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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-09-03 · Heft 31 (3.9.1920) · p. Seite 351

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 31 (3.9.1920)
Date
1920-09-03
Page
Seite 351 (sequence 3)
Language
German
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ebenso unnütz erachten wir die Proteste in modernem Gewand, die wir in die Welt hinausschicken. Sie ^erweisen sich ebenso wirkungslos wie die salbungsvollen, von Liebe und Maral triesenden Predigten engherziger Verkünder des Gotteswortes, wie dieBeschlüsse und Friedensbotschaften der Friedenskonferenz, nach denen, vulgär gesprochen, kein Hahn kräht. Die Feindschaft der sich befehdeten und noch immer befehdenden Völker hält an, dev Krieg, bald hier, bald dort, geht weiter, die Bestie im Menschen ersteht immer zu neuem Leben, Kain erschlägt unausgesetzt seinen Bruder Abel und das unschuldig vergossene Menschenblut schreit aus der Erde zum Himmel empor. Am schlimmsten aber sind wir Juden daran. Wir teilen das Leid und das Unglück der Völker, unter denen wir leben, deren Geschick das unserige ist, und wir leiden noch außerdem als Juden, als nicht zu amputierende Glieder des ewigen Volkes, dem, wie unsere Alten schon empfunden hatten, ein ewiger Haß geschworen ist. Das ewige Volk aber, die Weltjudcnheit, droht unter den fürchterlichen Ausbrüchen der immer mehr um sich greifenden, gewaltig tobenden Hassesstürme zusammenzubrechen, und in Ost und West, in Nord und Süd ist der alte Schmerzensschrei zu vernehmen: 'ZVkl “pKl "TC?ö3 ’15£p „Mein Leidensende ist nicht abzusehen und lange, lange hält die mich umgebende grausige Finsternis an", eine Finsternis, die selbst der erfreuliche Beschluß von San Remo, dessen Verwirklichung wir zum Nutzen wenigstens eines geringen Bruchteils unseres Volkes von Herzen wünschen und erhoffen, der einzige Lichtstrahl in dieser traurigen Zeit, nicht zu durchdringen vermag. Sollen wir verzweifeln und dem Prophetenworte zustimmen: Es war dein Verderb, Israel, daß du Hilfe außer mir suchtest? Nein, das wollen und brauchen wir nicht. Die Worte des Psalmisten, die unsere Altvordern den vernommenen Schophartönen folgen ließen: „Gott ist mein Licht und mein Heil, vor wem soll ich fürchten? Gott meines Lebens Schutzweht, vor wem soll ich zagen?" haben auch für uns ihre Gültigkeit nicht verloren. Und wissen wir nicht, wie wir uns an diesen Worten aus unserer Erniedrigung erheben, in unserer Verzweiflung wieder aufrichten sollen, so „frage deinen Vater, und er wird es dir sagen, deine Alten, und sie künden es dir": iU DSSlin np12£ Gerechtigkeit erhebt ein Volk. Unter Z'dakah verstehen wir aber auch die Ausübung guter, frommer Werke, die, wie wir am Roschhaschana und Jom Kippur so zuversichtlich im Gebete sprechen, zu den bewährten Mitteln zählen, die jedes böse Verhängnis albzuwenden vermögen. Wollen wir das böse Verhängnis, unter dem unser armes Volk gegenwärtig so schwer seufzt, abwenden oder wenigstens mildern helfen, so üben wir in gesteigertem Maße als bisher Z'dakah im doppelten Sinne des Wortes. Tuen wir alles, was in unseren Kräften steht, um unseren heimatlos umherirrenden Brüdern und Schwestern ein Asyl zu verschaffen; nehmen wir uns rasch und tatkräftig der nach Hunderttausenden zählenden Witwen und Waisen an, die ohne schleunige Hilfe dem Untergang nahe sind: unterstützen und fördern wir alle Bestrebungen, ganz gleich von welcherPartei und Richtung sie auch ausgehen, wenn sie nur geeignet sind, dem immer mehr sich allsbreitenden Judenjammer und Judenelend einen Damm entgegenzusetzen. „Stehe nicht still bei dem Blute deines N ä ch st e n" (Leviticus 19,16), das heißt, zeige dich nicht zurückhaltend, wenn Lebensgefahr über seinem Haupte schwebt. Verbannen