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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-08-06 · Heft 29 (6.8.1920) · p. Seite 328

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 29 (6.8.1920)
Date
1920-08-06
Page
Seite 328 (sequence 4)
Language
German
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lattds auf eine geräumige Insel des Weltmeeres Verbannte oder aus Vorsicht alle totschlüge, selbst das würde die Dinge nicht bessern. Das deutsche Volk gleicht heute einem Hunde, dem man einen Maulkorb umgebunden hat, dem einige Kerle mit Stöcken drohen, ihm von Zeit zu Zeit einen Schlag versetzen und von dem man verlangt, daß er Kunststücke zeige. Dann steht ein englischer Minister auf und erklärt: „Ich glaube, das Tier ist ungeduldig!" Oder mit anderen Worten: Achtung, es kann zuschnappen! Nun ja, ein hilfloses, gequältes Wesen, angeschrien, beschimpft und geprügelt, beißt wirklich in seiner Verzweiflung einmal zu; es wäre dies zwar dumm und nutzlos, aber ist es nicht ebenso dumm, von eineni Volke, dem man ständig die Peitsche vor die Nase hält, zu -erwarten, es solle freundlich, gefügig, aufrichtig sein und dann, nachdem es überdies halb verhungert ist, noch besondere Kunststücke vorführen? Doch es ist vergeblich, über die menschliche Dummheit zu klagen, denn sie ist ewig und die Geschichte lehrt, daß stets das Dümmste geschieht. * Z u m G esetz g e g en d i e O stj u d en frischt der „V o rwärt s" eine Reminiszenz aus den ersten 'Kriegstagen auf. Er erinnert daran, daß die Deutschnationalen den Ostjuden gegenüber nickt immer eine so feindselige Haltung eingenommen haben. Als 1914 zum erstenmal die deutschen Armeen inKongreßpolen einrückten, da erließ die deutsche Oberste Heeresleitung im Osten, also Herr L u d e n d o r f f, einen wunderschönen Aufruf „An die Herren Jüden in Paulen". Im reinsten „Jiddisch", dessen man ihn gar nicht für fähig hätte halten sollen, versicherte Herr Ludendorff den Ostjuden, daß die Deutschen als ihre Befreier kämen. Sorgfältig waren alle Schandtaten des Zarismus gegen die Juden, alle Unterdrückungen, Pogrome usw. angeführt, um im Anschluß daran zu zeigen, wieviel besser die Juden in Deutschland behandelt würden. Ja, es war einmal — heute hat der Hauptausschuß des Reichstages einen Antrag der Deutschnationalen gegen die „Masseneinwanderung fremdstämmiger Elemente, insbesondere über die Ostgrenze" mit den Stimmen sämtlicher bürgerlicher Parteien, auch der Demokraten, angenommen. . In der Praxis richtet sich dieser Antrag ausschließlich gegen die Ostjuden, denn gegen die Masseneinwanderung russischer Emigranten aus dem Adel usw., die namentlich in Berlin große Teile der vornehmen Wohnviertel für sich mit Beschlag belegt haben, hat noch nie ein Deutschnationaler etwas einzuwenden gehabt, auch nicht gegen die zahllosen russischen Abenteurer und Offiziere, die für die gegenrevolutionären Armeen werben und allerhand Beziehungen zwischen deutschen und russischen Monarchisten anknüpfen. * Wie bereits in der Tagespresse bekanntgegeben worden ist, beabsichtigt das Arbeitersürsorgeamt in der Nähe von Berlin Teile eines Lagers zu mieten und hier Unterkunft und Arbeitsgelegenheit für eine größere Zahl ostjüdischer Arbeiter zu schaffen. Es sei hierbei von vornherein bemerkt, daß dieser Plan nicht das mindeste zu tun hat mit den Bestrebungen reaktionärer Kreise, ein Ausnahmegesetz gegen ostjüdische Flüchtlinge zu schaffen und diese zwangsweise in ein Konzentrationslager zu überführen: es war vielmehr ausschlaggebend für diesen Plan, daß augenblicklich in Groß- Berlin die Wohnungsverhältnisse unter den Flüchtlingen von Tag zu Tag katastrophaler werden, und daß gerade die ärmeren Flüchtlinge unter. Umständen zu übernachten gezwungen sind, die ein sofortiges Eingreifen der jüdischen Hilfsorganisationen erfordern. Grundsätzlich handelt es sich also einmal um eine Entlastung des Groß-Berliner Wohnungsmarktes, also um eine Angelegenheit, die für die in anderen Gegenden Deutschlands befindlichen Flüchtlinge von vornherein ausscheidet. Auf der anderen Seite geht das Arbeiterfürsorgeamt