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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-07-23 · Heft 28 (23.7.1920) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 28 (23.7.1920)
Date
1920-07-23
Page
Seite 320 (sequence 8)
Language
German
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- 320 Selbstredend handelt es sich bei dem Projekt um einen neuen Staat im Staate; nur solche Juden soll er aufnehmen, die unverbrüchlich fest an Israels alter Hoffnung hängen, die sich nicht assimilieren können oder wollen, und jene, die im Kriege und durch seine Folgen unter Vergewaltigungen zu leiden hatten. In dem Aufruf der zionistischen Vereinigung Deutschlands vom 23. Mai 1920 heißt es ausdrücklich: „Die staatsbürgerliche Stellung derjenigen Juden, die in anderen Ländern wohnen, soll hierdurch in keiner Weise beeinträchtigt werden." Letzten Endes spielt bei dem Entgegenkommen der Mächte die Politik keine geringe Rolle. England zieht es vor, seine Länderbrücke nach Indien von einem auf kultureller Grundlage aufgebauten Staat als von zum großen Teil herrenlosen Ländereien mit analphabetischer Araberbevölkerung bewacht zu sehen. Was Italien betrifft, so möchte ich wörtlich wiedergeben, was Francesco Ruffini im „Corriere della Sera" zur Sache zu sagen hat: „Ms Italiener müssen wir das kühne Unternehmen mit den heißesten Wünschen für volles Gelingen begleiten. Betrachtungen über politische Vorteile, die so evident sind, daß es überflüssig ist, sie auch nur anzu deuten, lassen es als erstrebenswert erscheinen, dem anglo-französtschen Prädominium an der ganzen asiatischen Küste ein Ziel gesetzt zu sehen. Dieser Einfluß wird gebrochen, weil sich ein Volk voller Zukunft, mit dem uns Harmonie durch den wiederbelebenden Geist und die Grundidee unserer nationalen Psychologie und unseres Risorgimentos verbindet, dom Mittelmeer nähert. Hat nicht vielleicht einer der Klassiker des Zionismus, Moses Heß, in seinem Buch, dessen Titel: „Rom und Jerusalem" schon ein Programm an sich ist, bereits die Annäherung Israels an das dritte Italien als gute Vorbedeutung angesehen, wie es vor ihm Giuseppe Mazzini getan?" Es ist nun an den Juden, die landwirtschaftlichen Kolonien im Schatten des Tempels von Jerusalem durch europäische Methoden mit Ueberlegenheit zu bewirtschaften. Hoffentlich beweisen sie, daß sich ihre Veranlagung zum Ackörbau und zur Viehaufzucht wohl eignet, wenn man ihnen die Wege dazu offen läßt, daß nur ihre jahrhundertelange Ausschließung von Gewerben, die sie früher unfraglich ausgeübt, sie auch dem Pfluge entführt hat. „Und Isaak säete in dem Lande und kriegte desselben Jahres hundertfältig,,denn der Herr segnete ihn." Dergleichen Bibelstellen, welche jüdische Leistungsfähigkeit im agrarischen Gebiet beweisen, mehr zu finden, wäre eine Kleinigkeit. Margarete Marasse. Interellante Lkbensermnerungkn. Von Regina Reißer (Breslau). II. 3n dem vor uns liegenden zweiten Bande der Auszeichnungen des Freiherrn Hermann v. EckardsteinJ finden Juden und Judenstänunlinge nur vorübergehend Erwähnung, so der Generaldirektor Albert Ballin, der russische Finanzagent' Rothstein, der als Vermittler dec russischen Anleihe um die Wende des Jahrhunderts wiederholt in Berlin und London weilte und den Baron Alfred v. Rothschild als „Chuzpe ponem“ bezeichne te. Unentwegt hat dieser mit lebhaftestem Interesse jederzeit die Gestaltung der Beziehungen Englands zu Deutschland verfolgt und sich über jede, auch die kleinste Wendung, welche eine Besserung der Beziehungen I Lebenserinnerungen und politische Denkwürdigkeiten von Hermann Freiherrn v. Eckardstein. Bd. II. Verlag von Paul List, Leipzig. (Siehe Nummer 18 dieses Jahrganges.) dokumentierite, aufrichtig