Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 29 (6.8.1920)
- Date
- 1920-08-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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A Berlin, b. ftugult 19ZÖ •V « Ein unpAvtensches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnements.;)reis: durch den Buchhandel oder die j)ost (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezögen vierteljährlich 3 lN. — Postscheckkonto 324- Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Philippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Än ft£||+ ♦ Ein Buch und seine Lehre. Von Dr. I. Ziegler (Karlsbad). Hßtl IJUll. — Wochenschau. — Der Einfluß der Reichsversassung auf die Statuten der Synagogengenieinden. — M. Henle-Hanrburg (mit Bild). Von Ed. Birnbaum (Königsberg i. Pr.). — Ein Verehrer deS Antiochos Epimanes. Von Dr. S. A s ch n e r. — Professor Ignaz Goldziher — siebzig Jahre alt. Von Professor S. Krauß (Wien). — Feuilleton: Der Sonnenstich. (Schluß.) Von L. I. Peretz. Aus dem Hebräischen frei übertragen von Alhert Katz. — Büch ereinlaus. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums'"): Berlin, Königsberg, Hamburg, Halberstadt, Leipzig, Dresden, Augsburg, Mühringen, den Haag. — Von Nah und Fern. km Luch und seine Lehre. Von Dr. I. Ziegler (Karlsbad), s ist ratsam kaltes Blut zu bewahren und die Wirkung von Delitzschs Buch „Die große Täuschung" nicht, zu überschätzen. Natürliche auch unterschätzt darf sie nicht werden. Daß diese Schrift nunmehr zum eisernen Bestand aller Antisemitenarsenale gehören wird, ist selbstverständlich. In Schulen und auf Lehrkanzeln, in Vorträgen und Broschüren wird sie weidlich ausgeschrotet und zitiert werden, ein mit Jubel empfangenes Vademekum sein des judenfeindlichen Janhagels aller Schattierungen. Trotz alledem wäre es nicht am Platze, -die Wirkung des Buches zu überschätzen. Der Kampf gegen die Juden ist heute rein wirtschaftlicher und politischer Natur. Das hat Delitzsch selbst sehr gut gefühlt. Darum bemüht er sich, im Schlußworte seinen theologischen Ueberzeugungen politische Folgerungen für unsere Tage anzuhängen, um so seinem Buche Eingang in die Tagespolitik zu verschaffen. Was ihm auch für den ersten Moment zu einem gewissen Teile gelingen wird: die Zahl der Waffen des wirtschaftlichen und politischen Kampfes gegen uns Juden wird um eine kleine Waffe größer. Würden aber die gewaltigen Umwälzungen der Zukunft keine anderen -Gefahren für das Judentum in ihrem Köcher bergen, so -brauchten wir uns über Delitzschs Buch nicht sonderlich aufzuregen. Man darf die Gefühle, die es in einem Theologen wachruft — er sei Jude oder Christ —, nicht auf den- Laien übertragen, der es zumeist gelangweilt durchblättert. Also übertreiben wir nicht und machen wir nicht ans dem Buche imehr, als es verdient. Die ihm -gebührende wissenschaftliche Abfuhr wird Delitzsch sicherlich -in reichem Maße erhalten, sowohl von christlichen Bibelgelehrten wie von jüdischen. Ist doch selten ein Buch erschienen, dessen Blößen derart jedem sichtbar wären, wie es hier der Fall ist. Mit den wissenschaftlichen Tatsachen rennt er offene Türen ein. Es ist geradezu läppisch, daß ein Gelehrter vom Schlage Delitzschs sich noch des langen und breiten mit der Frage abgibt, ob die Israeliten wirklich in Palästina eingedrungen sind, wie es der „Hexateuch" meldet. Nicht minder töricht ist, als besondere Leistung -heute noch -die Erkenntnis auszupo'sau-nen, daß die israelitische Gottesidee — ob Jehova oder Jahwe oder Jaho, aus den Namen kommt es uns ja nicht mehr an — eine ungeheuere Entwicklung durchgemacht hat. Daß ferner der Pentateuch ein Sammelwerk ist, dessen ältesten Reste auf Urzeiten zurückzuführen sind; daß die Prophetie aus primitiver Zauberei- und Wahrsagekunst sich nach und nach zu der Stufe emporgearbeitet hat, auf der sie die Wegweiserin eines großen Teilsder Menschheit geworden ist; daß es -schließlich in der Heiligen Schrift manche Stellen gibt, die unserem ästhetischen und auch sittlichen Empfinden widersprechen und weder -in die Schule noch ins Haus gehören, dasalles ist so oft schon gesagt und berücksichtigt worden, daß es schade -ist, darüber weiter ein Wort zu verlieren. Daß Delitzsch, der geradezu krampfhaft nach d-cn derbsten und schärfsten Worten sucht, um sich in eine gewisse Empörung gegen die Bibel -hineinzureden, von bewußten, beabsichtigten Fälschungen in der Bibel spricht, als ob Autorenrecht von -heute und kritische Gewissenhaftigkeit mit -den Anschauungen früherer Zeiten darüber sich- -decken würden, ist in seiner Tendenz zu offenkundig, als daßirgendein denkender Mensch ihm hierin ans -den Leimgehen könnte. Hingegen macht sich Delitzsch keine Gewissensbisse, selbst zu Verdrehungen zu greisen, um nur die Bibel zu diskreditieren und zu entwerten. Es genüge ein Beispiel. Wer den Pentateuch lesen kann, weiß, daß er mit der ihm eigenen kindlichen Offenheit einen Unterschied statuiert zwischen “i: und Wer lesen kann, der weiß, daß ij d e r Fremde ist, der, ohne durch Religion und Heirat sich assimilieren zu wollen, im Lande dauernd zu bleiben und dem Schutze der Lan-desgesehe sich zu unterordnen und anzuvertrauen gedenkt. dagegen ist der Fremde, der nur -vorübergehend im Lande weilt, kaust und verkauft und dann wieder heimzieht. Man sollte nun meinen, besonders in unseren Tagen, daß -es wahrlich nichts Geringes ist, wenn die Heilige Schrift, nachdem sie in Lev. 19, 18 uns zürnst: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", gleichsam, sich selbst korrigierend, 16 Nerse später, Vers 34, fordert: „Wie der Einheimische sei euch der Fremde, der unter euch weilt, liebe ihn, wie dich selbst." Was leistet sich nun Herr Delitzsch? Er saat: „Gleichzeitig sei bemerkt, daß, wenn eben dieses Gesetz auch den „Fremdling" zu lieben befiehlt, diese Uebersetzung des hebräischen gör eine Täuschung ist. Gemeint sind Israels Schützlinge, d. h. die innerhalb Israels lebenden und gleich den Israeliten beschnittenen Abkömmlinge jener Wüstenstämme, die sich! schon bei Israels Auszug aus Aegypten diesem angeschlossen und bei der Eroberung Kanaans wie auch noch später gewisse große Dienste geleistet -hatten" (S. 99). Also derselbe Delitzsch, der an der biblischen Erzählung vom Auszug aus Aegypten und vom Eindringen -in Palästina kein gutes Haar läßt, derselbe Delitzsch nimmt jetzt, wo es ihm paßt, die biblische Erzählung für bare Münze, nur um das erhabenste Gesetz der Bibel zu verkleinern. Wie er verfährt, zeigt feine Fußnote an dieser