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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-08-20 · Heft 30 (20.8.1920) · p. Seite 346

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 30 (20.8.1920)
Date
1920-08-20
Page
Seite 346 (sequence 10)
Language
German
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Vorstellungen sich psychologisch erklären. Ich habe häufig eine sichtbare und anhaltende Beruhigung als Folge eines solchen Seelsvrgegesprächs lvahrgenonunen. Die Neurose gibt sich öfters auch in störender Willensschwäche kund. Der Kranke ist zu keinem Entschluß fähig. Ich habe da oft zu einer Kriegslist gegriffen. Ich erklärte einem Neurotiker: zu irgendeiner charitativen Tätigkeit sei mir die Mitwirkung seiner Person unentbehrlich, und spannte ihn fest in den Dienst, und zu meiner Freude konnte ich wahrnehmen, wie von dieser Tätigkeit her allmählich seine Willenskraft wuchs und der Heilprozeß sich einleitete'). Wolhynien sus dem Kriege W14 bis 19 X 8. ussischer Schmutz, russisches Elend! Kleine, niedrige Holzhütten mit Stroh gedeckt. Ungepflasterte Straßen voller Lehmpfützen. Weiber mit nackten Beinen und stumpfem Gefichtsausdruck! Männer, denen die Faulheit aus dem Gesichte starrt, rauchend, wie ihre kleinen Kinder, die sich kaum auf ihren schwachen Füßen halten können und doch schon in allem den Charakter der Großen tragen. — - So die Vorstraßen. — Auf dem Markt und um ihn herum kommen neue Typen hinzu. Die freiwillige Feuerwehr - jawohl, so lächerlich es scheint, eine Feuerwehr ist in diesen Nestern. Rußland will doch Kulturland sein! Sie tragen blaue Russenjacken und einen blanken Messinghelm. Junge Burschen, die auf ihren Kulturberus stolz sind. An den vier Ecken des Marktes stehen die Feuerglocken, Eisenglocken auf morschem -Eichenholz. — Noch eine Sorte Menschen läuft dort herum. Prägnante Kerls in langen Kaftanen, die Männer mit rabenschwarzen Bärten, mit kräftigen Hakennasen, immer handelnd und feilschend. Ihr ruhiger Körper wird eine lebhafte Linie, wenn es sich darum handelt, einige Kopeken mehr zu erzwingen. Ihre Frauen und Kinder helfen ihnen die Billigkeit der Waren beteuern. Es sind die Geschäftsträger Rußlands, die zu Tausenden das westliche Rußland beleben. Es sind die Juden, die trotz vieler Mühsal und Pein Rußland nicht verlassen mögen — denn hier gibt es ja nur Gesetze auf dem Papier. — Bon ihnen lasse mich dir erzählen, höre, was ich mit ihnen erlebte und was ich ihrem Seelenleben ablauschte. — Man buk und briet, es nahten die Feiertage. — Esther, die sonst so Geschäftstüchtige, hatte kein Auge mehr für das Geschäft. Der alte Abraham mußte alles allein besorgen. Man hatte ja auch genug erschafft und verdient in all der letzten Zeit. Abraham war in Lodz gewesen, hatte Viel, viel eingekauft und es mit gutem Profit losgeschlagen. Er pflegte dann, wenn das Geschäft gut gegangen war, abends zwer Silberstücke zwischen den Händen zu reiben. Nach einiger Zeit rückte er die verbogene Brille zurecht, beugte seine Habichtsnase tiefer - und wenn die Silberstücke blank geworden waren, wußte er, daß er morgen wieder ein gutes Geschäft machen würde. Abraham war Optimist, er fand immer, daß ') Obige Skizze ist ein Kapitel aus einem von mir zum Teil schon geschriebenen Bliche über die praktische Wirksamkeit des Rabbiners. Sein Inhalt lautet: Der Rabbiner als Lehrer. Der Rabbiner als Prediger. Der Rabbiner als Seelsorger. In der Jugendfürsorge. Der Rabbiner am Krankenbette. Der Seelsorgedienst im Jrrenhnllse, im Gefängnis. Der Rabbiner im Kampfe gegen Unzucht und Unmäßigkeit. Proben ans einzelnen Kapiteln sind bereits gelegentlich veröffentlicht worden. Heute sollten nur einige Gedanken mitgeteilt werden über ein Stücklein Seelsorge, das sicher weit lnehr Beachtung verdient, als ihm gemeilchin zuteil wird. die Silberstücke blank geworden wären, also mußte er auch immer ein gutes