Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 29 (6.8.1920)
- Date
- 1920-08-06
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Stelle, in der er den trefflichen Benzinger zitiert, der da sagt: „Nur auf den Schutzbefohlenen beziehen sich die gesetzlichen Bestimmungen über den Verkehr mit -dem gör, aber nicht auf jeden Heiden ohne weiteres, wie das moderne Judentum gern glauben machen möchte." Aber weder sagt Benzinger, daß die gerim jene Wüstenstämme waren, die init Israel aus Aegypten zogen, noch behauptet er, daßsie gleich den Israeliten beschnittenwaren. Beides ist nämlich absolut unwahr. Wahr ist nur, daß der *1J] der „Schutzbefohlen e", aber doch „Fremde" war, während der '“DJ der „Fremde", aber nicht „Schutzbefohlene" war. Delitzsch zitiert Benzinger, verdreht aber die Sache, nur um den Wert des Satzes noch mehr herunterzusetzen. DaS ist dann deutsche Wahrheitsliebe -gegenüber -dem jüdischen Dreh! Leon Kellner bringt in seinem Buche „Theodor Herzls Lehr- und L e r n j a h r e" eine bisher unbekannt gebliebene Notiz Herzls über Dührings „Die Judenfrage". E,r sagt darin über Dühring und sein Buch: „Anfangs ist man in der Täuschung befangen, ein offenherziger Gelehrter wollte sich über eine brennende Frage (sagen wir lieber über eine künstlich angefachte Frage) ehrlich äußern, aber bald entdeckt man, daß die Bosheit keift und geifert. Die Outrance rächt sich an Dühring: anfangs ist er gefährlich, später wird er erbärmlich und lächerlich ... In seinen ersten Kapiteln ist das Buch trotz feiner Uebertreibungen und offenliegenden Gehässigkeiten lehrreich genug, und jeder Jude sollte es lesen . . . Wenn man aber weiter liest, so sieht man allmählich ein, daß zu einigem Wahren sehr viel Falsches und absichtlich infam Gefälschtes hinzugemischt wird, und Dühring wird lächerlich, nachdem er gefährlich war." Paßt mit jedem Wort auf Delitzsch, nur mit der Einschränkung, daß bei Delitzsch kein Kapitel lehrreich ist, sondern alles erbärmlich und lächerlich. Es wird ein ewiges testimonium paupertutis bleiben für den Geist manches deutschen Gelehrten, daß im Jahre l920, in dem Jahre der schwersten inneren Nöte und Drangsale Deutschlands, ein ernster Gelehrter — kein Halunke — ein solches Buch noch veröffentlichen hat können. Es ist die bitterste Kränkung, die einer aus der Gelehrtenzunft deutscher Gründlichkeit, deutscher Ehrlichkeit und deutscher Wissenschaft hat antun können. Selbst ein Paul de Lagarde würde sich schämen, ein solches Buch in die deutsche Bibelwissenschaft einzureihen. Auf welcher Seite der Dünkel maßloser ist: ob auf der des Judentums, das sich eine „weltgeschichtliche Mission" arrogiert, oder aus der der Ueberdcutschen. die fest überzeugt sind davon, daß der liebe Herrgott mit dem deutschen Volke noch etwas Besonderes vorhat, darüber wird einmal wirklich nur die Weltgeschichte entscheiden. Von ganzein Herzen wünschen auch wir, daß der allmächtige Gott „dem deutschen Volke hcraushelfe aus seiner jetzigen Schmach und Sklaverei und es aus tiefster Nacht einem neuen, lichten Morgen zuführe". Delitzsch und Genossen sind aber gar schlechte Fürsprecher vor dem Thron des allmächtigen Gottes für das deutsche Volk. Auf eines jedoch machen uns die Angriffe Delitzschs abermals aufmerksam: auf die m a n g e l h a f t e B e a r b e i t u n g unserer Religionsgeschichtc. Buchstäblich ein Verbrechen darf Delitzschs Vorgehen genannt werden, der sich gebärdet, als ob das Judentum in seiner Gottesibee, in seiner Ethik über die Bibel gar nicht hinausgekommen wäre. Er tut, als ob es eine jüdische Wissenschaft gar nicht gäbe, er ignoriert ganz einfach alle Schriften, die sich mit der weiteren Entwicklung unserer Religionsgeschichte befassen. Es ist derselbe Vorgang, den die gesamte protestantische Theologie mit wenigen Ausnahmen bis heute konsequent durchgeführt hat: Werke jüdischer Autoren über Bibel und Talmud als nicht existent