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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-08-20 · Heft 30 (20.8.1920) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 30 (20.8.1920)
Date
1920-08-20
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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evfofflto mehrere Dioimte nncl) Erstattung der Anzeige seitens der zuständigen Behörden nichts, es fand weder eine Vernehmung des Beschuldigten noch des Zeugen statt. Als sich der Rechtsvertreter nach etwa einem Vierteljahr andie Staatsanwaltschaft wandte, erfuhrer, das; dort die Anzeige von der Polizei nicht eingereicht war. Nach weiteren vier Wochen, in denen wieder nichts geschah, erfuhr der Vertreter des Weinhändlers, das; die gesamten Akten nnt der Anzeige auf den; Wege von einem Bezirksamt zu dem anderen verlorengcgangen seien. Es wurde nun eine Abschrift der Anzeige eingereicht. Aber es sind bereits wieder einige Wochen vergangen, ohne daß etwas geschehen ist. Rechtsanwalt Tr. G r o ß m a n n hat nun Beschwerde bei den; Oberstaatsanwalt erhoben u;it den; Ersuchen, die Ulkten auch dem Jnstizminister zu überuritteln, danut eine strenge Untersuchung eingeleitet werden kann. 4fr## Berlin, 17. August. Die Z e n t r a l w o h l f a h r t s st e l l e der deutschen Juden, Berlin, schreibt uns: Auf Grund des von Air. Hovver geschaffene;; Systems der Versendung von amerikanischen Liebesgaben besteht seit einiger Zeit eine Möglichkeit, Verwandte und Irennde in Deutschland nnt amerikanischen Lebensmitteln zu unterstützen. Diese werden zu billigen Preisen geliefert und erreichen nachweislich ihren Bestiunnungsort. Die American Relief Administration- (Geschäftsstelle: Hamburg, Ferdiuandstraße 58) hat in Deutschland amerikanische Lebensmittel Lager eingerichtet, durch welche amerikanische Nahrungsmittel sicher und billig zugesandt werden könne;;. Mit Hilfe von Postkarten, die von den Gemeinden bzw. denjenigen. Institutionen, welche den; örtlichen Wohlfahrtsausschuß für die Amerikahilse angeschlossen sind, ausgegeben werden, wenn der Name des Absenders in Amerika glaubhaft genannt wird, kann sich ein jeder, der Verwandte oder Freunde in Amerika besitzt, Lebensmittel beschaffen. Auf rituelle Lebensweise ist bei der Zusammenstellung der Pakete Rücksicht genommen. M. F. Berlin, 17. August. Der im dieser. Woche zur ewigen Rühe bestattete Geheime Legativnsrak (zur Disposition) Tr. Wilhelm E a h n gehört als Jude u u d aktiver Beamter des deutschen diplomatischen Dienstes einer vergangenen Zeit an, die er in zwei sehr interessanten Erinnerungsbänden seinerzeit geschildert hat. Man kann da u. a. lesen, wie Tr. W. Eahn, der 1870/71 während der deutschen. Belagerung von Paris als Vertreter Bayerns in der französischen Hauptstadt bleiben durfte, in jenen kritischen Tagen mit Hilfe des ihn; befreundeten schweizerischen Gesandten Dr. Kern viele;; Deutschen, die fälschlich als „Spione" von französischen Ehauvins verdächtigt wurde;:, das Leben gerettet hat. Sie erhielten durch ihn Schweizer Pässe und durften passieren. Nach den; Kriege bearbeitete Dr. W. Eahn unter Bismarck als Reichskanzler eine Zeitlang die Kolonialangelegenheiten in; Berliner Auswärtigen A;nt, lange Jahre nur als Hilfsarbeiter. Eines Tages