wir allen Parteihader, alle religiöse und politische Zwietracht aus unserer Mite und seien wir wieder, wie unsere Väter es immer waren, ein Volk von Brüdern, geeint und vereinigt in der Hoffnung aus den Beistand dessen, der der Hüter Israels genannt wird, in der Treue zu unserem Bekenntnis und in der Liebe zu Israel, das jetzt alle, alle seine Kinder zu gemeinsamer Arbeit und Hilfeleistung für die Obdim und Niddachim, für die erschreckend große Schar der Verfolgten und unschuldig Leidenden aufruft. Beherzigen wir diesen Ruf, dann dürfen wir auch im kommenden Jahre, sprechen: „Der Ewige ist unser Licht und unser Heil, vor wem sollen wir fürchten? Der Ewige unseres Lebens Schutzwehr, vor wem sollen wir zagen?" Dann dürfen wir auch den Wunsch aussprechen: Es schwinde dahin das alte, fluchbeladene Jahr und es beginne ein neues, gesegnetes — für Israel und die gesamte Menschheit. Lin jüdischer Meltbangreh. Von Dr. I. Ziegler (Karlsbad). beantrage die Einberufung eines jüdischen % Weltkongresses für dieselbe Zeit, in der der Völkerbund seine erste Tagung halten wird, und an demselben Ort, an welchem die Völkerbnndsitznng stattfinden wird« Wer teilgenommen hat an den Sitzungen der Jüdischen Welthilfskonserenz in Karlsbad, dem drängte sich der Gedanke 'sofort mit zwingender Notwendigkeit auf. S o k o l o w hat ihn in seiner Schlußrede vor der Hilfskonferenz gestreift, mit Freud er (Lyon) habe ich ihn eingehendst besprochen und erwogen. Haßerfüllt, voll Mißtrauen gegeneinander sehen wir noch immer die Völker und Nationen. Kein Haß und kein Mißtrauen kann sich jedoch mit dem messen, was heute fast die ganze Welt gegen die Judenheit durchrast. Vorurteil und Fälschung sind die Mittel, mit denen ein Volk das andere herabzusetzen trachtet. Nie in unserer zweitausendjährigen Leidensgeschichte hat sich so viel Vorurteil, so viel Fälschung gegen uns aufgehäuft wie in unseren Tagen. Unter Leid und Not seufzen Staaten und Länder. Kein Leid, kein Elend ist so groß wie das des jüdischen Volkes. Sechs bis sieben Millionen Juden sind im Osten ein Spielball der sich bekämpfenden Parteien und Nationalitäten: Polen, Russen, Ukrainer; Bolschewiken, Sozialisten, Konservative, Klerikale, alle reißen vom Leibe des Judentums irgendeinen Fetzen herunter. Andere Millionen Juden tanzen auf einem Vulkan, glücklicher- oder unglücklicherweise ohne zu ahnen, was rundherum vorgeht; oder sie leben von heute auf morgen im dunklen Vorgefühl von irgend etwas, das an sie heranschleicht, und geben der Welt das widerwärtige Schauspiel einer bacchan'- tischen, innerlich zerfressenen Masse, die trunken und genußgierig dem Abgrund zutaumelt. Das politische, das wirtschaftliche Leben der Juden auf der ganzen Welt, die. geistige und moralische Zermürbung, von der sie allenthalben bedroht sind, schreien nach gemeinsamer Beratung, nach einem Ruf in die Welt, ein Fünfzehn- Millionenvolk nicht der Wahnsinnigen Raserei wildgewordener Instinkte Hinzuwersen. Kein Kongreß einer Partei, kein Kongreß von Zionisten oder Assimilante», sondern ei« Kongreß der Judenheit soll es sei«, zur politischen «nd soziale« Rettung der gesamten Jndenheit. Die Zeit ist kurz, und rasch und energisch muß die Arbeit getan werden. Ein fünfgliedriges Komitee der angesehensten Schweizer Juden verfaßt den Aufruf zur Beschickung des jüdischen Weltkongresses. Es versendet den Aufruf nach der Hauptstadt eines jeden Landes an eine, von allen Schichten der Judenheit gleich verehrte Persönlichkeit mit der Mtte, in der Hauptstadt nach eigenem Ermessen fünf hervorragende Männer und Frauen zu wühlen, die den Ausruf unterschreiben. Sind dann nach Verlauf von ungefähr sechs Wochen sämtliche Zustimmungen an das Schweizer Komitee.

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