Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 31 (3.9.1920)
- Date
- 1920-09-03
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
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entgegnete: „Noch ist die Zeit nicht verstrichen, denn bi? zum letzten Atemzuge stehen dem reuigen Menschen die Pforten des Himmels offen," da begann Acher zu weinen und — verschied gleich darauf"). Israels Lehre eben ist eine „Lehre des Lebens" und sie verlangt von ihren Bökennern, daß sie den Weg des Lebens schon in der Vollkraft des Lebens suchen und finden. Dpn rO’tt? ’JSXJ Bevor du alt und grau wirst, bemerkt ein geistreicher Schrifterklärer, erhebe dich, und von demselben Elisa den Abuja wird in den Sprüchen der Väter (4, 20) ein Ausspruch mitgeteilt, der zum Nachdenken in gleicher Richtung anregt: „Wer in der Jugend lernt, gleicht der Tinte, mit der geschrieben wird auf frischem, unbenutztem Papier, und wer im Alter lernt, gleicht der Tinte, mit der geschrieben wird auf Papier, das schon einmal radiert worden ist." Unsere Altvordern, die weniger, wie es jetzt Mich ist, für das Judentum und seine große Aufgabe, das 'NV msbö Gottesreich auf Erden aufbauen zu helfen, in hochtönenden Phrasen schwärmten, aber um so eifriger, in den Geist der Thora sich vertiefend, alles aus ihrem Löbensweg wegräumten, was dem Ansehen und der Würde des Judentums auch nur den geringsten Abbruch tun könnte, -benutzten die Elultage vor allem, über den Sinn und den Ernst des Lebens nachzudenken und sich -als Mensch wie als Jude wiederzufinden. Es galt für sie, das im Gewirre des Alltagslebens nicht selten sich lockernde Band der Zusammengehörigkeit mit der großen jüdischen Gesamtheit von neuem zu festigen und, wie die Väter im Laufe der Geschichte so oft, durch die Erneuerung und Befestigung des infolge menschlicher Schwäche und Vergehen getrübten Glaubens an Gott als den alleinigen Leiter und Lenker der Menschheit und ihrer Schicksale, sowie durch unbedingte Unterwerfung unter feine weise und gerechte Weltregierung sich seiner ewigen Gnade und Barmherzigkeit würdig zu zeigen. Die Elultage galten ihnen, möchte ich sagen, als alte, erprobte, zum Ziele führende Wege, auf die der unglückliche Prophet Jereni-ia fein nicht minder unglückliches Volk schon vor Jahrtausenden mit den auch vonuns zu beherzigenden Worten hinwies: „Stellet -euch hin an die Wege, schauet euch um und fraget nach den Straßen alter Zeit, welches der Weg fei, daß ihr ihn beschreitet und Ruhe findet für eure Seele" iJerernia 6, ly). Die an den Elultagen ertönende Stimme des Schophars war unseren Vorfahren gewissermaßen ein Widerhall der gewaltigen Gottesstimme, die schon einfrüherer Prophet, Jo-el, dem ratlosen Volke verkündete: „Und Gott läßt seine Stimme erschallen vor seinem Heere, zahlreich ist feine Schar und mächtig der Vollstrecker seines Wortes, denn groß ist der Tag des Herrn und sehr furchtbar — wer vermag ihn zu ertragen" (Joel 2, 11). „Gott läßt seine Stimme erschallen vor seinem Heere", bemerken hierzu unsere Weisen, am Rosch haschana; „zahlreich -ist seine Schar", das bezieht sich auf Israel; „mächtig der Vollstrecker seines Wortes", damit find die wahrhaft Frommen und Gerechten gemeint, die nach seinem Willen leben; groß ist -der Tag des Herrn", das ist -der Jom Kippur; „und wer vermag ihn zu ertragen", das ist der sündige Mensch im Bewußtsein feiner Schuld und Schwäche"). Auch unsere Väter waren nicht immer frei von Schuld und Fehl; auch sie waren wie wir nur Menschen von Fleisch und Blut und ebenso wie wir von menschlichen Schwächen, Begierden und Leidenschaften behaftet. Allein sie hatten -den Vorzug der Selbsterkenntnis: sie dünkten sich nicht als unfehlbare höhere Wesen, beteten nicht ihrer Hände Werke an und verzweifelten nicht, wenn diese mißlangen. Was sie -aber ganz besonders auszeichnet-e, das war ihr -unerschütterlicher Gotbesglauben, der ihnen, wie Israel in der