Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 30 (20.8.1920)
- Date
- 1920-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229472--75921-3288462- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I T 84. Jahrgang. Nr. 30 Der Oememdebate. -***1**»» Vettsye zur „Allsemetnen Leitung deß Judentums". Lorrrsponden?en und Nachrichten. SrutWand. 22 BeEn, 17. August. Jmdischen Lehrern, die ein über die Bedürfnisse des Elementarunterrichts hinausgehendes Wissen auf dem Gebiete der Religionswissenschaften Nachweisen wollen, ist Gelegenheit geboten, vor einer vom Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde eingesetzten Kommission durch Ablegung einer Prüfung den gewünschten Nachweis zu erbringen. Die Prüfung, die alljährlich im März und September.stattfindet, erstreckt sich auf folgende Gebiete: Methodik, biblische Geschichte, Hebräisch, jüdische Geschichte, Religionslehre, Religionsphilosophie und Einleitungswissenschaft. Gesuche um Zulassung zur Prüfung sind zu richten: An ben Schul- und Talmud-Dhora-Vorstand der Jüdischen Gej meinde, Berlin N 24, Oranienburger Straße 29. Interessenten wird auf Ersuchen Abdruck des Prüsungsreglements verabfolgt. Berlin, 17. August. Vor dem S ch l i ch t u n g s a u s - schuß Groß-Berlin fand am 5. d. M. Verhandlung in der Beschwerdesache der Angestellten der Jüdischen Gemeinde gegen den Vorstand der Jüdischen Gemeinde wegen Einführung der Besoldungsordnung des Magistrats für die Angestelltenschaft der Jüdischen Gemeinde statt. Vor Eintritt in die Verhandlung erhob der Vertreter des Gemeindevorstandes Einspruch gegen die Vertreter der Angestelltenschaft. Sie Hütten nicht das Mandat, die Interessen der Angestellten zu vertreten, weil bei der Jüdischen Gemeinde noch Beamten-, Arbeiteritnb Angestelltenausschüsse bestehen, die zu den Verhandlungen hinzugrzogen werdenmüßten. Die erschienenen Vertreter der Allgestellten wiesen darauf hin, daß sie wohl das Mandat hätten, die Interessen der Angestellten zll vertreten. Sie seien in der Vollversammlung der Arbeitnehmerschaft der Jüdischen Gemeinde llnter Zustimmung der anwesenden Ausschaßmitglieder gewählt worden. Rach längerer Beratung verkündete der Schlichtungsausschuß die erschienenen Vertreter für legitimiert, die Verhandlungen zu führen. Jnfolgedesien sollte in die materielle Verhandlllng eingetreten werden. Es ergaben sich jedoch bereits bei den ersten Fragen neue Differenzen, so das; der Schlichtungsausscbuß sich wiederlun zur Beratung zurückzog und folgenden Spruch füllte: „Die Sonderkammer des Sckilichtlmgsausschusses Groß- Berlin hat einstimmig den Beschluß gefaßt, die Verhandlung über die Beschwerde der Arbeitnehmerschaft der Jüdischen Gemeinde gegen den Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu vertagen und dem Gemeindevorstand aufzugeben, bis zum 17. d. M. mit dem inzwischen gewählten Betriebsrat über das Gehaltsabkommen zu verhandeln. Eventuelle Streitpunkte sollten dann vor dem Schlichtilngsausschuß entschieden werden." E. M. Berlin, 17. August. Die Groß -Berli n er Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes hielt ihre Generalversammlung im zweiten Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde ab. Die Vorsitzende, Frau Ollendorff, gab einen kurzen Geschäftsbericht, in dem sie auf die Schwierigkeiten hinwies, die beim Frauenbund, ebenso wie bei allen anderen Wohlfahrtseinrichtungen, gestiegen sind. Trotzdem ist es gelungen, die Arbeit in vollem Umfange aufrechtziuerhalten. Nach außen wurden alle Folgerungen aus der Lage gezogen. Der Verein hat sich auch mit der Abwehr des Antisemitismus beschäftigt, wofür eine Abwehrspende gesammelt wurde. Die Stellung zur Ostjudenfrage lind die Forderung der Gleichberechtigung der Frauen in der Jüdischen Gemeinde haben die Ortsgruppe eifrig beschäftigt. Leider haben die Bemühungen, den Frauen das Wahlrecht in der Gemeinde zu sichern, bisher noch keinen Erfolg gehabt. Der Frauenbund macht es allen feinen Mitgliedern zllr Pflicht, bei künftigen Gemeindewahlen nur für solche Männer einzutreten, die das volle und uneingeschränkte Wahlrecht für die Frauen fordern.' Ueber die einzelnen Arbeitsgebiete wurden eingehende Referate erstattet. — Die Kasse zur Förderung der Frühehe hat