Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 30 (20.8.1920)
- Date
- 1920-08-20
- Page
- Seite 344 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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p Aber wir wollen und sollen uns nicht ärgern! Herzheilbad Kudowa kann sonst seinen Zweck nicht erfüllen, und der in vieljährigem Frontdienst erschlaffte Muskel verlangt sein Recht! Sind es nicht heute sechs Jahre, daß der Krieg anhob? Wo sind sie, die Kameraden von einst?' Ost, wenn ich im Walde liege und träume, sende ich euch einen Gruß durch die Mutter Erde fernhin nach Frankreich! Wer denkt eurer noch und des vielen jüdischen Blutes, das ihr habt dahinströmen lassen in selbstverständlicher Pflichterfüllung! Nun ist der Jude nur noch der Schieber und Wucherer! Doch was macht's! Lassen wir die Toren reden, sie wissen es nicht anders. Viele Stammesgenossen gibt es hier in Kudowa; liegt es ja nicht allzuweit von der östlichen Grenze, und sucht ja der Jude vor allem auch die Orte auf, wo er Gesinnungsverwandte zu finden hofft. Wir wollen ehrlich sein! Man sieht nicht immer erfreuliche Typen! Der schnell Reichgewordene trägt allzu sichtbar seinen Reichtum mit sich, und mangelnder Takt verletzt da oft sehr, aber dieser Typ ist nicht nur jüdisch! Halbheit, Assimilation spricht diesen Menschen aus den Augen. Allzu schnell versuchen sie das auszulöschen, was der Glaube der Väter, ihre Sitte ihnen war, aber von Europa nahmen sie nur die Unkultur an! Welch prachtvollen, geschlossenen Eindruck aber machen dagegen jene ostjüdischen Gestalten, die man hier sieht. Zu dem langen schwarzen Barte paßt der lange Rock, und in ihren träumenden Judenaugen glauben wir manche Geschichte eines alten Zaddik, vielleicht gar des heiligen Baal-Schem zu lesen! Von dem Gottesdienst will ich erzählen, den ich am 9. Ab mtt ihnen verlebte! Ein Zimmer, sonst den Mahlzeiten gewidmet, in einer Ecke der Schrein mit der heiligen Thora, sonst nichts! Auf der Erde kauernd diese Menschen, herausschreiend ihren Schmerz um Jerusalem, innerstes Erleben, Volkstum! Der, der sie nicht versteht, hört vielleicht nur das laute Beten, das Durcheinanderrusen, redet dann von mangelnder Disziplin und vergleicht sie mit den Betern unserer großen Synagogen, die den Konzertvorträgen lauschen. Hier aber schreien Seelen zum Himmel, hier klagt man um Zion, durch dessen Fall wir hinausgestoßen wurden in den Golus, der nicht enden will. ' „Wie sitzt einsam die Stadt, die volkreiche, ist einer Witwe gleich geworden, die Herrin über Völker! Die Fürstin über Länder ist zinsbar geworden." Und es erschüttern uns die Klagelieder im Innersten unserer Seele, so wie noch niemals! Alles aber betet an diesen Menschen, und ihr Körper ist in unablässiger Bewegung! Als wir leise davongingen, da wurde uns mit einem Male klar, wie sehr wir der jüdischen Art schon entfremdet sind, und im stillen beneideten wir diese Männer um die Ganzheit ihres Wesens! An vielen Stellen kann man hier in Kudowa zu dem Gott der Väter beten, und wer vier Sabbate hier ist, wird gerade an jedem einem anderen Gottesdienst beigewohnt haben. Die Freude aber über den stets gleichbleibenden Gottesdienst sollte uns jedoch eine Lehre sein. Das alte Gebet nach der Sitte der Väter ist ein starkes, einigendes Band, das wir nicht zerreißen dürfen! Daß Kudowa ein Ort für Kranke ist, vergißt man zu leicht, wenn man über die fröhliche, lachende Kurpromenadegeht! Aber der Todesengel kehrt oft ein, wenn alle ärztliche Kunst vergebens ist und das müde Herz seine Ruhe haben will. Eine