Wüste die Feuersäule, 3) Chagiga 15b. *) Jalkut Schimoni zu Joel, K. 2. auf ihrem Erdenwallen als weitstrahlende Leuchte voranzog, und das felsenfeste Gottvertrauen, das -sie auch in den Tagen bitterster Leiden nicht verließ, ja dann sie erst recht in der Ueberzeu-gung bestärkte, daß ihr Befreier naht, ihr Erlöser lebt. „Frohlocke -nicht, meine Feindin, über mich! Bin ich auch gefallen, ich stehe wieder auf; fitze ich auch im Finstern, Gott wird mir Licht fein. Den Zorn des Ewigen will ich tragen, denn gesündigt habe ich gegen ihn; bis daß er meine Streitsache führt und mir Recht verschafft, wich führt ans Licht, ich seine Gnade schau-e" (Micha 7, 8—9). Das war das Wort, -das unsere Altvordernin der langen finsteren Galutnacht der sie umringenden Feindeswelt immer wieder und wieder entgegenhielten, indem sie Trost und Beruhigung in dem Bewußtsein suchten und fanden, daß Gott -ihres Lebens Schutzwehr ist, daß, wie ier ewig, auch sein Volk Israel ewig ist. Es ist dasselbe Wort, das feit Jahrtausenden in Israels Gotteshäusern die Schopharstimme verkündet: „Gott -ist mein Licht und Heil, vor wem soll ich fürchten? Gott meines Lebens Schutzwehr, vor wem soll ich zagen?" Der dem Gedankenkreis seines Volkes entrückte, in eine andere Geisteswelt sich verlierende und -ausschließlich „fremde Weinberge" hütende jüdische Mensch steht da vor einem der größten Rätsel der Weltgeschichte, das zu lösen ihm so wenig gelingen dürfte, wie eS bisher irgendeinem Geschichtsprofessor oder Politiker gelungen ist. Israel aber blickt „seit dem Auszug aus Aegypten bis auf den heutigen Tag" aus die erprobte Erfahrung zurück, daß JW NIL nj7 sooft für das Haus Jakob eine Leidensizeit begann, sie selbst sich später als seine Rettung erwies. Das soll und kann ein Trost auch für uns sein, für uns als Menschen wie als Juden. Das nun feinem Ende entgegeneilende Jahr war das traurigste von allen, die wir als Zeitgenossen miterlebt haben. Wir waren Zeugen von über die Menschheit und ganz besonders über Israel hereingebrochenen Leiden und Bedrängnissen, wie sie weder die Menschheitsgeschichte noch die an Tränen und Klagen überreiche Geschichte Israels je aufzuweisen hatte. An der Wende des Jahres, kurz vor denheiligen Tagen, die Liebe und Versöhnung predigen, sträubt sich unsere Feder dagegen, die fürchterlichen Verleumdungen, Anfeindungen, Drohungen und Gefahren, denen wir im vergangenen Jahre selbst in unserem deutschen Vaterlande ausgesetzt waren, haarklein zu schildern, geschweige denn in einem auch nur einigermaßen abgerundeten Bild all die entsetzlichen Pogrome, bestialischen Metzeleien und Grausamkeiten vorzuführen, denen Hunderttausende der Weltjudenheit zum Opfer gefallen sind. Wir wollen ja nicht die Kluft, die sich, ohne unser Verschulden, zwischen uns und der nichtjüdischeu Welt aufgetan, durch Vorwürfe und Anklagen noch erweitern. Unsere Aufgabe ist, zum Frieden zu mahnen, der Versöhnung den Weg zu bahnen. Allein das Aechzen und Schluchzen der Gepeinigten, Beraubten und Ausgeplü-ndörten, das Stöhnen und Röcheln der Ermordeten, das Klagen und Weinen der umherirrenden Heimatlosen, der armen Witwen und verlassenen Waisen dringen herzzerreißend und s-eelenerschükte-rnd in unser Gemüt wie in das der frommen Andächtigen die -niederschmetternden Töne des Schophar und folgen uns ebenso wie diese auch -in das neue Jahr hinein. Was ist nun zu tun? Wollen wir immer von neuem „flammende Proteste" gegen das Rauben und Morden -erheben, das Auswürfe der Menschheit an unseren wehrlosen Brüdern -und Schwestern verüben? Das haben in Zeiten der Verfolgung auch unsere in den Tod gehetzten Ahnen getan: Sie haben Kinoth, S'lichoth und Pijutim verfaßt, in diesen ihr tiefes Weh zum Ausdruck gebracht und mit ergreifenden, nicht minder „flammenden" Worten ihre Entrüstung über die an ihnen und ihren Lieben begangenen Verbrechen der Welt -kundgegeben. Es hat aber wenig genutzt und