Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 30 (20.8.1920)
- Date
- 1920-08-20
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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B.T. Swincmünde, 16. Arlgust. Auf der Strandpromeuade kam es Sonntag atzend.gegen 11 Uhr zu Kuudgebulwen mit antisemitischer Tendenz. Unter Führung von Neichsloehrsoldaten, anscheinend früheren B-altikumern und Mariueangch-örigen, zog eine große Menschenmenge mit Musik und Gesang vor die vollbesetzten Bergnugungslokale, Ivo Vaterlandslieder gesungen und Drohungen gegen die jüdischen Badegäste aus-gestoßenwurden. An einigen Stellen lvurden Ansprachen ähnlichen Inhalts gehalten. Der verstärkten Polizeimannschaft gelanges, durch sofortige Schließung der Lokale die Ansammlung Zu zerstreuen und ernstere Ausschreitungen zu verhindern. Aehnliche Kundgebungen haben in der vergangenen Woche schon wiederholt stattgefunden. Am heutigen Montag haben die hiesigen Gewerkschaften zu einer Gegendemonstration ausgerufen. Irr einein an „Bürger, Arbeiter und Badegäste" gerichteten- Aufruf heißt es: „Mit antisemitischen Hetzereien haben Soldaten der Deutschen Republik den Arbeitsfrieden unseres Bades gestört; Hmiderte von Badegästen sind bereits abgereist. Die ohnhin schwache Saison ist vernichtet. Hunderte von Musikern, Kellnern usw. werden brotlos. Ter Ruf Swinemün-des ist zerstört. Heraus zur Massendemonstration!" Heute abend findet auf der Strandpromeuade vor dem Kurhaus eine Demonstrationsversammlung der Gewerkschaften statt, in der der Führer' der Unabhängigen über das Thema sprechen wird: „Was gedenkt die Negierung gegen diese Herausforderung und gegen die Vernichtung von Hunderten von Existenzen zu tun?" er. Braunschtveig, 13 August. Für das gute Verhältnis, das in unserer '-Stadt, wenigstens in manchen Kreisen, noch zwischen den jüdischen nn-d christlichen Mitbürgern besteht, zeugt -die Besichtigung unserer Synagoge durch die Mitglieder -des St.-Jacobi--Männervereins unter Führung seines Leiters, Pastor Beck. In einem Vortragsabend des Frauenvereins von St. Jacobi hielt Landesrab'biner Dr. Ri eg er einen Vortrag ans dem jüdischen Leben. Der Gemeirrdesaal war überfüllt. Dem Vortrag -folgte ein Schlußwort des Pastors Beck, welcher erklärte, er sei stolz darauf, mit Rabbiner Dr. Ri eg er befreundet zu sein. Er bat den Rabbiner, seiner Gemeinde zu bestellen, daß die St.-Jaoobi-Gemeinde der?Freund seiner Gemeinde sei. Gleichzeitig forderte Pastor Beck seine Gemeinde auf, sich mit ihm zu verschwören» dem sich immer mehrbreit machenden Haß gegen das Judentum entgegenzuarbeiten. Der Vortrag habe bewiesen, welche Werte im Judentum schlummern. Es gelte, durch immer weiteres Eindringen in die Religion der Juden das gegenseitige Verstehen zu fördern. „Machet die Geister frei",, das war das Wort, unter dem die einleitenden und schließenden Worte des Pastors Beck an dem denkwürdigen Tage standen. Mit großer Begeisterung wurde sestgestellt, daß Landesrabbiner Rreger nur recht bald wiederkommen möge, und daß im August eine zweite Besichtigung der Synagoge stattsinden sollte. 1. Laupheirn (Württ.), 13. August. Aus hiesiger Gemeinde ist von dem am 2. b. M. zu allgemeiner Trauer erfolgten Ableben der langjährigen 1. Vorsteherin des hiesigen Israeli tischen Frauenvereins, Frau Fanny Steiner, zu berichten. — Man darf sagen, mit ihrem Hi-ntritt ist ein Stück jüdischer Geschichte abgeschlossen, besonders interessant nach der Vereinigung zweier Welten, wie sie bei ihr gegeben war, der des Gettos, in -die ihre Jugendzeit gefallen, und der der neuzeitlichen Bestrebungen, denen nhr Leben und Wirken angehört hat. Sie hat das ungewöhnlich hohe Alter von 83 Jahren erreicht; davon 6 Jahrzehnte im Dienste de-.s Frauenvereins als Vorsteherin gestanden. Wie sehr sie den Ruf der Zeit verstanden, davon sei nur eins hier zu erwähnen: Es war zr' ihrem 80. Geburtstage, da ihr eine ansehnliche Summe, Ergebni s einer Sammlung bei den zahlreichen Verehrern und Verehrerinne n, -die sie hier und draußen gehabt, zur Verfügung gestellt worden, und da eine „Fanny- Steiner-Stistung" daraus errichtet wordenstinnrite sie sogleich dem Plane zu, daß dieZinsen derselben zur Beförderung v on Erwerbsbildung Verwendung finden sollen als dem, was soziale I ürsorge der Jetztzeit besonders verlangt. Es ist schwer, ein getreu es Bild von bem weiten Umfang zu geben, in welchem sie ihren Bslichtenkreis als Vorsteherin aufgefaßt und ausgeführt hat. Hier war es ihr starkes Fühlen, nach Art des Gettos, das Bewußtsein von Unbegrenztheit der Pflichten einer Frauenvereins-Bo^rsteherln, was' sie mitfühlen