Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 30 (20.8.1920)
- Date
- 1920-08-20
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
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zuweilen den Eindruck Stumpfinniger, dann wieder den zielloser und zerfahrener Menschen machen, die sich schwer in Zucht und Ordnung fügen. Ihnen stehen die mäßig geistesschwachen, debilen Elemente nahe, die im Berufe noch leidlich leistungsfähig sind, im Leben aber schnell und gründlich versagen, jeder üblen Beeinflussung sich erschließen, der Verführung zum Opfer fallen und unstet und haltlos ein Spielball eigener Launen und fremder Willkür werden. Förster hat entschieden recht, daß das Wesen aller wahren Erziehung darin besteht,' die Einzelpersönlichkeit mit ihrer Eigenart so zu bearbeiten, daß sie sich in die allgemeingültige sittliche Weltordnung hineinbaut. Hinaus aus der Befangenheit in die eigne Unzulänglichkeit. Das ist vor allem denen gegenüber am Platze, die pathologisch irgendwie gehemmt oder gefährdet sind. Ihr leidenschaftliches und ichsüchtiges Wesen bedarf in erhöhtem Maße eines Gegengewichtes durch lebhafte Eindrücke von der Majestät objektiv geltender Gesetze. Eine feste Lebensordnung mit fühlbarem ethischen Hintergrund wäre für unsere Zerfahrenen und Zerriflenen ein nicht zu unterschätzender Heilsaktor. So wird der Rabbiner die Befolgung der Religionsgesetze mit ihrer strengen Regelung und Verwirrung aller Daseinsäußerungen in den Dienst der Psychotherapie stellen. Man wird vor allen: sich mühen, die rechte Selbstachtung zu wecken. Das religiöse Motiv von dem unendlichen Wert jeder Menschenseele vor Gott muß zur vollen Wirksamkeit gebracht werden. Man inuß einem solchen Schwachen geflissentlich Achtung und Vertrauen entgegenbringen und auch die Umgebung und den Verkehr in diesem Sinne belehren. Man muß an die irgendwie wertvollen Interessen, die vorhanden sind, anknüpsen, etwa Neigung zur Musik, Sammeleifer, Freundlichkeit gegen Tiere und von da aus am inneren Menschen weiterbauen — es steckt tiefe Weisheit in dem Satze Kants: „Man kann niemanden besser machen als mit dem Rechte des Guten, das in ihm ist" — und daneben Lacondaives AuSspruch im Bewußtsein behalten: „In jeder Menschenseele lebt ein Heiliger und Verbrecher". Diesen Heiligen, die Men nannten ihn jezer liatob, den Trieb zum Guten, den gilt es zu Hilfe zu rufen. # Für das Krankheitsbild des Epileptischen sind nicht die Krämpfe, sondern das gereizte, leidenschaftliche, zornwütige, wie im Rausche sich vollziehende Affektleben kennzeichnend. Bei den schwachen Stadien dieser Krankheit läßt sich durch Willensstärkung einige Besserung erzielen. Vor allem gilt es, einem solchen Schwachen das Gefühl zu nehmen, als sei jeder Versuch, einen inneren Kampf gegen den bösen Dämon auszunehmen, von vornherein aussichtslos. Diesen intelligenten Krankhaften gilt es klarzumachen: Es ist nicht an dem, daß unser Wille nur lein Ergebnis der körperlichen Disposition sei, ein bloßer Durchgangspunkt von Naturwirkungen. Man wird wohl die tatsächliche Abhängigkeit unseres Willens von Motiven aufzeigen, aber auf diesen: Grunde der Bedingtheit unsere innere Unabhängigkeit um so heller aufleuchten lassen, die darin besteht, die geeigneten Motw-e zur endgültigen Entschlußbildung in uns aufzuhäufen. Man lasse ruhig dje furchtbare Wirkung ererbter schlimmer Anlage gelten, man stelle aber daneben, was planmäßige Selbsterziehung zu ihrer Verdrängung vermag. Pochhammers schönes Gleichnis zur Veranschaulichung des in der Seele wirksamen Zwanges und der aus den: Ewigen stammenden freien Kraft trifft den Nagel auf den Kops. Es ist wie beim Segelboot; hier treibt nicht nur das Wasser, sondern auch der Wind, ein Bild der überirdischen Kraft. Es wird sich also um Steigerung der Selbstdisziplin handeln, um Vertiefung des