ließ ihn Bismarck rufen und erösfrete Tr. Eahn, das; er bald zum Legationsrat nufrücken könne, wenn er sich taufen lasse. „Daun muß ich E;v. Durchlaucht bitten", antwortete Tr. Eahn kurz, „mich weiter in meiner bisherigen Stellung als Hilfsarbeiter zu belassen . . Fürst Bismarck wurde hierauf (wie uns ein Verwandter des nunmehr verewigten einzigen jüdischen Geheimen Legationsrats erzählt) zunächst lehr unwirsch und sagte: „Wenn Sie nicht Legativnsrat werden wollen, inüssen wir Sie schließlich einmal als Generalkonsul irgend-;vvhiu abschieben . . Tr. Eahn arbeitete, treu dem Glauben seiner Väter, weiter als einfacher Hilfsarbeiter in; Auswärtigen Amt, bis ihn eines Tages;vjeder Fürst Bismarck zu sich beschied und ihn; nnt den Worten: „Wir haben Sie ja als tüchtigen Gehilfen und als e i u e u a u f r e cy t e n , tapfer e n M a n n k e;; n e n g e l e r n t" nütteilte, daß Eahus Ernennung zum Legationsrat bereits vollzogen sei. Als Geheimer Legationsrat hat Tr. Eahn in den achtziger Jahren, als die Wogen des Antisemitismus in Berlin, Reustettn; usw. sehr hoch gingen, seinen Rainen wiederholt nnt den; sel. Tr. Gustav K a r p e l e s , Professor Tr. Ludwig S t e i -n (seinen; Sch;vager), ferner Tr. Hirsch Hildesheimer u. a. unter Aufr u f e us;v. z u v sJf b w e h r de s A n t i f e m i 11 § m u s g e f e tz t. Tr. Eahn war und blieb, wie ihn Bismarck genannt hatte, der aufrechte, große Jude. er. Königsberg i. Pr., 13. 'August. € b e r k a;; t o r E d u a r d Birnbaum, dessen vierzigjähriges Amtsjubiläum vor kurzen; unter Teilnahme der ganzen Gemeinde begangen wurde, ist in; Ostseebad Kranz in; 66. Lebensjahre verstorben. Ter Entschlafene, der aus Krakau stammte, kau; mit 14 Jahren nach Breslau,;vo er den Unterricht des bekannten Musikdirektors H. Berthold und Karl Bussesgenoß und schon im Alter von 16 Jahren in einer Privatsynagoge und tir der Synagoge des unter Leitung von Z. Frankel stehenden Jüdischtheologischen Seminars als Vorsänger fungierte. Dank seiner hohen musikalischen Begabung wurde er 1872, eben erst 17 Jahre alt Word.;;, als zweiter Kantor nach Magdeburg berufen, wo er bei Brandt weiter musikalische Studien betrieb. 1879 wurde Birnb a u m zun; ersten Kantor in Königsberg gewählt. In Königsberg hat er es verstanden, sich die Liebe und Achtung aller Gerneindemitglieder zu erwerben und zu erhalten, er genoß aber auch in den weitesten Kreisen der Bürgerschaft als Mensch wie als Künstler hohes Ansehen und berechtigte Wertschätzung. Während seiner Königsberger Tätigkeit hat er sich durch verschiedene wissenschaftliche Aussätze über die jüdische Liturgie rühmlich bekanntgemacht, und er wurde unter den Kantoren Deutschlands allgemein als Autorität angesehen. Auch als Komponist geistlicher und dem Kultus bestimmter Gesänge hat er sich mehrfach hervorgetan. In; Jahre 1900 wurde Birnbaum von der Tirektion der Pariser Weltausstellung eiugeladen, bei der Tagung, des Kongresses für Musikgeschichte einen Vortrag über hebräische Musik zu halten. Unsere ganze Gemeinde beklagt den Heimgang dieses hervorragenden Mannes, der den; Judentum zur Zierde gereichte. W. Posen, 13. August. Ter frühere Kaufmann und Mitinhaber der Firma Gebrüder Brandt beging in geistiger und körperlicher Frische seinen achtzigsten