Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 28 (23.7.1920)
- Date
- 1920-07-23
- Page
- Seite 322 (sequence 10)
- Language
- German
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322 Wohlan, wer will sich messen? Ha, Patros, Schinear, Wagt ihr's? Habt ihr vergessen. Vergessen ganz und gar Das heilige Zionpriesterkleid? O über eure Nichtigkeit, Und eure morsche Größe! Nein, neben dich kann niemand treten, Kein König kommt den deinen gleich: Was sind die Allerweltspropheten Vor deinem heil'gen Priesterreich? Ach, alles stürzt von seinen Thronen, Es sinkt der falschen Götter Recht, Doch ewig bleiben deine Kronen, Dein Schatz ins tausendste Geschleckt! Du Gottessehnsucht, Menschensehnen! — Wem deine Mauer wieder Heimat bot, Heil ihm und wer durch Sk'hnsuchtstränen- Erblickt dein ew'ges Morgenrot! Dein Morgenrot. da alle Wolken fallen. Und hundertfacher Glanz vom Himmel bricht. Da deine Kinder jauchzend heimwärts wallen. Und in des Jauchzens Hall und Wiederhallen Aufstrahlt dein altes königliches Licht! — * Vaterlsndssrkühl. Von meiner Väter Erbe einst vertrieben, Irrt' ich umher an jedem fremden Strand. Als letztes Gut war Sehnsucht mir geblieben Nach einem neuen, heil'gen Vaterland. Und lange, lang' trug ich das heiße Sehnen, Bis sich ein gastlich Tor mir aufgetan, Und unter heißen Dank- und Freudentränen Schloß ich als Bruder mich den Brüdern an. Durch gleiche Pflicht warb ich um gleiche Rechte; Das Land des Teut ward mir zum heil'gen Land, Als aus der Leiden hartem Dorngeflechte Der Rose gleich sich meine Liebe wand.' Es dorrt sie keine Glut, sie kann nicht sterben; Mein Herzblut ist ihr Labung frisch und kühl. — Ich lasse dich als hohes Gut den Erben, Du reines, heil'ges Vaterlandsgefühl. G e l s e n k i r ch e n. S. K a tz. Der Sonnenstich. 3. Forts., Von L. I. Pcrctz. Aus dem Hebräischen frei übertragen von Albert Katz. i e Liebe", wollte der Dichter einen seiner Verse anheben, da unterbrach ihn der Maler: „Um des Himmelswillen, verschone uns mit deiner Dichterei! Es ist überhaupt Zeit, daß wir mit den Narrischkeiten (Dummheiten) ein Ende machen und zu unseren Gemores zurückkehren!... Wir sind bei der Frage stehen geblieben, ob ein Gelehrter, der ein Gelübde ausgesprochen hat, das Recht habe, sich selbst davon zu entbinden ... Wer weiß, ob diese Frage nicht für unseren Jechiel bald praktische Bedeutung erlangen wird. Er hat ein Gelübde ausgesprochen; allein Heiliges und Irdisches, weltliche Liebe und weltentsagende Frömmigkeit ringen in ihm; sein Gehirn ist klein, sein Herz noch nicht erprobt. Wer weiß, was daraus werden, wer als Sieger aus diesem Kampfe hervorgehen wird!" III. Jechiel hatte seine Willenskraft überschätzt. Er wollte, wie einst Joseph in Aegypten, sein Herz mit einem eisernen Panzer umgeben, um sich vor den Verlockungen der Sünde zu schützen und seine Leidenschaften bezähmen, allein das Feuer, das per Anblick des holdseligen Mädchens so plötzlich in seiner Seele entfacht hatte, schmolz das Eisen, und sein Herz verzehrte sich in Sehnsucht nach der, schönen Schammes-Tochter. Umsonst verkroch er sich, so oft er sie kommen hörte, in einen entlegenen Winkel des Lehrhauses; umsonst verstopfte