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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-08-06 · Heft 29 (6.8.1920) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 29 (6.8.1920)
Date
1920-08-06
Page
Seite 332 (sequence 8)
Language
German
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Gesellschaften, in Vereinen und Logen, in Theatern und in Wohltätigkeitsvorstellungen zu den täglichen Darbietungen gehört, daß selbst insolchen Gemeinden die Israeliten ihrem Synagogenwesen so fremd gegenüberstohen, so ist man geneigt, den Grund in d e m Umstand zu suchen, daß sie seit mehr als zwei Generationen zu sehr ihren inneren gemeindepolitischen Kämpfen ausgesetzt waren. Das mußte zur Verflachung auf Kosten der Vertiefung führen. Das innere Wesen des Synagogenlebens, das Seelenleben der Gemeinden, von Geschlecht zu Geschlecht hin und her geworfen, mußte nach und nach verblühen, erkalten. Man hat über das ewige Herbeischaffen von Arzneimitteln zur Kräftigung dieses Lebens den Pulsschlag vergessen. Ich spreche nur vom Synagogenwesen im Sinne eines Kirchenwesens. Wer kennt noch Verfassung und Gesetz, wer die überlieferten Einrichtungen des Synagogenwesens? Die jüngere Generation der Gegenwart kennt sich kaum im Gotteshaus aus, das sie nur noch an Festtagen zu besuchen geneigt oder in der Lage ist. Was sind Riten? WaS sind S e l i ch o t, was Jozerot, Hoschauot, Kinn o t? Sie weiß es nicht. Wohl kennt sie den öffentlichen Lokal gottesdienst ihrer Gemeinde mit seinen Gebeten, die sie in der Ursprache kaum versteht; sie weiß, daß hinter dem Vorhang die Thorarollen stehen, die manchmal herausgehoben werden, und kennt das Gebetbuch, das man ihr in die Hand gegeben. Was aus der Thora vorgelesen wird, sie weiß es nicht, und was dieses Gebetbuch enthält, läßt sie ziemlich kalt. Von einer tiefen Andacht und Seelenstimmung, von einer Zerknirschung der Seele, von einer wahren Freude an Gott, von einer Festesfreude oder wirklichen Andachtserhebung, wie sie unsere Vorfahren kannten, kann nicht die Rede sein. Spricht man erst von dem Synagogen l i e d im Sinne eines Kirchenliedes oder von traditionellen Synagogenmelodien, so erinnert sich diese Generation des Kolnidre, des Solachti, der Chanukamelodie — und sie ist mit ihrer Wissenschaft zu Ende. Und doch haben wir bis in die neueste Zeit hinein hochverdiente Männer, Sänger und Musiker gehabt, die ihr ganzes Dichten und Trachten in den Dienst der Synagoge gestellt haben — „Knechte Gottes, die da stehen in dem Hause des Herrn in den Nächten". Zu diesen verdienten Männern gehört in ganz hervorragendem Maße unser lieber, altverehrter Freund und Jubilar, dem ein gnädiges Geschick noch viele Jahre körperlicher und geistiger Frische schenken möge! Seit mehr als 40 Jahren mit ihm freundschaftlich verbunden, haben wir in lebhaftem Gedankenaustausch über Synagogenmusik und ihre Geschichte miteinander gestanden, wobei ich, hauptsächlich in bezug auf die von Hamburg aus>- gegangenen R e f o r m b e w e g u n g e n, stets der Empfangende gewesen bin. Beim Durchlaufen dieser Korrespondenz stoße ich auf die Namen der Hamburger Synagogenkomponisten: Methfessel, Stöwing, Schicht, Meyerbeer, Bethuel, Demuth (bereits in d i e s er Z e i t un g, 1837, S. 174, erwähnt). Schwenke, Schinck, Hamel, Dr. Piza (Nachruf im jüdischen Kantor", 1879, S. 70) u. v. a., aber auch auf Kränkungen, die ihm nicht erspart geblieben. Auch er mußte sich der Sentenz: 1» DTK n\T Immer sei der Mensch unter den Verfolgten, unterwerfen, wobei ich mich des M i d r a s ch E s p h o erinnern mußte: N!2'2^ HU .Yvb ntrpi<S§ ist leichter zur Bima hinausals von ihr hinabzusteigen. .Anläßlich einer Danksagung für eine Komposition, die ich ihm gewidmet habe, teilte er mir auf ausgesprochenen Wunsch einige biographische Notizen über sich selbst mit, die hier folgen mögen. Sie lauten: „Geboren 1850 in L a u p h e i m (Württemberg), war ich bestimmt, Musiker (Violinspieler) zu werden. Zu diesem Zweck besuchte ich von 1862 bis 1864 das Stuttgarter Konservatorium. Aeußere Umstände ließen diesen Plan nicht zur Reife gelangen. Um meine erworbenen musikalischen Kenntnisse verwerten zu können, entschloß ich mich zum Lehrfach. Von 1864 bis 1868 absolvierte ich das Eßlinger Lehre r s e m i n a r, wo ich mich durch Privatunterricht in Musik weiterbildete. Als Lehrer (Jüdische Volksschule) fungierte ich alsdann ein halbes Jahr in Thalheim bei Heilbronn, vier Jahre in meinem Geburtsort, wo ich zugleich Kantor war. Im Jahre 1873 besuchte ich noch einmal das Konservatorium in Stuttgart, wo ich hauptsächlich Gesang und Komposition studierte. Von 1873 bis '1879 war ich in U l m als Kantor und Musiklehrer tätig und bin seit August 1879 in Hamburg." Auch als Komponist von Synagogensachen hat sich Henle aufs schönste betätigt, deren bibliographisches Verzeichnis gar zu weit führen würde. Ebenso wären seine Gedanken über „Trivialitäten" in der neuesten Synagogenkomposition — wobei er vor den gefeiertesten Namen nicht zurückschrickt — der Veröffentlichung wert, aber für welches „Publikum"? Was Henle für den Kantorenverband geleistet, wird wohl in dem offiziellen Organ desselben zu lesen sein. Für mich und für diejenigen, die Henle persönlich kennen und sich als seine aufrichtigen Freunde bekennen, ist Henle eine treue Seele, ein ganzer Charakter, ein deutscher Mann vom Scheitel bis zur Sohle, der sich für „sein" Hamburg und „seine" Tempelgemeinde für ewige Zeiten ein Denkmal gesetzt hat in der „F e st s ch r i f t" zum hundertjährigen Bestehen des Israelitischen Tempels in Hamburg, herausgegeben von seinem verehrten Rabbiner und Freunde Dr. D. Leimdörfer. (Hamburg 1918, Verlag von M.) ,-!HitP HKÖ HP 22H1 Lin Vrrrhrrr des Untimhos Lpimsnrs. Don Dr. S. Aschner. enn eine Schrift von Ulrich v. Wilamowitz erscheint, ist das immer ein Fest. Wer wäre von den Lebenden tiefer nicht nur in den Geist, sondern auch in die Gefühlsweife des Griechentums eingedrungen! Und nie verläßt ihn jene milde, anmutige, die Herzen gewinnende, ironisch überlegene Urbanität des Weltmanns und Aristokraten, die ihn uns, wenn er redet oder in seinen Büchern, die eigentlich auch nur wie geschriebene Reden wirken, vor uns hintritt, als einen in unsere Tage versetzten Epikur oder Cicero erscheinen läßt. So ist auch seine letzte Gabe, der „Platon" (2. Auflage, Berlin 1920), Oberkantor M. Henle (Hamburg).

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