oder mit größtem Mißtrauen zu behandeln, selbstherrlich nur di^ Bücher der eigenen Zunft anzuerkennen, und auch dies nur so weit, als sie in die einzige Tendenz ihrer Forschung hineinpaffen.: das Christentum' als den tcnuinus ad quem aller Religion zu glorifizieren.. So'- wurde z. B'. Travers Herfords Werk „Das- Pharisäische Jridentum" säst totgeschwiegen, weil es endlich mit der traditionellen Tendenzauffassung vom Pharisäertum gründlich gebrochen Hatz Es wäre wahrlich hohe Zeit, daß diese hochmütige Selbstgenügsamkeit der protestantischen Bibelwissenschaft in Deutschland fallen gelassen und die Werke jüdischer Gelehrten nur ihrem wissenschaftlichen. Werde gemäß abgelehnt oder aufgenomnren werden. Aber bedauernd müssen wir konstatieren, daß im Gegensatz zur Wichtigkeit der Frage die Entwicklungsgeschichte des Judentums von jüdischer Seite viel zu wenig bearbeitet und viel zu wenig in die denkenden Kreise des Judentums getragen wird. Die Folge davon ist, daß Bücher gleich der „Großen Täuschung" außerordentlich schädlich gerade die intelligentesten jüdischen Kreise beeinflussen. Diesen gilt die Bibel als das einzige Religionsbuch auch des heutigen Judentums; daher wird die auch von ihnen als Rückständigkeit beurteilte Auffassung des Fünfbuches über Gott, über Kultus und Sittlichkeit als Minderwertigkeit des Judentums im allgemeinen aufgefaßt. Alle diese Kreise haben keine Ahnung davon, daß sich uns schon in der Bibel selbst ein mächtiges Bild der religiösen Entwicklung entrollt und daß diese Entwicklung im Judentum bis auf den heutigen Tag sich fortgesetzt hat. Ist es nicht sonderbar, daß selbst wissende Juden keinen Vergleich anstellen zwischen ihrer eigenen Gottesidee und der verschiedener Stellen der Bibel und sich nie die Frage vorlegen: Wie ist mein Judentum geworden und woher kam es mir?! Stellen wir die -Gottesidee des simpelsten Juden unserer Tage der der Bibel gegenüber, so kann man über den Wandel nicht genug staunen, der trotz des ewigen Urgrunds und Grundgedankens im Volksbowußtsein zutage tritt. Man lese Briefe. Testamente, Sittenbücher, Erbauungsschristen, Sprichwörtersammlungen des Judentums, also Schriften, die nicht als beabsichtigte Spiegelungen der jüdischen Religion geschrieben wurden. Welche Tiefe und Innigkeit, welche kindliche Liebe und Trautheit der jüdischen Gottesidee und der jüdischen Sittlichkeit eröffnet sich da jedem, wie atmet da jede Zeile Vertrauen und Hingebung, Keuschheit und Innerlichkeit! Wem dankt das Judentum diese Entfaltung, diese seelische Vertiefung? Dem christlichen Milieu, in dem es gelebt hat und lebt, sicherlich nicht. Es ist gewiß unrecht, Ideale verantwortlich zu machen für ihre schlechte Verwirklichung. Die Postulate des Christentums in Ehren, sie sind von höchster Idealität getragen. Aber kein Jude, kein Mostem und kein Buddhist hat so wider den Geist seines Bekenntnisses gesündigt wie die Christen gegen ihr Christentum seit Karl dem Großen bis zur letzten Phase des Weltkrieges, der unser Geschlecht vernichtet hat. Also von der Christenheit haben wir die Entwicklung der Gottesidee und des religiösen Lebens in unserem Volkstum nicht empfangen. Wer aber Talmud und Midrasch kennt, die Dichter und Philosophen, die Prediger und Thoraerklärer der vergangenen Jahrhunderte, der weiß, daß diese allein in liebevoller Kleinarbeit die jüdische- Religiosität umgebildet und vertieft haben. Diese religiöse Entwicklung darzustellen und sie zum Gemeingut aller Juden zu machen, wurde nahezu vollständig unterlassen. Aus Furcht als Ketzer verschrien zu werden, haben sich die jüdischen Gelehrten viel zu wenig mit diesem Ausbau beschäftigt und sich nur mit der tatsächlichen Wandlung zufrieden gegeben. Das Hauptfeld der jüdischen Wissenschaft ist darum die Historie geblieben, der Weinberg Gottes aber wurde vernachlässigt. So darf es aber nicht weitergehen. Ich schätze nicht gering die Treue der Orthodoxie,