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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-08-20 · Heft 30 (20.8.1920) · p. Seite 340

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 30 (20.8.1920)
Date
1920-08-20
Page
Seite 340 (sequence 4)
Language
German
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Die zweite Internationale und die Pogrome. Nus Genf wird gemeldet: Der Bericht der sozialistischen Untersuchungskommission über die Judenpogrome in Polen wurde dem Kongreß der Zweiten Internationale vorgelegt. Der Bericht, welcher von Renaudel, Cohn imd Shaw ausgearbeitet wurde, betrachtet als die Hauptschuldigen an den Pogromen Dmowski und seine antisemitischen Parteitrüger. Der Bericht unterstützt die Forderungen der Juden auf vollständige nationale Autonomie in Polen und die Ansprüche der nationalen Minderheiten unter dem Schutze des Völkerbundes, wie auch die Ansprüche der Juden auf Palästina. * Die erste Jüdische Welthilfskonferenz. Aus Karlsbad wird unter dem.7. August berichtet: Die vom ..Comiic dos dclegations juives aupres de la Conference dt» la Paix“ cinberusene I ü dische Welt h i l f s k o n f e - r e n z wurde am Donnerstag unter besonders großer Beteiligung im Kurhaus zu Karlsbad eröffnet. Nach der Begrüßungsansprache durch den Generalsekretär Leo Motzkin ergriff der Präsident des indischen Nativnalrates inder Tschechoslowakei, Dr. Singer, das Wort und wünscht den Humanitären Bestrebungen dieser Konferenz vollen Erfolg. Ein Glückwunschtelegramm des Präsidenten der Tschechoslowakei wurde unter stürmischem Beifall verlesen. Ans *28 Ländern der ganzen Welt sind 60 Vertreter der jüdischen Hilfsorganisationen erschienen. Zunächst wurde Bericht über die ver- , zweifelte Lage der Juden in der Ukraine durch Dr. W. Temkin erstattet. Es waren keine Pogrome mehr, sondern ein Pogromorkan. Den ganzen Sonuner hindurch tobten die Pogrome. Im ganzen waren es ca. 400 Orte, die zum Opfer -fielen. Blau fragt: Wie kommt es, daß die Juden sich .gegen solche Geschehnisse nicht ickmtzeu konnteil. Der Grund ist, daß an allen Orten stets vorher den Juden alle Waffen abaenommen w-urdeu und eine Gegenwehr gegenüber der ungeheuren Uederzähl einfach nicht möglichwar. Es sind bis ietzt 568 Orte vogromiert worden. Ermordet sind 138 600 Juden. Die?abl der Kranken, Verwundeten. Mißhandelten isi ' absetzbar. Völlig ruiniert sind von 3 Millionen Inden 1 200 000 Seelen. Die Summe, die notwendia untre, um ,-ur helfen. rft 400 000 000 Dollar. Die Zahl der Waisen beträgt 120 000 bis 150 000. Das mnne Material. welches Temkin vorgebracht hat, samt Dokumenten, Befehlsabschriften us-w., wird in eim'm Schwarzbuch in französischer. englischer -und deutscher Sprache erscheinen. lieber die Situation in Groß-Rußland sprach der bekannte Petersb' raer Rechtsanwalt S l i o s b e r a. Litauen bat den Minister für jüdische Angelegenheiten M. Solvweitschik entsandt. Auch die Vereinigten Staaten von Amerika. Kanada, Argentinien, Südafrika und Aegypten sind durch zahlreiche Delegierte vertreten. Aus Palästina ist der Vizepräsident des zionistischen Komitees erschienen. Die Konferenz, die öffentlich in deutscher Sprache geführt wird nnb täglich vom Morgen bis in die späte Nacht tagt, wird' am Mittwoch, dem 1!. August, 'beendet sein. Bis dahin hofft man Mittel und Wege znm e i u h citfi ch c n Arbeiten in der Judenhilfsfrage gefunden zu haben. Die Jüdische Welthilf s. ko n-ferenz in Karlsbad beschloß, wie ein Privattelegrnmm des „Berliner Tageblatts" meldet, die einheitliche Organisierung der gesamten jüdischen Hilfsarbeit in der Welt. Sie wählte ans allen Ländern einen ans neunundzwanzig Mitgliedern bestehenden Zentralrat, dessen aus neun Personen zusammengesetzte Exekutive mit dem Sitz in London sofort die Arbeiten aufnehmen soll. * Systematische Verheerungen der Polen bei ihrem Rückzug. M e l d u n g des H o l l a n d s ch N i e u w s b u r e a u s. London, 16. August. Der Moskauer Korrespondent des „Daily Herold" meldet, nach Ni inst unterwegs zu sein. In der ganzen Gegend, welche als Jüdisch- Polen bezeichnet wird, konnte er vom Zug ans die Verheerungen beobachten, welche die Polen systematisch während ihres Rückzuges verübt haben. Die meisten Städte und Dörfer waren unbewohnt. Die Kommissionen, welche die Sowejtregierung zur Unterstützung der Bevölkerung eingesetzt hat, rechnen damit, daß etwa 300 000 Personen obdachlos sind. Hauptsächlich betrifft dies