Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 29 (6.8.1920)
- Date
- 1920-08-06
- Page
- Seite 335 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Wer wird sie denn fragen? Channa ist doch eine jüdische Tochter und steht unter der Vormundschaft ihres Vaters. Wird sie selbst die Verlobungsurkunde nicht unterzeichnen wallen, dann wird es ihr Vater für sie tun. Bis zur Hochzeit wird sie wohl schmollen und jammern, vielleicht auch noch einige Zeit nachher; allmählich aber wird die Natur ihr Recht behaupten und alles sich in Wohlgefallen auflösen . . . Aber haben wir denn überhaupt ein Recht, uns dem Jechiel hindernd in den Weg zu stellen?" „Wir haben nicht bloß das Recht", schrie der Dichter wütend, „sondern auch die Pflicht, die sanfte Taube aus den Felsenklippen des Geiers zu befreien." „Flieg' nicht so hoch", spottete der „Sched" lachend. „Du kommst mir vor wie ein in der Luft schwebender, vom Winde getriebener Drache, der den Flug in die Lüfte feinem freien Willen zllschreibt und die Schnur, an der er befestigt ist, und den Knaben, der sie und ihn lenkt, nicht merkt. Unglücklicher Dichter! Du willst, wie du sagst, die sanfte Taube aus den Felsenklippen des Geiers befreien und vergißt, daß dein vornehmer Vater dich, wie der Knabe den Drachen, an einer Schnur lenkt und, sobald du die Zeit zum Heiraten erreichst, samt dem seinen Familienstammbaum für Geld verkaufen wird, wie jemand ein Pferd auf dem Markt verkauft . . . Oder glaubst du vielleicht, daß ich die schöne Schammes-Tochter ehelichen werde? Ach! Meine Eltern sind reich, steinreich! Du wirst wie ein Kalb verkauft werden, und mir wird man eine in Silber und Gold ausgegossene Maid, eine geschmückte und gezierte Puppe, ohne Geist und ohne Leben kaufen. Oder ist jemand unter euch, Kameraden, der Channa als Gattin heimführen könnte? Jechiel ist ein Mann der Tat; er hat sein Anliegen durch ein heiliges Leben unterstützt und gefördert: seine Frömmigkeit hat ihm die Gunst des Schammes gewonnen und die schöne Channa in die Hand gespielt . . . Jedoch, was nützt das Grämen?! Die Welt geht nicht aus den Fugen, und der böseste Hund — so lautet ein altes Sprichwort — bekommt den fettesten Knochen." ■IV. Als der Schammes am Abend die Lichter an die Talmudjünger verteilte, musterten diese verstohlen ihn und sein Gewand, ohne aber irgendwelche Veränderung wahrzunehmen: seine Mienen und seine Kleidung sahen genau so aus wie sonst. „Wann wird die Verlobung gefeiert?" wagte der „Sched" mit zitternder Stimme zu fragen. „In einigen Stunden", erwiderte der Schammes gelassen, ohne den Fragenden weiter zu beachten, und schrie dann: „Fangt doch endlich an zu lernen! Ich Hab' einem jeden von euch zwei Lichter gegeben: zehn Bachurim seid ihr, und zwanzig Lichter habt ihr bekommen. Wenn ihr nicht bis Mitternacht lernt — ich kenn' euch ja ganz genau: Nichtstuer seid ihr und Apikorßim "(Freidenker) — dann laßt die Lichter da! . . . Warum siehst du so schlecht aus, Jechiel?" wandte er sich an diesen. „Das Thora-Studium schwächt die Kräfte des Menschen", lispelte der Gefragte. „Ich kann heut nicht lernen", begann der „Sched", nachdem der Schammes gegangen war, „ich habe Kopfschmerzen und geh' schlafen." „Ich komme mit", sagte der Dichter und brach gleichfalls auf. „Schlafen werd' ich diese Nacht nicht können", murmelte er