Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 28 (23.7.1920)
- Date
- 1920-07-23
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 23. Juli 1920 84. 3abrgang. Nr. 28 ^tnEitlMtitE. SBellagt zur „Allgrmeinrn Zeitung drK Judentums" Korrespondkn?m und Aachrichtrn. DeutWsnd. E. R. Berlin, 20. Juli. In der Abendsitznng der N e prüfent a n ten v e r s a m m l u n g vom 8. d. M. begrüßte der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Herr Geheimer Sanitätsrat Dr. Stern, die neu eingetretenen Repräsentanten bei der Einführung mit folgender Ansprache: „Nachdem Sie, am 20. Juni durch das Vertrauen der Wühler in die Repräsentantenoersammlung entsendet, die amtliche Bestätigung erhalten haben, liegt es mir ob. Sie in Ihr neues Amt einzuführen. Einige von Ihnen haben schon seit Jahren sich in der Versammlung mit Hingebung und Eifer für die Gemeinde betätigt, andere von JhneP haben mit lebhaftem Interesse die Gemeindeangelegenheiten verfolgt. Naturgemäß ist auch die Kritik der Beschlüsse nicht alisgeblieben. Mer die Mitglieder des Gemeindevorstandes waren stets von dem besten Willen beseelt, die Interessen der Gemeinde zll fördern. Wenn ihnen dies nicht immer gelungen ist, so .tragen in den meisten Fällen die inzwischen eingetretenen neuen Verhältnisse die Schuld daran. Es ist für, den Vorstand stets das oberste Gesetz gewesen, sür das Wahl seiner Beamten zu sorgen. Dazu hat es nicht des Tumults aus den Galerien bedurft. Ein Beweis, wie sehr die Mitglieder des Vorstands von dem Wohlwollen für die Beamten beseelt gewesen sind, ist der, daß meine Vorgänger im Amt Stiftungen mit namhaften Beträgen gegründet haben, die zum Wöhle der Beamten dienen. Deshalb hätten wir erwarten können, daß den Männern, die in harter. Arbeit für die Interessen der Gemeinde eingetreten sin'd, nicht bloß Vorwürfe, sondern ein Wort des Dankes gezollt worden wäre. Herr Geheimrat Stern gab dann einen Bericht über die Ereignisse der letzten fünf Jahre. Es war die Periode des Krieges, die auch der Gemeindeverwaltung viele schwere Opfer auserlegt hat. Auch, der Generalsekretär unserer Gemeinde, Dr. Moses Friedländer, habe auf dem, Felde der Ehre seinen Tod gefunden. In die Verwaltung werde erst dann wieder Frieden eintreten, wenn Arbeit und Pflichttreue zu Ehren kommen werden. Unter den vielen Aufgaben, die der neuen Repräsentantenversammlung zufallen, seien besonders erwähnt die Ausgestaltung der Seelsorge, Ablösung der Kasualien, Jugendfürsorge, die Gesamtorganisation für die Gemeinden Deutschlands und die Ostjudenfrage. Es wird also ein großes Maß von Arbeit auf die neue Versammlung fallen, die durch den Zutritt frischen Blutes hoffentlich kräftigend und belebend wirken wird. Wenn die Arbeiten in Eintracht und Frieden, erfolgen werden, dann wird der Gemeinde eine glückliche Zukunft beschieden sein und die Leistungen der Repräsentanten werden zum Segen, für das Judentum ausfallen. Herr Geheimrat Stern schloß feine Ausführungen mit der Hoffnung, daß das gute Verhältnis, welches jederzeit zwischen Vorstand und Repräsentantenhaus bestanden hat, auch weiterhin bestehen möge. Hieraus verpflichtete der Vorsitzende die neu gewählten Repräsentanten und deren Stellvertreter durch Handschlag. — Als Alterspräsident nahm Herr S.i Weile den Vorsitz ein, hieß die neue Repräsentantenversammlung willkommen und forderte auf, Vorschläge zur Wahl des ersten Vorsitzenden zu machen. Hieraus verlas Herr Moritz A. Loeb eine Erklärung der konservativen Fraktion, die dahin ging, daß die konservativen Repräsentanten bei aller Hochschätzung der Person des Herrn Geheimrats Dr. Minden ihm ihre Stimme nicht geben könnten, da sie es nicht sür angängig hielten, daß der Vorsitzende der Repräfentantenversammlung zugleich Vorsitzender der Resormgemeinde, welche die Feier des Sabbats auf den Sonntag verlegt habe, sei. Herr, Professor Heinrich Löwe gab zwei Erklärungen für die Fraktion der Jüdischen Volkspartei ab. In der ersten erklärte er, daß die liberalen Repräsentanten die Verantwortung dafür übernähmen, wenn Herr Geheimrat Minden zum ersten Vorsitzenden gewählt werde; als stärkste Fraktion habe die liberale Partei das Recht, den ersten Vorsitzenden zu nominieren. In der zweiten Erklärung wies er daraus hin, daß die Hälfte der Repräsentanten im Kollegium zurückgeblieben sei und nach Einführung des Verhältniswahlrechtes sich ebenfalls einer Neuwahl hätte unterwerfen müssen; er hoffe, daß sie dies noch nachträglich tun