Geburtstag. Namens der Gemeinde unv von Privaten wurde den; Jubilar große Aufmerksamkeit zuteil. Herr Brandt ist langjähriges Mitglied der Repräsentankeuversammluug der Synagogengemeinde und gehört dem Vorstande der Synagoge B (Israelitische Br über geineinde) an. Auch von auswärts wurde der Jubilar mit Glückwünschen bedacht, ein Beweis der Hochachtung und Wertschätzung, der sich der Jubilar bei allen erfreut. — In gleicher Weise wurde unter großer Anteilnahme der 70. Geburtstag des Herrn Samuel Goldschmidt gefeiert. Herr Goldschmidt, in früheren Jahren beim „Posener Tageblatt" tätig, hat durch seine Biederkeit und Bravheit bei allen Schichten der Bewohner hiesiger Stadt eine große Anzahl guter Freunde sich erworben. - Ter Sch; t la in t ska n da da t F e i l ch, enseld aus Adelnau, ein Enkelsohndes hier vor Jahren verstorbenen Oberrabbiners Tr. Wolfs Feilchcnseld, übernimmt an; 1. September eine Lehrstelle an der hier nengegründeten jüdischen Volksschule. Derselbe war in Wreschen für die dortige jüdische Elementarschule gewählt worden, mußte aber, da die Schulbehörde die Schule in Wreschen aufgelöst hatte, anderweitig Anstellung suchen. Nach und nach werden den jüdischen Lehrern ii; unserer Provinz ihre Stellen gekündigt, und macht es große Mühe, für sie anderweitig Unterricht zu finden. Schulen, die fast 100 Jahre -bestanden haben, verfallen der Auslösung. L. W. Aus Pommern, 13. August. Au; 1. d. AU starb iu Neichenhall, wo er Heilung von einem Herzleiden suchte, der Rabbiner von Stettin, Dr. W v r m s. Ter Heimgegangene war ein begeisterter Lehrer der Religion und beliebter Prediger, under wurde wegen seiner Friedensliebe und» humanen Bestrebungen von seiner Geineinde sehr geschätzt. Zur Charakterisierung des früh Vollendeten (er wurde 56 Jahre) möchte ich einige Episoden aus seiner Schülerzeit der Vergessenheit entziehen. In; Jahre 1877 fand' in den; Progyrnnasium zu S a a r l o it i s (Worins war in dem nahegelegenen Snarlvellinaen geboren) eine öffentliche Prüfung statt. Ter Direktor verkündete am Schlüsse, daß das Lehrerkollegium einstimmig beschlossen habe, die Stiftungsprämie von zehn Tatern den; besten und fleißigsten Schüler M o s e s W o r u; s zu verleihen: er müsse aber zu seinen; aufrichtigen Bedauern von der Auszahlung Abstand nehmen, da der Stifter die Prämie ausdrücklich für einen christlichen Schüler -bestimmt hätte. Ta trat ein Hauptmann der Garnison auf, übergab den; Direktor einen Zehn taterschein mit den; Bemerken, daß ein solcher Musterschüler nicht nur u;it Worten, sondern auch durch, eine kleine Belohnung aufgemuntert werden inüsse. In; nächstfolgenden Jahre erhielt Moses Worms die erwähnte Prämie nicht, sondern als Bonifikation das Recht, eine Klasse überspringenzu dürfen. Er absolvierte darauf die höheren Klassen in Trier, studierte dann aus den; Rabbinerseminar in Breslau und besuchte später di-e Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zu Berlin. Rach vollendeten; Studium war er u; eh re re Jahre Rabbiner in Neustettin, kurze Zeit in Dresden und seit 16 Jahren in Stettin. Er hinterläßt eine tiefbetrübte Gattin, die iu; vollen Wortsinn auch in der Neligiousschule ihm eine wackere Gehilfin gewesen, und ein Tächterchen.

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