vor sich hin, als sie die Straße entlangschritten, und begann heftig zu schluchzen. „Was ist dir, Chajim?" fragte der Freund und drückte ihm, als. er, ohne zu antworten, still vor sich hin weinte, teilnahmsvoll die Hand. Was Ehaim befürchtet hatte, traf ein: der Schlaf floh feine Lider, und der Morgen graute bereits, als er endlich einschlummerte. Wilde Träume gaukelten ihm die erregten Sinne vor, und 'er atmete auf, als ein Pochen an der Tür ihn weckte und der Wirklichkeit wiedergab. Rasch fuhr er in die Kleider und öffnete. „Eine Neuigkeit, eine große Neuigkeit", stürmte der „Sched" ins Zimmer. „Eine Verlobung ist gestern abend gefeiert worden, aber nicht im Hause des Schammes." „Was ist damit geholfen, wenn die Verlobung in einem andern Hause ..." „Schaute", unterbrach ihn der Freund, „hör' doch zu Ende! Nicht sie hat sich verlobt, sondern die Tochter des Schul- Schammes; unser Schammes hat der Feier nur als Gast beigewohnt!" „Und Jechiel?" „Jechiel ist verschwunden." „Wieso weißt du?" „Bitte komm' mit ins Beth Hamidrasch und überzeuge dich selbst!" „Bist du denn dort gewesen?" „Ja, ich Hab' nicht schlafen können und kehrte nach Mitternacht ins Beth Hamidrasch zurück. Dort traf ich Jechiel nicht an. Schon wollte ich wieder gehen, als die beiden Schamossiin, heiter, vergnügt und betrunken wie Lot, hineingetaumelt kamen. Ich erstaunte nicht wenig, als der Schul-Schammes ein Freudenlallen anftimmte, daß seine schwarze Deborah endlich einen Chossen gefunden habe, und unseres Schamines wünschte, daß auch er feine Tochter bald versorgt sehen möge." Einige Minuten später befanden sich die beiden Freunde aus dem Hofe des Lehrhauses. Plötzlich blieben sie wie angewurzelt stehen. Ein gräßliches Bild bot sich ihnen dam Jechiel lag auf schmutziger Erde und stierte mit unheimlichen Blicken die Ankommenden an. „Jechiel!" rief der „Sched" mit stockendem Atem. „Was machst du hier?" „Nichts, gar nichts mache ich", grinste jener. „Ich paß nur auf meine Arbeiter auf, die das Haus sertigstellen sollen, damit wir bald Hochzeit feiern können. Die Faulpelze kommen nicht vom Fleck. Die Unterführer haben mit den Vorbereitungen zur Chaßene zu tun, und so muß ich hier sitzen und selber auf die Arbeiter aufpassen." Entsetzen bemächtigte sich der jungen Leute und scheuchte das Wort von ihren Lippen. „Wenn ihr wollt", fuhr Jechiel fort, „setzt euch zu mir auf diesen Stein, der auf mein Geheiß breiter werden kann. .Ich werde euch gleich Tee vorsetzen lassen. Wollt ihr nicht sitzen, so bleibt ruhig stehen; aber nehmt euch in acht, daß kein Ziegelstein auf euch herabfällt!" „Jechiel!" rief der „Sched". „Was stellst du an? Du zitterst vor Kälte und liegst auf der nassen Erde? Du bist gewiß krank." „Ich bin krank?" lachte Jechiel auf. „Ich zittere vor Kälte? Narren seid ihr, große Narren! Wäret ihr nur vor einigen Minuten hier gewesen, hättet ihr solche Dummheiten nicht gesprochen. Ein Arbeiter machte vor der Zeit Feierabend, da ergriff ich ihn am Genick, schleuderte ihn wie einen Apfel in die Höhe und er siel direkt drüben in den Teich." Die Freunde sahen einander verständnisvoll an, hoben den Wahnsinnigen auf und brachten ihn, ohne daß er sich wehrte ins Beth Hamidrasch. Hier betteten sie ihn, so gut es ging, auf einer Bank und bedeckten seinen kalterstarrten Körper mit ihren Obermänteln.