Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 30 (20.8.1920)
- Date
- 1920-08-20
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ihm ungeteilte Ächtung und Anerkennung nicht nur der Liberalen, sondern auch der Konservativen in der Repräsentantenversammlung «inbrachte. Er wurde dann 1907 bis 1911 zum zweiten Stellvertreter des Vorsitzenden der Repräsentantenversammlung!, ab 1911 zum ersten Stellvertreter des Vorsitzenden und 1915 zum ersten Vorsitzenden gewählt. Und von der gleichen Liebe und Treue zum Judentum beseelt, harrte er auch nach dem Einzug einiger zionistischer Vertreter in die Repräsentantenversammlung auf seinem Platze aus, stieß sich nicht an die von dieser und konservativer Seite abgegebene Erklärung, es sei nicht angängig, daß der Vorsitzende der Reformgemeinde zugleich Vorsitzender der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde sei, sondern nahm seine von der liberalen Mehrheit einstimmig vollzogene Wiederwahl zum ersten Vorsitzenden des Kollegiums an und schloß die denkwürdige Sitzung der Repräsentantenversammlung vom 8. Juli 1920 mit dem Wunsche, daß die verschiedenen Richtungen sich harmonisch zusammenfinden mögen in gemeinsamer Arbeit für das Wohl der Gemeinde. Das Wohl der Gemeinde! das eben ist es, was ihm am Herzen liegt und wofür er wirkt, sowohl als Vorsitzender der Repräsentantenversammlung wie auch seit 25 Jahren als Mitglied der Verwaltung und seit 1910. als Vorsitzender der Reformgemeinde. Für ihn gilt noch immer das Programm der ersten Begründer dieser Gemeinde, die die Fahne der Reform entfalteten, nicht, um das Judentum durch Sonderbestrebungen zu schwächen, sondern im Gegenteil, um seine Einheit zu festigen, es widerstandsfähig gegen die heranbrausenden niederreihenden Stürme der Zeit auszugestalten und das überkommene Erbe der Väter in ungetrübter Reinheit auch den Nachkommen zu sichern. Schon die Liturgie der Reformgemeinde, die auf rabbanitischer Grundlage aufgebaut ist, beweist, daß die Vertreter dieser Richtung von jeher auf historischem Bobm standen und nicht im entferntesten daran dachten, sich, etwa wie die Karäer, von der jüdischen Gesamtheit abzusondern. Man höre nur, wie unser Jubilar über das Judentum und die Reform denkt: „Die strenge Befolgung der zahlreichen Mtualvovschriften, die das ganze Leben wie mit einem Netz umspannten, disziplinierten den Geist wie der strammste Militärdienst. Die verwickelten Speisegesetze, die sich in der Praxis wie ebensoviel Speiseverbote darstellten, verhinderten allzu große Ueppigkeit auch da, wo einmal die materielle Möglichkeit zum Wohlleben vorhanden war. Insbesondere waren es die beiden vornehmsten religiösen Institutionen, die den in der Zerstreuung lebenden Juden am wärmsten ans Herz gewachsen sind und denen sie-überall am längsten treu bleiben: die Beschneidung und der Jomkippur, welche geradezu klassische Muster sind um die Menschen zur Selbstbeherrschung und Enthaltsamkeit zu erziehen. Einm a I im Jahre soll auch der Reichste fasten und fühlen, wie es dem Armen zumute ist, der das Brot nicht im Hause hat. Und der zarten Wöchnerin nimmt man gerade zu der Zeit, wo sie am meisten zu schonen ist, den acht Tage alten Knaben, damit sie sich frühzeitig an den Gedanken gewöhne, sich denselben für eine große Idee opfern zu sehen." „Nicht die Reform des Gottesdienstes hat jene Fülle von Zeremonien zum Verfall gebracht,sondern imGegenteil, dieseResorm ist daher entstanden, daß jene Zeremonien in den Herzen modern gebildeter Juden keinen Widerhall mehr fanden. Die Gründung der Berliner Reformgemeinde war, im innersten Kern betrachtet, eine konservative Tat: sie hat einem großen und an geistiger Regsamkeit