heilige Bruderschaft, eine Ehewra Kadischa, hat sich auch hier gebildet, die für den Bau einer jüdischen Leichenhalle eifrig Gelder sammelt. Wo gäbe es einen Ort, an dem sich jüdischer Brudersinn nicht betätigt! Für die Giftpflanze des Antisemitismus ist hier kein Bodert. Lümmeligen Maulhelden würde es nicht gut gehen, denn auch die jüdische Faust fährt hart drein, wenn sie beleidigt ist! So wird wohl jeder erholt und dankbar den heilbringenden Quellen von hier von dannen ziehen und den Duft der herrlichen Wälder noch lange zu atmßn meinen, wenn ihn schon der Brodem der Großstadt wieder umfängt. Schlesiens Berge aber grüßen uns auch dann noch mit ihren im Winde sich biegenden Tannen, ihren murmelnden Bächen, ihren tram lichen Tälern. Und wir danken Gott, daß er uns gnädig bewahrt hat! Vielleicht aber schasst hier einmal der so oft bewährte jüdische Wohltätigkeitssinn ein Heim, in dem auch der unbemittelte Jude Genesung findet, denn Wald, Feld, Wiesen und Quellen sollen Gemeingut der Menschheit sein! Lur leellorgerilchm ßmnfluffung krankhafter in der praktilchen Wirksamkeit des Lsbbmers. Von Bezirksrabbiner Dr. Beermann (Heilbronn). # ie praktische Theologie des Judentums ist Neuland. Kann man doch immer noch gerade in gut jüdischer! Kreisen eine gewisse Abneigung gegen die Verbindung des Begriffes Seelsorge mit dem Rabbinerberufe wahrnehmen. Als ob nicht das Hirtenamt eine gemeinjüdische Idee (vgll Ezechiel 33) ist und mannigfache Stellen des rabbinischerr Schrifttums die Verantwortung des Führers für die ihm anvertraute Schar ganz im Sinne jener suchenden Liebe feiern, die Ezechiel predigt, den man den Vater des Rabbinertums genannt hat. Wenn heute der Arzt mehr und mehr zum Erzieher und Seelenführer seiner Nervenkranken wird und sie zum guten Teile als Seelenkranke behandelt, dann soll der Geistliche nicht übersehen, daß seine' Seelsorgerarbeit nicht nur dem Heile, sondern auch der Heilung siecher und wunder Seelen diene. Er muß den Arzt verständnisvoll zu ergänzen suchen dadurch, daß er dem Angefochtenen ein Lebensziel zeigt und eine neue Lebensauffassung gibt, die geeignet ist, der schwachen Seele Halt und Haltung zu verleihen. - # Zwischen ausgesprochener Geisteskrankheit und völliger seelischer Gesundheit gibt es ein großes, mit mannigfachen Erscheinungen sich darbietendes Zwischengebiet. Es wird gut sein, daß der Seelsorger sich durch einschlägige Schriften über die psychopathischen Minderwertigkeiten belehrt; dabei bedenke er aber, daß das Entscheidende seiner Wirksamkeit der Wille ilnd die Gesinnung in ihm ist, die gewaltige Liebesmacht einer reinen starken Seele, die sich verständnisvoll herniederneigt zum leidvollen Gemüte, um ihm Erhebung und Erleuchtung zu bringen. Oesers schlichtes und schönes Wort ist da zu beherzigen: „Suche die Geheimnisse des Gemütes nicht wie ein Naturforscher zu ergründen, sondern wie ein Liebender". Jene tragende Moses-Geduld ist da vonnöten — Kaasc.her jissa lmomen et hajonek —, die mit Hirtentreue den Verirrten umhegt. Wo das Krankhafte ansängt, ist schwer zu sagen. Die Grenze verschwimmt. Die Unzulänglichem entstammen oft durch Alkoholmißbrauch, Geschlechtskrankheiten und Irrsinn entarteten Familien. Man muß also das Milieu und das Harrs seiner Seelsorgepfleglinge kennenlernen, um eine richtige Einschätzung von Sonderbarkeiten, die aufsallen, vornehmen zu können. Die Psychasthenischen oder Seelenschwachen, bei denen seltsam schiefe Urteile neben kindlicher Auffassung der, Dinge, merklicher Willensschwäche und flachen Gefühls erscheinen, die