er mit den Fingern seine Ohrlöcher, um ihre Stimme nicht zu hören: ihre Stimme war süß und lieblich, klang bezaubernd und mächtig und hielt alle seine Sinne gefangen. Vergebens fastete er und legte sich Kasteiungen auf Kasteiungen auf: dev böfe Trieb war mächtiger als er und seine Vorsätze. Seinen Schlaf durchkreuzte jetzt nur e i n Traum, und dieser Traum gaukelte ihm nur e i n Bild vor: Channa, die schöne Schammes-Tochter. Wohl merkte er, wie die Studiengenossen ihn beobachteten und sich über ihn belusftgten, allein er kehrte sich nicht um sie und war — in seinen Träumen glücklich... Jechiel zweifelte Nicht mehr, er war sogar nun fest überzeugt davon, daß Channa die vom Himmel für ihn bestimmte Braut sei. . Die Wohnung des Schammes stieß an die Westwand des Beth Hamidrasch, wo Jechiel auf einer harten Holzbank sein Nachtlager hatte. Er benutzte diese Gelegenheit, drückte Nacht für Nacht sein brennendes Gesicht an die Wand und schärfte sein Gehör, immer von der Hoffnung beseelt, vielleicht ihre Stimme, die Stimme der „vom Himmel für ihn bestimmten Braut" zu vernehmen. Es dauerte nicht lange, und Jechiel begann auch im wachenden Zustande zu träumen. Da tat er endlich seinen Kameraden leid, und sie fingen an, ihn zurechtzuwcisen. „Jechiel!" sagte der „Dichter" mit warnender Stimme — „Das ewige Nachsinnen, das ewige Alleinsein mit seinen Gedanken ist nicht gut; es führt zur Melancholie, zum Wahnsinn. Hüte dich!" „Auch dein häufiges Fasten, deine Kasteiungen", fügte der Altertumsforscher hinzu, „gefallen mir nicht. Sie widersprechen auch den Vorschriften der Thora, die uns lehrt: Der Mensch soll durch die Ausübung der Gebote leben, nicht aber sterben. Gedeihliches Studium, so sagen die Weisen, ist vom Essen abhängig." Allein alles Bemühen der Kameraden, ihn seiner Abgeschlossenheit zu entreißen, ihn zum Zusammenlernen mit ihnen zu bewegen, war vergeblich. Umsonst warnten sie ihn vor den Folgen seiner in sich gekehrten Lebensweise, seines ständigen Alleinseins mit grüblerischen Gedanken, das, wie sie ihm zu verstehen gaben, der Anfang des Wahnsinns sei; er hörte nicht auf sie. Jedes Fremdwort, jede schwierige Stelle im Talmud enthielt für ihn einen sicheren Hinweis auf die Geliebte seines Herzens; und stieß er auf zwei schwierige Stellen hintereinander, so sah er in der einen einen Hinweis auf sich selbst, in der anderen einen solchen auf sie — die Tochter des Schammes. „Mein Sohn!" hörte er im Traume einmal seinen Vater deutlich sagen, „du hast eine Braut dir erwählt und mir nichts davon offenbart?!" Schamröte bedeckte die Wangen Jechiels, und er ließ den Blick zur Erde sinken. „Ich aber habe es im Himmel, hinter dem Zaune des Paradieses gehört und werde dir zur Zeit die Unterführer schicken", fügte der Vater begütigend binzu und verschwand. In derselben Nacht erschienen ihm drei in weiße Gewänder und große Tallesim mit Silbertressen gehüllte Greise, aus deren Augen Güte und Liebe leuchtete. »Ich", sagte der eine, „bin gekommen, um dir zu verkünden, daß du die dir vom Himmel bestimmte Kalle gefunden hast." „Ich", fügte der zweite hinzu, „bin geschickt worden, um dir zu sagen, daß die Tochter des Schammes dich liebt:"