bemerkenswerten Teil des Volkes die Religion erhalten. Freilich deckt sich in aller Herren Länder mit der Flagge des Reformjudentums -eine große Za-hl wenig rühmlicher Elemente. Nicht nur die von Natur Indifferenten, sondern viel ungesundes und charakterloses Strebertum wird mißbräuchlicherweise mit diesem Ausdruck belegt. Unser Trost ist, daß dasselbe über kurz oder laug seinen Weg aus dem Judentum herausfiudet, da ihm uichts ferner liegt, als für die Religion zu dulden. Und ohne solches Dulden ist überhaupt keine Religiosität denkbar. Btan wird uns vielleicht einwerfen, daß die entwickelten Ansichten nicht konsequent seien, indem wir oben das Festhalten an den alten Sitten Preisen und unten ihrem Fortfall das Wort reden. Aber dieser Vorwurf ist ungerechtfertigt. Wir sehen deutlich die Institutionen bezeichnet, die uns als die wichtigsten erscheinen, und deren Beibehaltung wir lebhaft wünschen, um ein Geschlecht aufwachsen zu sehen, das, echt wie Gold und hart wie Stahl, den drohenden Stürmen des Lebens gewachsen sei." („Allgemeine Zeitung des Judentums" 1891, Nr. 43.) Diese Worte widerspiegeln die Gesinnung eines Mannes, der das Judentum kennt und liebt und den heißen Wunsch hegt, Israels Errungenschaften auf dem Gebiete des Geistes der Welt im klarsten Lichte zu zeigen und zu konservieren. Das ist aber auch die Sprache eines Mannes, der die Ueberzeugung anderer achtet und darum auf die Achtung anderer vor seiner Ueberzeugung berechtigten Anspruch besitzt — und sie bei den Gegnern seiner religiösen Richtung auch, wie selten jemand, uneingeschränkt genießt. Was aber den Jubilar besonders auszeichnet und wodurch er sich die Liebe und Wertschätzung weiter Kreise erworben, das ist seine Herzensgüte, seine Friedfertigkeit, sein liebenswürdiges Wesen und seine große Bescheidenheit, mit einem Worte: die ihn zierenden Hillelitischen Charaktereigenschaften, so daß Gustav Karpeles schon vor dreißig Jahren — solange ist es gerade her, daß der Jubilar an der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" in unverbrüchlicher Treue mitarbeitet — mir und unserem gemeinsamen Freunde Moritz L e v i n gegenüber bemerkte: Georg Minden ist ein Jünger Hillels par exellence. — b'OWzb rbvbb aiT!.n~lK Der Weg des Lebens geht ans wärts für den Einsichtigen"). Möge auch dieses Wort an unserem verehrten Jubilar sich bewähren. Mögen ihm an der Seite seiner gleichgesinnten edlen Gattin noch viele frohe und glückliche Lebensjahre beschieden sein zum Wöhle unserer Gemeinde und nach dem Wunsche seiner zahlreichen Freunde und Verehrer, die seine segensreiche Tätigkeit im Dienste des Judentums und der Allgemeinheit kennen und würdigen. A. K. Ladebrief aus lkudswa. Von Dr. Willy Cohn. n der Grenze zur Tschechoslowakei im lieblichen Ländchen der Grafschaft Glatz liegt Kudowa. Einstmals, im Jahre 1866, zogen dicht bei dem Orte Preußische Truppen nach Äöhmen, um in der Schlacht von Nachod die Oesterreicher zu schlagen. Nur ein halbes Jahrhundert ist das her und doch eine Ewigkeit in der Unrast unserer Tage. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt", singt der Dichter. Wie wenigen aber wird in der Gegenwart dieses Glück zuteil; müssen nicht die meisten auch im Sommer ausharren in der Steinwüste der Großstadt, schon froh, wenn sie am Sonntag'ein wenig Grünes sehen? Und, nicht die Besten sind es, die heute reisen können. . Zu immer sagenhafterer Höhe klettern die Preise. Soll ctiuf) Gesundheit nur noch der Schieber sich erwerben können? Schon spricht man von der Plutokratisierung unserer Bäder. *) Leviticus rabba K. 29 wird hierzu bemerkt: 'fob min bw Das bezieht sich lmf den Menschen, der sich vertieft in den Sinn der Gebote der Thora.