Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1838)
- Date
- 1838-01-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 zeigt sich 1837 hartnäckig in der Erfolglosigkeit aller dieser Verhandlungen; denn die hannöver'schen Kammern berathen wahrend eines halben Jahres ein Gesetz über die Juden, sie können sich nicht einigen darüber, es werden Kommissionen ernannt, ein Königl. Regierungskomissarius gefordert, und als endlich Alles besessen, besprochen, berathen, verhandelt worden — stirbt Wilhelm VI., die Kammern werden aufgehoben, und ihr Gesetz — wird höchstens unfern Nachkommen den Geist dieser Kammern bezeichnen, zur Ausführung kommt es nicht. In der baden'- schen Kammer werden die Juden höchlichst gelobt — aber sie bleiben, wo sie waren. In der baier'schen Kammer werden'die Juden getadelt, darauf wird nachgewiesen, daß dieser Tadel ganz ungerecht und ungegcündet sei, ihre Schullehrer sollen einige Tausend Thaler Zuschuß aus der Staatskasse erhalten — aber in dem Landtagsabschiede wird - diese Position nicht genehmigt. So bleibt eigentlich, da die Debatten in dem englischen Unterhause, nichts Entscheidendes bieten und bald wieder angeknüpft werden sollen, blos das sächsische Gesetz übrig — allein wie wenig sich die Juden dessen zu freuen haben, ist bekannt. Wir können aber diese Erscheinung, die, wie gesagt, das verflossene Jahr charakterisiert, nicht mit dieser oberflächlichen Bemerkung abftrtigen. Sie offenbart uns das innerste Verhältniß der Lage der Juden. - Zu jeder Zeit gibt es eine öffentliche Stimmung und eine geheime Stimmung. Die öffentliche Stimmung ist stets die, welche sich im Allgemeinen ausspricht, welche, getragen von den gäng und gebe seienden Begriffen des Rechts und der Moral, in der Literatur und in den öffentlichen Verhandlungen im Ganzen sich geltend macht, und über das Thun des Einzelnen urtheilend, es lobt oder brandmarkt. Die geheime Stimmung können wir aber die nennen, welche im Geheimen die Mehrzahl der Menschen in ihrer Brust mit sich herumtragen, deren Lebensprincip der Eigennutz, deren Färbung das Colorit des anevzogenen Vorurtheiles ist. Diese geheime Stimmung ist mit jener öffentlichen in stetem Kampfe, sie wird zwar von dieser zurückgehalten, sie scheut sich vor ihr, weil sie durch sie gefährdet ist und die Blosstellung fürchtet, aber sie sucht doch diese öffentliche Stimmung aus dem Wege zu räumen, zu verändern und zu beherrschen, um so sichrer auftreten zu können. Wehe! wenn die öffentliche Stimmung dieser geheimen unterläge — da würden die Leidenschaften entfesselt über die Zeit Hereinbrechen, und der alte Faustkampf würde die Schwächern gewältigen und zertreten! Jedes Zeitalter, jedes Jahrzehend, ja jedes Jahr bezeichnet sich nur eben dadurch, ob die öffentliche Meinung des Rechtes und der Moral mehr oder weniger zurückweicht vor der geheimen Stimmung des Eigennutzes und des Vorurtheiles; ob die letztere, gekleidet in das Gewand des Scheines, bewaffnet mit den Sophismen alter Rechtszustände — als ob die Geschichte darumdas Unrecht heilige, weit es alt ist, und nicht vielmehr das Recht heilige, indem sie nachweist, daß es jeweilig unterlegen, nie aber verschwand — mit den Sophismen scheinbarer, aber unerwiesener Unverbesserlichkeit, unter der Maske erheuchelter Sorgfalt für das allgemeine Beste, im Stande war, die Erstere zu überrumrumpeln und sich factisch in ihr Raum zu schaffen. Ein solches Jahr, wie wir es eben geschildert, war das Jahr 1837, wohin wir auch blicken — aber es liegt uns nicht ob, es nach allen Seiten dermaßen zu schildern und zu charakterisi'ren — wir haben es ja nur mit der Sache der Juden zu thun! Vergleichen wir die'Resultate dieses Jahres mit 1831, mit 1833 — so hat die öffentliche Stimmung, die sich damals so offenbar und siegreich für die Juden aussprach in diesem Jahre große Rückschritte gethan, sie hat dem Eigennütze und Vorurtheile Raum gegeben, sich unverweilt geltend zu machen, sie hat sich diesen gefangen gegeben und sie walten lassen. Denn haben einmal jene Platz gewonnen in der öffentlichen Stimmung, so ist auch die Gewalt die ihrige, und sie übt diese rücksichtslos aus. In der Literatur wie in den Kammern wurden die alten Anklagen frei wieder hervorgeholt und mit hundertfältigem Echo ausgeschrieen, und ob auch mancher Mann des Rechtes und der Wahrheit kräftig nach den Zügeln griff: man hatte diese einmal fahren lassen — die Rechtszugeständnisse, die man 1831 und 1833 theils durch Wort (Heils durch That den Juden fast bis zur Grenze der Emancipation geführt, wurden 1837 weit wieder zurückgedrängt und in alte Schranken hineingezwungen. Man wird uns nicht das verdrießliche Geschäft aufbürden wollen, die traurigen Resultate der verschiedenen Kammer- Verhandlungen in diesem Rückblicke auf das entschwundene bürgerliche Jahr noch einmal aufzuzählen. Sie sind noch zu neu, daß sie nicht ein Jeder kennen sollte, und wollen wir uns dies bis dahin Vorbehalten, wenn eines der nächsten Jahre freundlichere Aussichten eröffnet. Aber aufmerksam wollen wir machen die Freunde der Emancipation der Juden, mögen diese den Letzteren oder einer andern Eonfession angehßren, sich für die Zukunft besser zu verwahren, und durch aufrichtige That und freimüthiges Bekenntniß die öffentliche Stimmung, ehe eine abermalige Entscheidung eintritt, in der nothwendigen Fassung zu er- Wten. Die Mittel hierzu wird das Jahr 1838 hinreichend liefern. Die Gründung einer jüdisch-theologischere