Fortschritte gemacht. Die Popularität der Einrichtung ist gewachsen, und fünf Brautpaare konnten bereits ausgestattet werden. — Ueber die Schulpslege, die der Verein seit einiger Zeit in sein Programm ausgenommen hat, fand eine eingehende Aussprache statt. Die Qnäkerspeisung wurde mit Hilfe des Jüdischen Frauenbundes und der Jüdischen Gemeinde zu Berlin auf 900 jüdische Kinder ausgedehnt, die an zehn Stellen mit rituell Zubereiteter Nahrung versehen werden. Am Schlüsse der Verhandlungen erfolgten die Neuwahlen, bei denen Frau Martha Ollendorff zur ersten Vorsitzenden, Frau Henriette M a y zur zweiten Vorsitzenden wiedergewählt wurden. Auch die übrigen Aemter wurden ebenso wie im Vorjahre wiederbesetzt. J. N. Berlin, 17. August. Am Montag, den 9. d. M„ erhielt das I ü d i s che K i n de r h e i m in der Fehrbelliner Straße 92 den Besuch der hier anwesenden Mitglieder der Amerika-Hilfe- Ouäker — etwa 30 Damen und Herren an deren Spitze Mr. Thomas und Ais. Cox. Ihnen angeschlossen hatten sich Fräulein v. Gierte, Herr Stadtrat Sassenbach, Herr Direktor Häusler vom Städtischen Jugendpflegeamt und Herr Stadtschulrat Fischer. Frau Gertrud S e l i g s oh wdie Vorsitzende des Kinderheims, empfing die Gäste, begrüßte sie und geleitete sie in den Garten, in dem die Kinder an gedeckten Tischen ihre Mahlzeiten einnahmen. Nach der Besichtigung des Heims trug ein Kind ein sehr nett verfaßtes Gedichtchen vor. Die Damen und Herren sprachen sich über die Einrichtung des Heims in anerkennender Weise aus. Berlin, 17. August. Geh. Sanitätsrat Dr. Ernst Schwer i u ist nach langem, schwerem Leiden im 74. Lebensjahr gestorben. Er hat viele Jahre im Südosten Berlins als Arzt gewirkt. In Alt-Landsberg geboren, ließ Schweriu sich 1868 in Berlin nieder und erfreute sich bald durch seine vornehme Gesinnung und sein erfolgreiches, gemeinnütziges Streben in weiten Kreisen großen Ansehens. Schwerin gehörte dem Geschästsausschliß der ärztlichen Stand-osvereine und der Aerztekammer an. Der Aerztliche Standesverein der Luisenstadt, dessen Vorsitzender Schlverin mehrere Jahre lvar, ernannte ihn zll 1 einem ßhrenm'itglied, ebenso der Berliner Handwerkerverein, den er als Nachfolger seines Schwiegervaters, Geh. Sanitätsrat Dr. Abarbanell, geleitet hat, und der Sanitätsverein der Lehrerinnen, Auch tm „Verein für Volksbildung", im „Freiwilligen Erziehmlgsbeirat für schulentlassene Waisen" und in der „Gesellschaft für ethische Kultllr" hat Schwerin als Mitglied des Vorstandes gewirkt. Seine Gattin war die bekannte Frauenrechtlerin Jeanette S ch lv e r i n , die im Jahre 1899 starb. — Berlin, 17. August. Eine merkwürdige Angelegenheit beschäftigt in Form einer Beschwerde den Oberstaatsanwalt beim hiesigem Landgericht I und den Justizminister. Aul 24. Februar befand sich der Weinhändler Franz Litsin aus Charlottenburg in Gesellschaft des Fabrikanten N e e l s «und dessen Gattin in der Garderobe des „Palais de Danse", als ein Herr ans ihn zutrat und in lautem Ton rief: „Sämtliche Juden den Hut abnehmen, jetzt kommt ein preußischer Oberleutnant!" Da Litfini nicht Jude ist, lachte er über das Benehmen des fremden Herrn. Jlli nächsten All genblick hatte ihn dieser aber schon an der Kehle gepackt lind über den Garderobentisch geworfen. Während er auf den Weinhändler einschtug, schrie er: „Sie kommen hier nicht gesund raus. Ich würge sie tot, lvenn Sie Jude llicht den Hllt a'bnehmen!" Das anwesende Publikum rief dem angegriffenen Herrn zll: „Nehmen sie doch den Hut ab, wenn Sie Ihre Augen und Kinnbacken heil behalten wollen!" Die Schlägerei, bei der denl Weinhändler der Pelz zerrissen und der Schirnr zerbrochen wurde, wurde schließlich durch das Dazwischentreten' eines anderer: Herrn beendet. Als der Angreifer sah, daß Litfin jetzt von verschiedenen Seiten Hilfe erhielt, lies er davon lind versuchte auf der Straße schlenmgst zll entkommen. Er wurde jedoch festgehalten und auf der Polizei als der im Hotel Esplanade wohnhafte Oberleutnant und Gutsbesitzer Wilhelm W a l t k i n a festgestellt. Bon den: Verletzten wurde bald nach dem Vorfall unter Beifügung eines ärztlichen Attestes Strafanzeige gegen den Gutsbesitzer wegen Beleidigung, Körperverletzung und Sachbeschädigung erstattet. Merkwürdigerweise - I I