von dem Standpunkt aus, das jede wahllose Zusammendrängung von Menschen, die selbst mit Zwang zu einer Betätigung nicht ungehalten werden, barbarisch ist und aus inneren Gründen scheitern muß. Es genügt, daraus.hinzuweisen, zu welchem jämmerlichen Resultat die in Szene gesetzte Ausweisungspraktik der bayerischen Regierung geführt hat; sage und schreibe sieben Flüchtlinge sind, natürlich gefesselt und unter der üblichen liebenswürdigen Behandlung, in das Lager Ingolstadt geschafft worden. Unter diesen nicht ein einziger Schieber, sondern, wie vorauszusehen war, anständige und ehrliche Landarbeiter und Industriearbeiter, die. das große Verbrechen begangen hatten, ohne Kenntnis der arbeiterfreundlichen bayerischen Ausweisungsbefehle bei ihrem Unternehmer zu arbeiten. Es braucht nicht betont zu werden, daß das Arbeiterfürsorgeamt jede derartige, nur mit dem Büttel und dem Polizeivorstand arbeitende Praxis aus das schärfste ablehnt. — Bei der in einem Lager einzurichtenden Arbeiterkolonie handelt es sich um eine Angelegenheit, die nur unter aktiver Beteilung der in Frage kommenden Arbeiterkategorien und unter ihrer möglichst weitgehenden Selbst-- und Mitverwaltung zu einem Ergebnis führen wird. Es soll naturgemäß nicht nur Unterkunft geboten werden, sondern es sollen in ausreichender Zahl Arbeitswerkstätten zur produktiven Beschäftigung von Schneidern, Schuhmachern, Tischlern usw. eingerichtet und für eine weitere Zahl von Arbeitern Lehrwerkstätten bereitgestellt werden, in denen gerade die nur -angelernten oder nicht genügend ausgebildeten jugendlichen Flüchtlinge sich in ihrem Fach vervollständigen können. Aus diesem Grunde kommt für die Arbeiterkolonie zunächst nur ein Stamm von möglichst organisierten jüdischen Arbeitern in Betracht, die von vornherein eine Atmosphäre strenger Selbstdisziplin -und Arbeitslust schaffen und ungeeignete Elemente von sich heraus ausmerzen. Es wird also eine strenge Auslese der für das Lager geeigneten Flüchtlinge unter engem Zusammenarbeiten mit den Vertretern der jüdischen Arbeiterparteien stattfinden. Die Grundlage der Produktivwerkstätten soll eine genossenschaftliche sein. Wir veröffentlichen schon jetzt diese knappen Mitteilungen, um Mißverständnisse von vornherein zu vermeiden, obwohl erst dann Einzelheiten mitgeteilt werden sollen, wenn die Verhandlungen, die das Arbeitersürsorgeamt wegen Ueberlassung genügender Baracken mit den Reichsbehörden führt, zum Abschluß gekommen sind. * Der weiße Terror in Budapest. Ans Wien wird unter dem 28. Juli gemeldet: Gestern und vorgestern machten sich in den Streßen Budapests Trupps von je hundert Mann bemerkbar, die die Passanten anhielten und fragten, ob sie Juden seien. Später drangen in das Cafe „Club" ans denr Leopoldsring dreizehn bewaffnete Männer im Sportanzug ein und überfielen die anwesenden Gäste, nachdem sie zuvor die Telephondrähte abgeschnitten hatten. Ein Teil flüchtete auf die Straße, wurde aber von. den Angreifern verfolgt. Der Direktor der Ungarischen allgemeinen Sparkasse, Artur Verbelh, erhielt einen Stich und starb auf der Stelle. Der Advokat Geza Varfäny wurde durch einen Kopfschuß getötet, der Privatbeamte Julius Kramer ebenfalls durch Kopfschuß 'schwer verletzt. Die Polizei hat eine energische Untersuchung eingeleitet. Ministerpräsident Graf Teleki erklärte einer Deputation des Verbandes -der Sparkassenbeamten, daß er energisch Ordnung werde schaffen lassen, bisher ist aber noch nichts erfolgt. Der holländische Journalist Georg Nijpels, dessen angebliches Interview und erste Aussagen seinerzeit zur Verhaftung des Oberrabbiners Dr. Immanuel L ö w geführt haben, traf vor einigen Tagen in Budapest ein, meldete sich beim Untersuchungsrichter und erklärte, er sei durch eine falsche Ueber-setzung des in dem klerikalen Blatt „N-emzeti Ujsag" gegen den Rabbiner Löw erschienenen Artikels irregeführt worden.- Er ziehe daher seine ersten Aussagen zurück, da sein Gewissen es nicht zulasse, daß ein Greis unschuldig im Gefängnis schmachte. Das christlich-nationale Blatt „Uj Nemzedek"

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