werde. Herr Professor Türk antwortete aus diese Erklärungen, daß sie in diesem Saale neu seien und befremdend wirkten. Er wies darauf hin, daß Herr Geheimrat Minden 30 Jahre der Reprüsentantenversammlung angehör.e und durch sein Wirken den Anspruch darauf Hab.', den ersten Ehrenplatz im Kollegium inne zu haben. Die liberalen Repräsentanten werden ihm die Treue bewahren. Herr Dr. Isidor Levy schloß sich dem Bedauern über die Erklärungen an und führte aus, daß die früher bis 1922 gewählten Repräsentanten keine Veranlassung gehabt hätten., ihre Aemter niederzulegen. Die Belehrung des Herrn Professor Löwe, was die Repräsentanten zu tun haben oder nicht, müsse er entschieden ablehnen. Bei den vorgenounuenen Wahlen wurde Herr Geheimrat Minden zum ersten Vorsitzende!:, die Herren Adolf Lewinski und Gewerberat Plotke zu stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Als erster Schriftführer wurde Herr Professor Türk, als Stellvertreter Herr James Gold s ch midi gewählt. Hieraus wurden die drei Ausschüsse besetzt, wobei all,' drei Fraktionen entsprechend der Zahl ihrer Mandate zur Geltung kamen. Ausschuß I: die Herren Ginsberg, Tietz, E. Eohn, Stern, Plotke, Golds ch midi, L e w i n s k i,' L e w i t, Dr. K l e e. Ausschuß II: die Herren Weile, S a ch s, E a s p a r y, E. E o h n, L e w i n s k i, Le w i t, W o l p e. Ausschuß III: die Herren I s. Lev y, Nt i n d e n, T ü r k, G u t m a n - P i n c u s, Nt. A. Loeb, Dr. Loeb, Wolpe, Löwe. Nevisionsansschnß: die Herren Tietz, G o l d s ch m i d t, E. Cohn, L e w i n s k i, Lew it. In die Kommission zur neuen Vorstandswahl wurden nenn Mitglieder gewählt. Sie besteht aus den Herren Emil C o h n, Dr. G i n s b e r g, Nt. A. Loeb, L o e w e, Dr. Loeb, Nt luden. Levy, Stern. Von einer Anzahl von Repräsentanten wird beantragt, den Gemeindevorstand zu ersuchen, sofortige Schritte zur A u s h e b u n g des veralteten I u d e >n g e s e tz e s von 1847 zu unternehmen. Der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Geheimrak Dr. Stern, teilt mit, daß der Vorstand sich feit längerer Zeit eingehend damit beschäftigt. Er steht auf dem Standpunkt, daß der Antrag ans Aushebung des Judengesetzes durch den Entwurf eines besseren Gesetzes unterstützt werden muß. Mit den Vorarbeiten für einen derartigen Entwurf ist der Dezernent des Gemeindevorstandes beauftragt. Sobald seine Denkschrift vorliegt, wird sie der Repräsentantenversammlung übermittelt werden. — Geheimrat Dr. M i n d e n schließt die Versammlung mit dem Wunsche, daß die verschiedenen Richtungen sich harmonisch zusammenfinden mögen in gemeinsamer Arbeit sür das Wohl dev Gemeinde. & & Berlin, 20. Juli. Die Zentral w o h l f a h r t s st e l l e der deutschen Juden hat im letzten Halbjahr die von ihr eingeleiteten Arbeiten erfolgreich fortgesetzt. Das besondere Bestreben der Zentralwohlfahrtsstelle ist daraus gerichtet, soziale Gesichtspunkte von allgemeiner Gültigkeit der Wirksamkeit der ihr angeschlossenen -Veveiine und Anstalten, zur Durchführung zu bringen. Die Zentralwohlfahrtsstelle ist wiederholt von zahlreichen größeren Gemeinden ersucht worden, die Prüfung von Subventionsgesuchen von Vereinen und Anstalten für die betressenden Gemeinden zu übernehmen und durch eiingehende Gutachten die für die Verhandlungen in den Gemeindevertretungen erforderlichen Unterlagen zu beschaffen. Die neue Zentralinstitution hat sich mit großer Bereitwilligkeit in einem Rundschreiben allen großen Gemeinden sür die Erledigung dieser wichtigen Aufgaben zur Verfügung gestellt und auch von« den meisten Großgemeinden eiu Verzeichnis der von ihnen subventionierten Anstalten erhalten. Gegenwärtig wird das vorhandene Material gesichtet und die Förderungswürdigkeit und Bedürftigkeit der in Frage kommenden' Institutionen festgestellt. Die großen Wohlfahrtsaktionen des letzten Jahres sowie eine Zentrale Hilfsaktion für P a l ä st i n a und Fürsorge für die notleidenden jüdischen Kinder in Deutschland u n d O e st e r r e i ch haben die Zentralwohlfahrtsstelle stark in Anspruch genommen. Eime besonders rege Tätigkeit wurde in der „A me r i ka h i t f e" entfaltet. Die Zentralwohlfahrtsstelle ist im „Zentralansschuß für Amerikahilfe", welcher zur Verteilung der aus Amerika gespendeten Liebesgaben geschaffen ist, ebenfalls vertreten. Sie sorgt dafür, daß rechtzeitig alle Gemeinden von der aus ihren Kommunalbezirk entfallenden Verteilung von Liebesgaben Kenntnis erhalten, und macht sie mit den