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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-08-20 · Heft 30 (20.8.1920) · p. Seite 339

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 30 (20.8.1920)
Date
1920-08-20
Page
Seite 339 (sequence 3)
Language
German
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4000, für Baden unb Württemberg zusammen 2000. Für -die anderen Bundesstaaten sind die Zahlen der Einwanderer noch geringer. 2. Der Geiselmord in München hat mit der Ostjuden frage nicht das mindeste zu tun. Zu den Ermordeten gehören nicht nur Mitglieder einer antistlni'ti'schen Loge, sondern aluch der greise jüdische Maler Professor Berger. Von den im Münchener Geiselmordprozeß Angeklagten Fritz und Joseph Seidl, Schicklhoser, Wisl, Purzer, Fehme, Kick, Gsell, Hasselmann, Lerner, Games, Huber, Rothmeyer,. Petermeyer, VMl und Schmittele ist auch nicht einer Jude. Dagegen hat sich der Jude Toller dem Morde der Geiseln mit aller Macht widersetzt. 3. Levin-Ledine-Nissen ist nienrals Jude gewesen. Nach Auskunft de.r Ntünchener Staatsanwaltschaft heißt Levins Vater Ludwig, seine Mutter Katharina Kondratiowa. Er stammt also auch nicht Don j irdischen Eltern. Der Name Lev in ist eine Verdeutschung des lateinischest Namens Laevinus. 4. Die deutsche Sowjetbewegung hat urit den ostjüdischen Einwanderern überhaupt keinen Zusammenhang. Alle Behaupt uugen, daß sich -bei den Unruhen int Ruhr gebiet Ostjuden beteiligt haben, sind als irrig längst dargetan. Alle, aber auch alle von der „Deutschen Zeitung" vom 2. April namentlich ausgeführten „Qstjuden", die bei den Unruhen eine führende Nolle gestielt haben sollen, sind entweder als Christen oder als völlig Unbeteiligte bereits nachgewiesen. Unter den 16 Toten der Essener Eimvohnenoehr, die im Kampfe gegen die Spartacisten gefallen sind, befinden sich allerdings zwei Juden. Das ist die einzige Tatsache der Beteiligung von Inden an den Ruhrgebietunruhen! 5. Wenn sich im letzten Jahre eine Anzahl russischer und deutscher Inden — zumeist überspannte Literaten — an der kommunistischen Bewegung beteiligt hat, so ist das Judentum dafür nicht verantwortlich zu machen, zumal diese Konnnunisten längst ans dein Judentum ausgetreten um reu und mic Eisner jeden Zusammenhang mit dem Judentum schroff ablehnten. Graf Arco, der den Inden Eigner ermordet hat, lvur übrigens der Sohn einer Jüdin. 6. Gegen die Behauptung, daß die eingeloanderten Ostjuden „Händler und Schieber niederster (!) Sorte" und Träger des Bolschewismus sind, lege ich feierlichen Einspruch ein. Das Aktenmnterial beweist, daß sich unter allen in bayerischen Interniernngslagern untergebrachten Ostjuden kein einziger befunden hat, der sich eines ehrenrührigen Lebenswandels schuldig gemacht hat. Die Internierten sind ausschließlich Juden geivesen, die ohne die nötigen Papiere über die Grenzen gekommen sind, um dem polnischeElend zu entrinnen. Wvt Blensehen, die durch Wucher, Schiebertum und Schleichhandel oder durch Hehlerei die Notlage des deutschen Vaterlandes ausbeuten, lehnen wir jede äußere und innere Gemeinschaft ab. Soweit diese gemeinen Schädlinge Inden sind, sagen wir uns offen und frei / von ihnen los. Zu unseren ehrlichen, arbeitssamen ostjüdischeu Glaubensgenossen bekennen wir uns dagegen ebenso offen und frei. Diesen Standpunkt vertreten auch wir, und so bettfeil sicherlich alle vorurteilsfreien Juden in Deutschland. * An das Machwerk „Die Weisen von Zion" erinnert ein in Lingen an der Ems im Verlage von R. v. Acken kürzlich erschienenes Büchlein, dessen Verfasser Pater Concionator 'sich nennt und der Welt sechzehn Prophezeiungen erster Autoritäten mitteilt, von denen ein Teil neben der hohen Politik auch mit der Zukunft der Juden'sich befaßt. Es ist nicht uninteressant, einen Blick in die Werkstatt des Paters Eoncionator zu werfen. Zunächst beschäftigen sich die Prophezeiungen mit der Person des großen Herrschers. Nach der Prophezeiung vom 19. September 1846 zu La Salette wird der große Herrscher nnt weißer Fahne erscheinen, in der Mitte der Fahne wird das heilige Herz Jesu strahlen. Der Jesuitengeneral Lorenz Ricci (gest. 1775) prophezeit, daß nach dem großen Kriege ein Herrscher ans einem alten deutscheil Herrschergeschlecht an den Ungläubigen Rache nehmen werde, er wird den- Protestantismus vernichten und wird der mächtigste Herrscher der Welt sein. , Unser Verfasser läßt uns nicht im Zweifel darüber, welches Herrschergeschlecht der Jesuitenpropher eigentlich meinte: er sagt es ganz einfach rund heraus, daß dieses Geschlecht das Hans