Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 29 (6.8.1920)
- Date
- 1920-08-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229471--75894-3288434- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die unbekümmert um neue Welt- und Lebensanschauungen beharrlich an der Göttlichkeit der Bibel und an den Talmudweifen buchstabengläubig festhalt. Es geht aber nicht an, daß wir Tausenden und aber Tausenden das Judentum in falscher Beleuchtung zu sehen und von ihm immer weiter und weiter abzurücken gestatten, weil den Masten eine kritische Betrachtung der Religion abträglich sein könnte. Der größte Teil der jüdischen Wissenschaft müßte sich der Religionsgeschichte des Judentums widmen. Anthologien aus Bibel und Talmud müßten in großer Zahl erscheinen, Umarbeitungen unserer Religionsphilosophen sollten vorgenommen werden, Erbauungsschriften in neuem Gewände ediert, aus Testamenten und Deziforen wichtige Teile veröffentlicht, übersetzt, kommentiert werden. So muß zielbewußt, unentwegt, ohne Unterlaß das ganze Gebiet unserer Religionsgeschichte emsig bearbeitet werden. Aus diesem Grund möge sich dann die weitere Religionsgeschichte Israels erheben, die religiöse Entwicklung unserer und der kommenden Generation. Das war auch mein Leitgedanke, als ich im Jahre 1912 begann die „Volksschriften über jüdische Religion" herauszugeben; das Unternehmen ist ein Opfer des Krieges und seiner Folgen geworden. Möge der den gleichen Gedanken verfolgende Plan des Verbandes der Deutschen Juden unter einem glücklicheren Stern geboren sein! Natürlich darf man sich nicht zufrieden geben mit solchen summarischen Behandlungen des großen Stoffes. Das Judentum muß auch von uns in den Rahmen der vergleichenden Religionswissenschaft gestellt und bearbeitet werden. Man wird aufhören, vom Rachegott der Juden zu sprechen, wenn man wissen wird, daß die Rache nicht nur in primitiven Zeiten bei allen Völkern eine sittliche Forderung war; man wird die Anwendung von List und Schlauheit, wie wir davon in den biblischen Erzählungen lesen, nicht als hervorstechendes Merkmal jüdischer Art ansehen, wenn man allgemein wissen wird, daß die früheren Menschen ohne Unterschied der Rasse die List als eine besondere Tugend verehrten. So das gesamte Judentum im Lichte der vergleichenden Religionswissenschaft Tesehow, wird es aushören, das Objekt wüster Angriffe zu sein von seiten unwissender Skribler und absichtlich fälschender Männer der Wissenschaft, die nicht verdienen, mit dem Ehrennamen „Gelehrte" genannt zu werden. Mit aller Liebe, aber auch aller Objektivität müssen die jüdischen Gelehrten alle Einzelheiten dieses großen Arbeitsgebietes ergründen und immer von neuem erweitert der großen Oeffentlichkeit zugänglich machen. Auch im Religionsunterricht muß dieser Frage breiter Raum zugebilligt werden. Es geht nicht mehr an, den erwachsenen Studenten gegenüber hier Vogel-Strauß-Politik zu spielen oder über Fragen zitternd hinwegzueilen, die jedem denkenden Studenten aus den Lippen brennen. „Anders lesen Kinder den Terenz, anders Grotius." Wenn wir den Kindern erzählen von dem Wunder der Schöpfung, von den Urvätern, von dem Auszug aus Aegypten, so müssen wir es auch den Großen erzählen, und das in einer Form, die ihrem literarischen und ästhetischen Sinn kongenial und ihrem kritischen Geist konform ist. Es geht nicht an, daß intelligenten Studenten nur die ersten kindlichen Schulstunden in Erinnerung bleiben, über die sie überlegen lächelnd zur Tagesordnung übergehen, die sie mit allem anderen Ballast über Bord werfen. Der Student, der die höhere Mittelschule verläßt, muß ein klares Bild mit sich nehmen von der Entwicklung des Judentums, als Ansporn, an der weiteren Entfaltung persönlich, teilzunehmen, aber auch dadurch Verständnis gewinnen für den Segen edler, weihevoller Tradition und poesievoller Kinderstube. Und was die Schule geboten und in breiten Umrissen dargestellt hat, sollen Kurse und Vorträge fortsetzen und vollenden. Fern sei es von mir, den Wert von Geschichtsvorträgen zu verkennen. Sch sollen, gewiß nicht fehlen. Doch darf es nicht