werden .und in zwei bis drei Monaten, wird eine breitspurige Eisenbahn direkt von Jaffa nach Jerusalem führen. Samuel fügte poch bei, daß man in Europa glaube, daß Jerusalem infolge der vielen Gemeinden eine Stätte des Zwistes sei. Wer die Handelskammer, in der alle Nationen und Parteien vertreten sind, beweise, daß friedliches Zusammenarbeiten leicht möglich ist. Er hoffe Europa in. naher Zukunft den Beweis erbringen zu können, daß in Jerusalem Frieden und Einigkeit zwischen allen Religionen und Gemeinden herrsche. * Amerika. Vom 2. bis 4. August fand in Cleveland eine zahlreich beschickte Konferenz der hebräischen Lehrer Amerikas statt, die hauptsächlich die Hebung des intellektuellen und materiellen Status der Lehrer bezweckt. Eine Reihe wichtiger Resolutionen wurde gefaßt. Die Föderation soll nur solche Lekrrerorganisationen aufnehmen, die Unionen angehören, wobei das Prinzip der New Uorker Lehrerunion als bindend anerkannt wurde. Die Lehrer erklärten, daß man sie als Tradeunionisten zu betrachten habe. Ein Minimumgehalt wurde bestimmt. Die Konferenz sprach sich auch zugunsten des Systems Jbrith beibrith aus. Ein Hilfsfonds für die jüdischen Lehrer in den Kriegs- und Pogromländern foll geschaffen werden. Ein aus sieben Personen bestehendes Exekutivkomitee, das seinen Sitz, in New Jork haben soll, wurde gewählt und daneben auch ein großes nationales Komitee bestimmt, in das jede Union ihren Vertreter entsenden soll. J.P. Z. | Cttuartt Birnbaum. | Von Musikdirektor Aron Fried mann, n Eduard Birnbaum erging plötzlich das Wort: „Es ist genug, fahre nicht mehr fort zu beten." Eduard Birnbaum, den wir Jahrzehnte als Krone des jüdischen Kantorats verehrten, weilt nicht mehr unter den Lebenden/und das jüdische Kantorat beklagt besonders seinen frühen Heimgang. Denn er hat das Kantorfach nach talmudischer, musikwissenschaftlicher und kulturhistorischer Seite erforscht und seine Ergebnisse in zahlreichen Aufsätzen und Vorträgen niedeirgelegt. Im wahren Sinne des Wortes ist der Dahingeschiedene ein würdiger Nachfolger der Rabbiner- Chasanmn des Mittelalters, wie Rabbi Nieser ben Meschullam und wie Maharil. In allen seinen Arbeiten zeigte er eine seltene Vielseitigkeit für das umfangreiche kantorale Gebiet. Ms 19jähriger Jüngling machte er Studien über Salomo di Rossi, und kein Geringerer als Oberrabbiner Güdemann führte ihn in die Wiener königliche Bibliothek ein, damit er daselbst weiter musikwissenschaftlich auf dem kantoral-liturgischen Gebiete studieren und forschen könnte. Schon in jungen Jahren pflegte Eduard Birnbaum Umgang mit jüdischen Gelehrten, wie Jetliner, David Kaufmann, Steinschneider, Wraiham Berliner und Braun, -und -begann auch frühzeitig seine chronistische Tätigkeit über Salomon Sulzer. Zu seinem 46jährigen Amtsjubiläum unterzog ich mich der Aufgabe, in einer literarischen Studie*) die Hauptgedanken aus a l l e n s e i n e n Arbeiten zusammenzustellen. Ueberall begegnen wir dem eminenten Forscher, dem leidenschaftlichen Sammler jüdischer Musik, dem Auffinder der hebräischen Manuskripte, durch die er viel Licht in das gesanglichliturgische Gebiet brachte. Von seinen literarischen -Arbeiten seien hier zu Ehren des Verblichenen besonders genannt: 1. Ueber den Ursprung der Traditionen im Synagogengesang; ^2. Zur Geschichte des Synagogengesanges in Deutschland; 3. Zur -Geschichte deir Kol-Nidre-Melodie; 4. Musikallsche Tradition bei der Vorlesung der Megilla; 5. Zum 166. Geburtstag von Sal. Sulzer; 6. Zum Erscheinen der zweiten Auflage des Weintraubschen Werkes: -s fp2 -H’ttT 7. Ueber die Verdienste der Gaonim um -die jüdische Liturgie und den Synagogengesang; 8. Der polnische Ritus und sein Synagvgeng-esang im Kreise der mittelalterlichen Synagogenriten; 9. Ueber liturgische und kantorale Vorbildung; 16. Ueber Lo-rd Byrons hebräische Gesänge; 11. Jüdische Musiker am Hofe zu Mantua; 12. Besprechung der seph-ärdischen Gesänge von Frederico Eons olo. Aus allen diesen Aufsätzen atmet die innige Liebe und die freudige Begeisterung für den jüdischen Vorbeterberuf. Aber Birnbaum war nicht allein eine unbestrittene Autorität im kantoral-liturgischen Fach, sondern er war auch ein vortrefflicher Komponist. Mehrere seiner Kompositionen für Kantor, Chor, Orgel und Orchester sind im Druck erschienen und zeichnen sich durch melodischen Fluß und harmonische Schönheit a-us. In seiner Musikbeilage zur „Jüdische Presse" (1899) schließt Birnbaum seine wissenschaftliche Einleitung mit den Worten: ,T 1NM IT irOtf!T 12-12 Eduard Birnbaum hat sein ganzes Leben Gott gepriesen, Gott gelobt und Gott gesungen. Die jüdischen Kantoren werden dem Dahingeschiedenen ein unvergängliches ewiges Denkmal errichten, indem sie in seinem -Geiste die kantorale Wissenschaft pflegen und fördern, und in der jüdischen Wissenschaft wird sein Namen in Ehren fortlebe-n. Treue in der Kot. tftjine interessante Vermählungssei er krönte in den letzten Wochen langjährige Freundschaft und Treue, welche zwei Familien in Prag, trotz verschiedenen Bekenntnisses, zueinander unterhielten. Fräulein Dr. Mice Masaryk, Tochter des Oberhauptes des tschechischen Staates und Präsidenten des Roten Kreuzes der Republik, reichte ihre Hand zum ewigen Bund Herrn Dr. Borsky, dem tschechischen Gesandten in Rom und Sohn des religiös fühlenden tschechischen Juden S. G. Borsky, Großindustriellen und Präsidenten der Handelskammer, dem auch besonderer Sinn für Wohltätigkeit allgemein nachgerü-hmt wird. Eine Ziviltrauung im engsten i) Siehe „Jüdische Presse" 1919, Nr. 17—29.