Geschäft machen. Ich persönlich bezweifle, baß die Silberstücke viel blanker wurden, denn Abraham fand es bei seinem ehrwürdigen Alter für angebracht, sich nur vor den Feiertagen zu waschen. — Er hätte nur noch zwei Flaschen Rotwein, und da es kurz vor den Feiertagen war, hielt er es für richtig, noch 50 Kopeken aufzuschlagen. Er beteuerte die Billigkeit des Weines, und er gäbe ihn auch nur so billig her, weil es die beiden letzten Flaschen wären (noch *20 Familien hätte er mit feinen Vorräten an Wein versorgen können). — Feiertag, die versilberten Leuchter, das Feiertagsgeschirr, dickleibige Gebetbücher, das reinliche Tischtuch, eine Waschschüssel, Wein und die gesäuberte Familie machen die Poesie des Feiertags aus. Abraham war der Großvater einer zahlreichen Familie. Esther, seine Frau, saß neben ihm, dann kamen die verheirateren Kinder und unten neben den Kleinsten das Brautpaar Stascha und Simon. Man hatte gebetet, gut gegessen und wieder gebetet,, und nun sprach man über dies und das. Es war ein Feiertag wie alle Feiertage — nur die Stimmung schien gedrückt, als wenn man vor einer langen, langen Scheidung stände. Man wußte, es war Krieg, schwerer Krieg mit den Deutschen, und Joseph, der Vater Staschas, und Simon, ihr Bräutigam, mußten täglich ihre Einberufung ins Heer erwarten. Es war am ersten Morgen nach dem Feiertage. Der Alltag mit Freud und Leid begann wieder. Gegen Mittag erschien der Schreiber des Stadtverwalters und befahl Sinwn und Joseph ins Stadthaus. Die kleinen Räume der Verwaltung waren überfüllt mit jungen Leuten und mit Leuten im Alter Josephs. Diejenigen, die schon gedient hatten, wurden in zwei Stunden auf den Bahnhof bestellt, von wo sie nach der Garnison befördert werden sollten. Die Ungedienten, zu denen auch Simon zählte, untersuchte man ganz oberflächlich und bestellte sie dann ebenfalls zum Bahnhof. Simon und Joseph waren für tauglich erklärt worden. Sie schritten still nebeneinander her, ihren Häusern zu. In ihren Köpfen wühlten die Gedanken, sie konnten es nicht fassen, daß sie alles, was ihnen lieb und teuer war, vielleicht aus ewig verlassen sollten. Sie mußten in den Krieg; wann würde man sich Wiedersehen, was würde aus ihrem Hab und Gut in ihrer langen Abwesenheit werden — und — konnte man nicht den feindlichen Kugeln zum Opfer fallen? Es gab einen schweren, tränenreichen Abschied. Simon ging ein letztes Mal zu Stascha, er liebte sie glühend heiß, das liebe kleine Zigeunergesicht, mit den fragenden schwärzen Augen, denen er ja den Himmel aus Erden hatte bereiten wollen. Noch einen Kuß und noch ein Händedruck; dann, als er sich! loswinden wollte, rief sie ihm schmerzersüllt nach, als wenn sie ihn mit den Buchstaben hätte an sich klammern können: „Simon!" — „Stascha!" antwortete er und schritt gesenkten Hauptes dem Bahnhose zu. Der Zufall wollte es, daß Joseph und Simon in dasselbe Regiment kamen, unweit Moskau in ein kleines Städtchen. Die Soldaten wurden streng, ja hart sogar manchmal behandelt, die Ausbildung ging schnell vonstatten; man brauchte Soldaten. Die Deutschen waren in Rußland eingebrochen, hatten Erfolge über Erfolge — daher war man in knapp drei Wochen an der Front. Es kamen schwere, schwere Tage für sie — den Tag über im Kampf, des Nachts auf der Flucht vor den Deutschen. Sie zogen aus der Flucht durch die Dörfer, nahmen die Habseligkeiten der Bauern mit, mordeten» das Vieh und verbrannten die Gehöfte. Joseph unb Simon hatten sich nie an den Greueltaten beteiligt. Sie waren durch Zufall immer zusammen geblieben, und so konnten sie sich« gegenseitig ermutigen «und gemeinsam zu ihrem Gotte beten, den die 'anderen ja nicht kannten und nur verhöhnten. Plötzlich erfuhren sie auch, daß auch ihre kleine Stadt der Mordlust der Räuber zum Opfer gefallen war. Bis jetzt hatten sie die Roheit ihrer Kameraden nur verab-

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