sein, daß in Kursen und Vortragsreihen die Religionsgeschichte des Judentums vollständig ausgeschaltet bleibt, während Geschichtsmomente zur Darstellung gelangen, die für das Gesamtjudentum von keinerlei Bedeutung sind. Gewiß muß erst das Publikum für ernste, religionsgeschichtliche Vorträge erzogen werden. Es muß aber geschehen, und keine Enttäuschung darf uns zurückschrecken, immer von neuem den Sinn für solche Auseinandersetzungen zu wecken und wach zu halten. Dann werden Schriften wie die Delitzschs nicht mehr erscheinen, llnd wenn sie erscheinen, werden sie wirkungslos bleiben: intra et extra muros. Wochenschau. Berlin, 2. August. lohd George sagte neulich im englischen Unterhause: „Es gibt in Deutschland Millionen von Menschen, die ungeduldig werden." Dieses Wort dient Erhard Breitner als Motto zu folgenden zeitgemäßen Betrachtungen, die er in der „Neuen Berliner 12-Uhr-Zeitung" in einem „Das Hakenkreuz" uberschriebenen Artikel anstellt. Erhard Breitner schreibt: Man kann jetzt gelegentlich jungen Mädchen begegnen, die als Hals- und Armbandschmuck ein aus Edelmetall gearbeitetes Hakenkreuz tragen. Männer tragen es an der Uhrkette oder in Gestalt einer Krawat.tennadel. Wer nickt das Geld hat, einen solchen Ziergegenstand zu kaufen, fühlt sich verpflichtet, das Hakenkreuz mit Kreide an Haustore, Wände. Firmenschilder oder Lattenzäune zu malen. Es gilt als Symbol, als das äußere Zeichen rassenbewußter Gesinnung und zugleich als Ausdruck einer kampfbereiten Feindschaft gegen die Juden, denen man wohl auch früher nicht gerade zugetan mar, denen man. aber jetzt die Schuld daran zuschiebt, daß alles so ist, wie es ist. Die Juden, die sich über diese ihnen zugeschobene Rolle entrüsten, sollten nicht so überrascht tun, denn sie müssen wissen, daß sie seit Tausenden von Jahren stets -an allem Unglück schuld gewesen sind, also auch an dem, das jetzt auf Deutschland lastet. Gott hat sie auserwählt, und zwar zu Sündenböcken. Es gibt allerdings Leute, denen das nicht bekannt ist; sie klagen deshalb das Militär, die Monarchie, die Junker, die Diplomaten, den Kapitalismus, die Freimaurer, die Feigheit der alten Internationale, das Zarentum. Englands Neid, Frankreichs- Revanchelust, Serbiens Größenwahn an; jeder Deutsche hat seinen höchsteigenen Privatschuldigen, und es ist nur ein Zufall, daß es nicht unzählige hakenkreuzähnliche Abzeichen gibt, die irgendeinen Sonderhab,. eine ganz bestimmte Erbitterung versinnbildlichen. Das Hakenkreuz ist nämlich eigentlich das Symbol für jene ganz allgemein in Deutschland herrschende Seelenverfassung, die der englische Premierminister im Unterhaus erwähnte. Er hätte allerdings richtiger nicht von Millionen Deutscher, sondern genauer von sechzig Millionen sprechen, und nicht „ungeduldig" sagen sollen, sondern: verzweifelt. Das wäre dann zutreffend gewesen. Lloyd George hätte sagen müssen: „Es gibt in. Deutschland sechzig Millionen Menschen, die verzweifelt sind!" Er hat das nicht gesagt, weil dadurch die Gerechtigkeit, die Erträglichkeit, kurz die ganze Zukunft des Friedens in ein zweifelhaftes Licht geraten wäre, und das schien ihm gefährlich. Aber seine beschönigende Umschreibung ändert nichts an den Tatsachen: in Deutschland hat man jeden Glauben verloren. Nicht nur an den Himmel, sondern, ums vielleicht noch schlimmer ist, den Glauben an die Erde. Die Deutschen glauben — was sie einst taten — gewiß nicht mehr an den Kaiser, nicht an die Armee, die Macht der Waffen, sie glauben nicht mehr an den Sozialismus, an das Recht, an menschliche Güte, an das Geld, weder an Gott noch an den Teufel, sie glauben auch nicht einmal an sich selbst. Sie wissen nicht aus noch ein, denn es ist unmöglich, ganz ohne Glauben zu leben, weil es ohne ihn keine Hoffnung gibt und man nicht loben kann, wenn man alles verneinen muß. Etliche ganz Ratlose klammern sich dann an das Hakenkreuz wie an einen Rettungsanker, aber auf die Dauer hilft auch das nichts. Selbst wenn man Hakenkreuze aus sämtliche noch leeren Haustüren, Mauern, Bretterzäune und Bedürfnisanstalten walte, ja sogar, wenn man alle Juden Deutsch-