Inden, weil die Häuser und Dörfer der Christen verschont wurden. Allsgedehnte Räubereien der Polen haben gleichfalls stattgefunden. Ans Ungarn. Die polizeiliche Untersuchung über den jüngsten Pogrom in Budapest hat sestgestellt, daß die blutigen Ausschreitungen durch die V. Bezirksgruppe des Vereins der „Erwachenden Madjaren" veranstaltet wurde. Die Untersuchung hat auch fest-gestellt, daß der Mörder des Bankdirektors Vereboly Georg Rigotzkh, Mitglied des berüchtigten Ostenburg-Detachements, der Mörder des Advokaten G6za Varsanh Rechercheur des Pronah-Detachements ist. Mehrere Zeugen bekundeten, daß sie zur Zeit des Pogroms mehrere Offiziere dieser beiden Detachements in der Nähe des Cafe Club stehen sahen. Nach der Aussage eines der Zeugen trieb Oberleutnant Georg Sefcstk. der an dem Morde gegen den Redakteur des „Nopszava" Gen. Bela So mogy i beteiligt war, die „Erwachenden Madjaren" an, gegen die Juden loszugehen. Die, Führer der V. Bezirksgruppe hielten am Tage des Pogroms in der Ferdinands-Kaserne, dem Standort des Prönay-Detachements, eine Besprechung ab, in der die Einzelheiten des Pogroms sestgestellt wurden. Der Mörder des Advokaten Varsany, Ladislaus Jlly, flüchtete am Tage nach der Tat, wurde aber in der Provinz verhaftet. Sowohl er als auch der Mörder Rigotzky gestanden ein, daß sie auch an den früheren blutigen Ausschreitungen werktätigen Anteil hatten. Unter den verhafteten Personen befindet sich auch das Stubenmädchen des Hotels Berlin, wo der Mörder Jlly wohnte und wo vorbereitende Besprechungen zum Pogrom 'stattfanden. Jlly übergab unmittelbar nach der Tat dem Stubenmädchen seine blutbefleckte Reithose. Das Stubenmädchen verbarg dieses Kleidungsstück ilnd gab es erst den recherchierenden Detektivs. V. Graf Julius Andrassy war anläßlich einer Parlamentsrede Gegenstand besonderer Angriffe. Andrafshs Erklärung, man dürfe nicht gewisse Elemente in der Armee zu minderwertiger Arbeit verwenden, wobei es ganz gleich sei, ob jemand Jude oder Sozialdemokrat sei, ries einen Stürm der Entrüstung bei den Abgeordneten der Regierungspartei hervor. „Inden dürfen in Ungarn im Heere nicht mehr dienen", wurde ihm entgegnet. Andrassy konnte seine Rede nur mit Mühe beenden. _____ Rabbiner Immanuel L ö w wurde vor einigen Tagen ans der Haft entlassen und auf Grund des Bescheides der königlichen Tafel unter häuslichen Gewahrsam gestellt. Ein Polizist steht ständig vor dem Hanse, in dem der Oberrabbiner wohnt, ein zweiter vor der Wohnung und ein dritter wacht über den Greis in der Wohnung selbst. Wie nun ans Szeged gemeldet wird, überfiel kürzlich eine mit Waffen, Stöcken und Steinen ausgerüstete Bande das Hans, in dem der Oberrabbiner wohnt, verjagte die Wache, zertrümmerte die Fenster des Hauses, drang in die Wohnung ein und schlug den 66jährigen Greis blutig. Der Zustand Löws ist lebensgefährlich. Amtlich wird der Angriff gegen die Wohnung zugegeben, doch wird die Verwundung des Oberrabbiners in Abrede gestellt. Die Polizei habe sofort nach der Erklärung des Oberstadthauptmanns die Untersuchung eingeleitet, doch habe sie bisher die Identität der „Demonstranten" nicht feststellen können. J. P. Z. * ' Kardinal Bourne gegen die Zionisten. Ter Vorsitzende des englischen Katholikentages, Kardinal Erzbischof von Westminster, Bourne, behandelte in seiner Begrüßungsrede auf der diesjährigen Tagung in Liverpool die Verhältnisse in Palästina. Er ging davon aus, festzustellen, daß man in England, als zuerst von der Errichtung eines jüdischen Geineinwesens in Palästina die Rede war, daran dachte, dort eine Heimstätte für alle diejenigen Juden, insbesondere aus Osteuropa, zu schaffen, die infolge der Feindschaft ihrer gegenwärtigen Wohnvölker in ihrer Existenz gefährdet seien. Angesichts der Tatsache, daß Palästina ein Gebiet sei, das allen christlichen Völkern nahe angehe, sei die.Frage berechtigt, was inzwischen aus dieser Absicht geworden sei-. M-an müsse feststellen, daß die gegenwärtigen Pläne der Zionisten und ihr Vorgehen in Palästina weit über den oben gesteckten Nahmen der Schaffung einer nationalen Heimstätte für bedrohte Juden hinausgeht.- Das Selbstbestimmungsrecht der nichtjüdischen Bewohner Palästinas werde nicht berücksichtigt. Bei einem Besuche des Kardinals in Jerusalem irn Januar 1919 mußte er feststellen, daß lateinische und griechische Christen, Angehörige christlicher Sekten und die Muhammedaner in

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