Habsburg sein werde, das zuerst .große Prüfungen durchmachen müsse. Das ehrwürdige alte Reich — prophezeit uns ein Franziskaner vonr Berge Sinai und aus dem Jahre 1840 — wird zerfallen, Wien in der ganzen Welt gehaßt sein, Gras am Wiener Stephansplatz wachsen, aber der Genius des alten Herrscherhauses wird das Geschlecht Habsburg doch nicht verlassen. Die .Herrscher des Deutschen Reiches werden ihrer Throne verlustig erklärt, den König von Preußen erwarte großes Leid, die deutschen Teile Oesterreichs werden dem Deutschen Reiche sich anschlietzen. Das ist, sagt unser Pater Coneionator, sogar in zwei Büchern zu lesen: Dr. Johannes: „Prophezeiungen über Asien, Afrika, Amerika" und in dein „Buch der Wahr- und Weissagungen". Wir sehen also, daß die Gründung der deutlichen Republik mit dein Anschlüsse Deutsch- Oesterreichs bereits längst prophezeit wurde. Pater Concionator weiß aber noch viel mehr zu sagen. Er teilt mit, daß Gottes ehrwürdiger Diener Berthold Holzhäuser (gest. 1658) prophezeite, der „große Herrscher" werde die Republiken vonr Erdboden verschwinden lassen, unter seiner Herrschaft werde sünfundzwanzig Jahre lang Fruchtbarkeit in Deutschland herrschen, dagegen werden in diesem Lande keine Juden nrehr wohnen. Auf .dieselbe Angelegenheit bezieht sich die Prophezeiung des Frater Herrmann zu Lehnin, der besagt, daß Israel ein großes und furchtbares Verbrechen begehen und deshalb mit dem Tode bestraft werde. Viele heilige Prophezeiungen besagen, daß unter bent „großen Herrscher" die ganze, Welt die katholische Religion ann-ehme, in erster Linie Deutschland selbst, nur die Inden würden weiter in ihrer Ungläubigkeit verharren. Der „große Herrscher",, sagt Pater Lavinsky im Jahre 1708, wird selbst als Katholik geboren, also — folgert Concionator — es wird kein Hohenzoller sein. Die Juden aber, mit denen der Pater so viel zu tun hat, kommen zu bcnt Throne des „großen Herrschers" und bitten ihn um Vergebung. (Ob der Große ihnen verzeihen wird, das Nüssen w-ir nicht, aber wir ahnen, daß Concionator ihnen nie verzeihen würde. Die Red.) Und wer wird der „große Herrscher" sein? Pater Concionator bleibt uns die Antwort nicht schuldig: Unter Zugrundelegung der Prophezeiungen Holzhausers vom Jahre 1622 teilt er feierlich mit, daß der große Herrscher Karl heißen wind, er wird im Jahre 1914 achtundzwanzig Jahre alt, hat feurige Augen, Helles Haar und wohnt in einem Schlosse. Die Schwester de Bonrg von Toulouse erzählt uns, daß dieser feurige Karl vom Exil auf seinen Thron zurückgerufen wind. Nun wissen wir, wer der „große Herrscher" sein wird. Wie heißt der Mann, der Karl heißt, vom Hanse Habsburg ist. im Jahre 1914 28 Jahre alt war, im Exil lebt und katholisch ist? Wenn lvir trotzdem auf noch etwas neugierig sind, so ist es die Beantwortung der Frage, ob die nächste Umgebung des zukünftigen großen katholischen Beherrschers von Deutschland mit dem Juden- und Deutschenhaß des Paters Concionator etwas zu tun hat und ob die deutsche Regierung dieser etwas eigenartigen habsburgis ch e n Propaganda im Deutschen Reiche nicht ein Ende bereiten will? * Der Freistudententag in Marburg. Zum XV. Deutschen Freistudeutentag hatten sich vom 30. Juli bis 3. August die'Vertreter der Freistudeutenschaften an den deutschen Hochschulen sowie Angehörige der altsreistudentischen Verbände in Marburg eingefunden. Die Verhandlungen führten auf Grund einer Reihe von Verträgen zur Schaffung des „F r e i st u d e n t i s ch e n Programms". Danach ruht die frei studentische Bewegung aus der Idee der deutschen Hochschule, die Stätte w i s s e u s ch a f t - licher Lehre und Forschung sein soll. Diese müssen frei bleiben von jeder äußeren Beeinflussung, sei sie politischer, religiöser oder wirtschaftlicher Art. Dozenten und Studenten müssen unbedingt darauf verzichten, in ihrer Gesamtheit oder als Vertretungsorgane zu a u ß e r aknd e m ischen F rage n Stellung zu nehmen. Auf Grund dieser Forderungen bestimmt sich die künftige Stellung der Freistudeutenschaften als Hochschulpartei in den Vertretungsorganen der Gesamtstudentenschuft. Der G r c i f s w a l d e r Freien Studentenschaft wurde das Recht abgesprocheu, den Ehrennamen einer Freistudentenschaft weiter zu führen, da sie die alten sreistudentischen Grundsätze der Gleichberechtigung aller Studenten aufgegeben hat und in unakademischer Weise Namen unb Eigentum einer freistudentischen Organisation mißbraucht. Der gleiche Grund hat zur Auflösung der D u n z i g e r Freien Studentenschaft geführt. B. T.

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