Schuld- und Verantwortlichkeitsgefühls, um die religiösen Werte der Reue und Buße. In uns lebt eine Welt des Gewissens: higgid lecha adam mall tob („Gott hat dir kundgetan, Mensch, was gut ist."). Allen Antrieben der Tiefen und Anlagen des Schlimmen gegenüber ist aus die Kraft aus der Höhe hinzuweisen, und diese soll durch planmäßige Askese und Selbstbeherrschung gepflegt werden. * Ueber die Hysterie, zu deren Symptomen neben hochgradiger Beeinflußbarkeit, ausgeprägter Selbstsucht und Lügenhaftigkeit, zuweilen arrch Schlarcheit und Gewandtheit gehören, sei hier nur ein kurzes Wort gesagt. Ein beträchtlicher Teil der Dirnen gehört zu ihr. Mancher Ehebruch bei sonst korrekten: Verhalten kommt auf ihre Rechnung. Lähmungen und körperliche Störungen aller Art, wie Erblindungen, vermag sie hervorzurufen. Die Suggestion vernrag hier Wunder. Auch die Suggestionskräfte des Gebetes. Ich selbst habe folgenden Fall erlebt. Ein junges Mädchen zeigt nach einer Marschüberanstrengung alle Symptome der Hüftenlahmheit mit Verkürzung des rechten Beines. Anatomische Untersuchung, Röntgenaufnahme, ergeben völlige Intaktheit. Monatelang trotz oder wegen aller möglichen Heilversuche kein Erfolg. Da versammeln wir uns um das Bett der Kranken. Ich spreche, tief ergriffen vom Mitgefühl mit der Leidenden, ein schlichtes, inniges Gebet. Kaum ich das Amen gesprochen hatte, sagt die Leidende: „Mein Bein wird länger, erhob sich und ging normal. Ueber die Psychoanalyse wird sich der Geistliche genau informieren. Zn seinem Umgang mit Hysterischen sei er besonders darauf bedacht, Ernst und Strenge, Festigkeit und Milde, Teilnahme und Zurückhalten in Weisheit und Takt miteinander zu vereinen. Er wecke Vertrauen, meide aber Vertraulichkeit und versäume ja nicht, eine Verständigung mit dem Arzt über etwaige Maßnahmen herbeizuführen. Zum Schlüsse eine Bemerkung über die Neurotiker. Sie sind Menschen ohne rechtes Lebenszentrum; oft sind sie mit ihrem Berufe unzufrieden; sie wechseln ihn oft und launisch, bis sie schließlich scheitern; sie sind leidenschaftliche Glücksucher. Ihnen muß man zeigen: Glücklich sein, heißt glücklich machen. '„Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu andrer Glück, denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück." Zu sehr mit dem eigenen Ich beschäftigt, sind sie anzuleiten, sich der Wirklichkeit anzupassen, jene, problematischen Naturen, die nach Goethes Wort keiner Lage genügen und denen keine Lage genügt. Ihnen ist die Kunst der Dankbarkeit beizubringen, und mit Platen ist ihnen klarzumachen, daß im Leben das Vergessen nicht die letzte Tugend ist. Ihre innere Ungeduld und Unruhe stammt aus einem nagenden und quälenden Schuldgefühl. Hier gilt es, die versöhnende und verzeihende Liebeskraft der Religion zur Entfaltung zu bringen und ihnen die Quellen der Beruhigung und des Seelenfriedens zu erschließen. Gott legt die Last nach der Kraft ans. Darum nicht verzagen! Zumeist sind es gar nicht wirkliche Vergehen und große Untaten, die diese Kranken bedrücken. Der kleinste Schritt vom Wege auf geschlechtlichem Gebiete, winzige Gedankensünden erscheinen ihrem empfindlichen Gewissen als schweres Unrecht, dem auch furchtbares Leid folgen müsse. Die kleinste Lüge und die geringste Unredlichkeit lasten mit Zentnergewicht auf ihrer feinfühligen Seele und malen ihnen die schlimmsten Folgen vor die Phantasie. So werden diese Bedauernswerten von Angst und Zweifel hin und her geworfen, und dabei bezieht sich das Schuldgefühl des Neurotikers zumeist auf das, was er hätte machen können; es ist sein Triebleben, das er unterdrückt hat, Neigungen, die er vergewaltigte, die im Unterbewußtsein arbeiten. Hier gilt ess volles Vertrauen zur rückhaltlosen Aussprache zu gewinnen. Es gelingt dann, dem Kranken zu zeigen, daß seine Angst unbegründet ist und die einzelnen