ließ mit Kranken, Leidenden aller Acht im Frauenkreise und sie anspvrnte zu ungewöhnlich aufopfernder, angestrengter Liebestätigteit, bald Kranken, bei den«i sie Mächte geopfert, Erleichterung bringend, Sterbenden das Ende leichter machend mit ihrem Zuspruch, an Verstorbenen mit heiliger Andacht, wie sie besonders wieder vom Getto bekannt ist, die letzten Liebespflichten übend. Vom Getto auch hatte sie Einführung in unser hebräisches Schrifttum empfangen, zu demsie sich Liebe, Begeisterung bewahrte bis in, die letzten Jahre, da ihr Verkehr mit der Außenwelt schon abgenommen. Wo immer noch sie Gelegenheit hatte, von diesem unserem Schrifttum, seiner Anwendung, seiner Auslegung zu hören, folgte sie dem Gehörten aufmerksam mit feinem Verständnis. Es kann nicht fehlen, daß, wie ihr ein dankbares Andenken bei uns gesichert ist, sie auch Vorbild -für -die überlebenden Mitschwesteru bleibt, wie es nit ihrem Grabe ihr zugelobt worden. OKlsstina. Z. Jaffa, im August. In den letzten Tagen hat die Einwanderungsbewegung nach Palästina bedeutend zugeuommeu. Fast jeden zweiten Tag landet ein cnt§ Europa eintreffender Dampfer einige Dutzend junge Leute oder Familien, die meistens aus den osteuropäischen Ländern ko Minen und sich hier niederl-assen. Bor kurzem schiffte der Lloyddampfer „Baron Call" 206 jüdische Einwanderer in Jaffa ans. Es sind in der Hauptsache junge Leute, die schon einige Jahre Vorbereitungsarbeit geleistet haben und sich so zur Kolonisation besonders eignen. Sie stammen aus Ungarin Galizien und Litauen. Hier nimmt sich ihrer die Zionistische Organisation an und verteilt sie als Erdarbeiter, Straßenbauarbeiter, Wächter usw. im Lande. Nach den Berichten dieser Leute befinden sich augenblicklich etwa 860 weitere Ankömmlinge unterwegs. Die britischen Behörden schein-en nunmehr bei der Visaerteilung eine etwas kargere Praxis gelten zu lassen. Der Sammelplatz der meisten Einwanderer ist Wien, von wo aus sie über Triest und Genua die Seereise antreten. Da die Arbeiten zur Ausbesserung der Straßen und Eisenbahnen zum Teil schon begonnen und in Bälde mit großer Energie im ganzen Lande ausgenommen werdenwird für arbeitsgewohnte Einwanderer zunächst reichlich Beschäftigung vorhanden sein. Denr Wohnungsmangel wird vorläufig durch Erstellung von Zelten oder Baracken abg-cholfen, doch steht der Beginn -einer größeren Bautätigkeit unmittelbar bevor. r. Jerusalem, im August. Anläßlich des Beginnes der Weintraubenlese besuchte der High-Commissioner Sir Herbert s a m u e l die Kolonie Rischon-le-Zion, um die Festfeier, die alljährlich im Anschluß an die beginnende Weinlese hier stattfindet, zu eröffnen. Bei der Entleerung. des ersten Traubenkvrbes in die Weinpresse kostete Sir Herbert Samuel erst einige Trauben, indem er bedeckten Hauptes die Berocho über die Frucht des Weinstockes sagte. Dann entleerte er den Inhalt des Korbes in die Weinpresse. Unter begeistertem Beifall trank dann der beliebte High-Commissioner ein Glas alten Rischonweines aus das Gedeihen der Kolonie, indem er daraus -hinwies, daß die britischen unb zionistischen Flaggen, die nebeneinander flattern, für die Zukunft Palästinas symbolisch sind.dessen Gedeihen undGlück von der freundschaftlichen Zusammenarbeit der Christen, Muhammedaner und Kolonisten abhängen. Im Anschluß an die Feierlichkeit wurde ein Glückwunschtelegramm an Baron Edmond v. Rothschild gesandt. Hierauf begab sich Sir Herbert Samuel nach Jaffa, wo er den offiziellen Beamten und Mitgliedern des Gemeinderats Besuche abstattete. Im Verlaufe emer Unterredung mit den höheren Beamten kündigte Sir Herbert Samuel an, daß -er die Erweiterung der Jassa- Lodd-Eisenbahn in Asokoff augeordnet hätte und daß die daraus entspringenden Mehreinnahmen für die Erziehung und Ausbildung uttlhanunedanlscher Kinder verwendet werden sollen. Am ^abbat „Nechmu" besuchten Sir Herbert Samuel und sein Gefolge die Synagoge, wo er die Haphtorah vorlas. Das jüdische Viertel der Stadt machte einen festlichen Eindruck. Tausende von Menschen promenierten in den Straßen und warteten stundenlangauf den Highf-Commission er, der sich über den herzlichen Empfang sehr freute. Von Moh und Fern. — Ter B e r l iner S t a d t v e r o r d n e t e n v e r s a m m - l u n g ist aus -ihren Wunsch eine Statistik über das religiöse Bekenntnis der Schüler an den städtischen höheren Lehranstalten zugegangen. Der Magistrat teilt mit, daß die Gesamtschülerzahl au den städtischen höheren Lehranstalten Ostern 1020 sich auf 31 052 belief, davon 3904 jüdisch, also 12,6 v. H., 1865 katholisch, also 6 v. H. An diesen Lehranstalten sind 158 8 Lehrpersonen tätig,