Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 31 (3.9.1920)
- Date
- 1920-09-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ö4. Jahrgang. Nr. 31 Mff Ä A Berlin, 3. September 1920 eitung des Judentums Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnements-Preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324:. Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Pftilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46 49, zu richten. Verlag von Rudolf 2Nosse, Berlin. T*-- TTnltalt An der Jahreswende. Von A l b e r t K a tz. — Ein jüdischer LßNtßUlL. Weltkongreß. Don . Dr. I. Ziesiler (Karlsbad). — Wochenschau. — Eduard Birnbaum. Von Musikdirektor A r v n Friedmann. — Treue in der Not. Von Dr. Eisenkern (Dobrisch b. Prag). — Kommerzienrat Hermann Schüler (Bvchlum). Mit Bild. Von I). — Kissinger Badebries. Von Benas Levy. — Andachtsstimmuna und Orgelshnago-ge. Von Professor Dr.-Jng. Grotte (Breslau). — Feuilleton: Hoffnung. Roschaschana 5681. Von S. Kay (Gelsen- ^irchen). — Wolhynien aus dem Kriege 10QL4 bis 1018. Von M. K. fSchluß.f — L i t e r a r i s che M i tte i l u n ge n. — Büche r e inla u f. Der 'Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Königsberg, Schneidemühl, Breslau, Münster, Frankfurt a. M. — Von Nah und Fern. pn der Jahreswende. 3km AlbertKa tz. er Monat (Hui galt unseren Altvordern als Vvrbcreitungszeit für die Feier der heiligen Feste, die sie als gewaltige und erhabene, als „Jomim noraim", furchtbare oder richtiger furchterregende Tage bezeichueten. Am ersten Elultage ertönte in der Synagoge der erste Posaunenschall, gewissermaßen als Weckruf an die Gemeinde, dem alltäglichen Leben mit seinem Hasten und Jagen nach dem Erlangen irdischen Besitzes wenigstens für eine kurze Frist Einhalt zu gebieten, den bisherigen Lebenswandel einer strengen Prüfung zu unterziehen, ernstlich darüber nachzudenken, ob wir auch immer in den Wegen dessen gewandelt find, der der Herr unseres' Seins ist, und feste Entschlüsse für ein gottgefälliges und menschenwürdiges Leben in der Zukunft zu fassen. Dieser den ganzen. Monat Elul hindurch beim Frühgottesdienst wiederkehrende Posaunenschall, den gegenwärtig nur noch bezahlte Minjanmänner und hin und wieder Leidtragende, die in die Synagoge kommen, um das Kadischgebet'zu verrichten, vernehmen, verhallte nicht wirkungslos. Mit elementarer Gewalt, zerknirschend und ausrüttelnd drang er in die Herzen der Andächtigen, so daß jeder sich sagte: 1B12? b“\p ’IPBJ nPOTP die Stimme der Posaune, die meine Seele jetzt vernimmt, sei für mich ein lUJl-iD Kriegesblasen, ein Signal des nun in aller Schärfe aufzunehmenden Krieges mit den eiteln und nichtigen Wünschen des Herzens, die alle meine Tage behervscht und mein Tun und Lassen beeinflußt haben. Und wie aus einem Munde erklang im Gotteshaus der 27. Psalm: „Der Ewige ist mein Licht und mein Heil, vor wem soll ich mich fürchten? Der Ewige meines Lebens Schutzwehr, vor wem soll ich zagen? Wenn Uebelwollende, gierig nach meinem Fleisch, mir nahen, Bedränger und Feinde, sie stürzen und fallen. Lagert eine Schar wider mich, mein Herz fürchtet nicht, und umzieht mich Krieg, auch dann wankt meine Zuversicht nicht." Unter den Bedrängern und Feinden, von denen hier die Rede ist, verstehen unsere alten Schrifterklärer sowohl des Menschen innere Feinde, die Begierden und Leidenschaften!, die sein Herz gefangen halten, seine Seelenreinheit trüben, als auch seine äußeren Feinde, die ihn, wie die Philister den David, mit Haß und Tücke verfolgen und ihm nach dem Leben trachten. Gott aber, fahren sie fort, ist des Menschen Heil und Licht. Er steht ihm bei in seinem Bemühen, die verlorene Seelenreinheit wiederzugewinnen/) und er bildet feine Schutzwehr, wenn des Hasses Stürme ihn umtosen und sein irdisches Dasein zu vernichten drohen. Gott ist mein Licht und mein Heil! Dem modernen, sich selber als ein höheres Wesen anbetenden Menschen ist der tiefe, erhebimde Sinn dieses Wortes völlig abhanden gekommen. Nur in Not und Drangsal oder erst gar im Angesichte des Todes erblickt er plötzlich sein Heil, sein Licht und seine Zuflucht in Gott, dessen Existenz er in guten Tagen nicht beachtet, nicht selten sogar geleugnet hat. Israel aber hat der Welt nicht nur den Glauben an einen einzigen Gott als des Menschen ewiges Licht und Heil offenbart, sondern es hat der Welt auch das Verbot des Götzendienstes, in welcher Gestalt und Form er auch' auftritt, kundgetan, .auch das Anbeten des eigenen „Ich", der eigenen Kraft und Weisheit mit den ewig wahren Worten: „Was ist unsere Kraft, was unsere Macht", als ebenso unsinnig wie unsittlich strengstens untersagt. An das Psalmwort: „Der Ewige steigt empor unter Jubelschall, der Herr durch die Stimme des Schophar" (Psalm 47, 6) knüpfen unsere Weisen folgende sinnige Sage: Am ersten Elultage bestieg Moses zum zweiten Male den Berg (Sinai). Das wurde im Lager durch Posaunenschall bekanntgemacht, zugleich als Mahnung an das Volk, nicht wieder in den Irrtum der Götzenanbetung zu verfallen. Als das Volk diese Kunde vernahm, (brach es in Jubel aus, bereute aufrichtig die durch die Anbetung des goldenen Kalbes bekundete Treulosigkeit und erhob so von neuem den Ewigen zu seinem alleinigen Gott, wie es heißt: Gott stieg empor durch jubelnden Posaunenschall. Zur Erinnerung an diese Begebenheit ordneten die Weisen an, alljährlich an den Elultagen in die Posaune zu stoßen"). Was die Alten damit sagen wollten, ist nicht schwer zu erraten. Die heiligen Festtage, zu deren'Feier wir schon beim Beginn des Monats Elul aufgerufen werden, sollen uns an den fürchterlichen Sündenfall Israels und seine Wiedervereinigung mit Gott erinnern, damit wir daraus die Lehre ziehen, daß es für den Menschen keine Verirrung gibt, aus der er sich nicht befreien, keine Sünde, und fei sie noch so schwerwiegend, die ihm den Weg zur Rückkehr für immer abschneiden könnte. Nur e i n abtrünniger großer Sohn unseres Volkes, Elisa ben Abuja — genannt Acher — wollte nicht an die Macht der Reue und Rückkehr glaüben und erwiderte seinem Jünger Rabbi Meir, der in ihn drang, zu seinem Gott und seinem Volke zurückzukehren: „Für alle Sünder gibt es Rettung und Rückkehr, nur nicht für mich." Aber auch er, wird berichtet, raffte sich in der Todesstunde auf und fragte seinen treuen Jünger: „Ist es noch Zeit, daß ich mich bekehre?" Und als dieser ihm i, Joma 85 b. irilK l'v'DQ “IfflaS US 3) Jalkut Schimon! Psalm 47. nitPl N2V 722 717# Ppfl?