gefreut. Bismarck hat stets ein englischdeutsches Bündnis angestrebt; daß er es nicht haben konnte, machte ihn in. den letzten Jahren seines Lebens oft aufgebrächt gegen England. In-Anerkennung, daß Alfred Rothschild stets so bedacht aus die Erhaltung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Deutschland und England war, hat Wilhelm II. im Frühling 1900 als Beweis der Wertschätzung seiner fortgesetzten Bemühungen im Interesse der Freundschaft beider Länder ihm aus Veranlassung des Barons Eckardstein sein Bild mit eigenhändiger Unterschrift gesandt. Alfred v. Rothschild hatte eine ganz besondere Abneigung gegen Rußland und alles Russische, nicht zuletzt wegen der barbarischen Methoden, welche die russischen Behörden den Juden gegenüber anwandten. Während die verwandtschaftlichen Beziehungen Wilhelms II. zur englischen Königsfamilie beim Tode der Königin Viktoria (22. Januar 1901) in herzlichster Weise zum Ausdruck gelangten, waren kurz darauf die Ereignisse eingetreten, die den Kern und Ausgangspunkt der Einkreisung Deutschlands und den Weltkrieg vorbereiteten. Fraglos bildete der Frühling 1901 einen der bedeutendsten Wendepunkte der Weltgeschichte, in dem die in dieser Zeit gepflogenen Bündnisverhandlungen mit England und Japan an der Ziellosigkeit der deutschen Politik scheiterten. König Eduard VH. sprach wiederholt von den „Bocksprüngen" Wilhelms II. und Baron Eckardstein von dem „Narrenparadies" in Berlin. Auch Alfred v. Rothschild und seine Brüder erschienen in jener Zeit wieder äußerst besorgt wegen gewisser Aeußerungen Wilhelms II., die einige englische Minister erfahren und verletzt hatten, und diese hätten ihuen gesagt, auf den Kaiser und die Politik Bülows sei kein Verlaß wegen ihrer alten Liebäugeleien mit Rußland. König Eduard, der noch kurz zuvor Baron Eckardstein versicherte, er habe stets die größte Sympathie für Deutschland gehabt und sei tatsächlich noch jetzt der Ansicht, daß Deutschland und England die natürlichsten Bundesgenossen wären und zusammen den allgemeinen Weltfrieden dauernd erhalten könnten, war nun mißtrauisch geworden; sein Mißtrauen zu zerstreuen, gelang nicht mehr, und bald schien jede Aussicht aus Erfolg der Verhandlungen zu schwinden. Alle, welche seit Jahren an dem Zustandekommen eines Bündnisses zwischen Deutschland und England gearbeitet hatten, waren sehr traurig über den Verlauf der Verhandlungen, insbesondere Baron Alfred v. Rvthschild, der am 14. Juni 1901 die Aussichtslosigkeit der in Berlin stattfindenden Besprechungen sehr treffend bezeichnete, indem er unter anderem sagte: „Ihre Verhandlungen im März und April waren „tacheles"2), was jetzt noch geschieht, ist aber nur „Zehadbessehinus"* 8). Noch einmal sollte sich, wenige Wochen später, im Juli 1901, eine günstige Gelegenheit zwischen Deutschland und England bieten, aber sehr kurz sollte auch dieser schöne Traum dauern, denn in ihrer grenzenlosen Verblendung verpaßte die deutsche Negierung auch diese Gelegenheit.' Alfred v. Rothschild, welcher in bezug aus die deutschenglischen Beziehungen immer besorgter wurde, äußerte seine, wie er ausdrücklich betonte, „durchaus nur privaten Gefühle", in einem langen Briese an Baron Eckardstein, von dessen Inhalt dieser wenige Tage später in Berlin den Kaiser und den Reichskanzler verständigte. Am 13. Oktober 1902 schreibt Baron Eckardstein von einer Unterredung mit König Eduard: „An der Art und Weise, wie der König über die rumänische Jud-ensrage sprach, gewann ich den Eindruck, daß derselbe sich weit mehr für sie interessiere als das Kabinett." (Baron Eckardstein berichtet auch, daß er bei. König Eduard VII. Zigarren geraucht habe, die dieser von seinem Freunde Rüben Sassoon zürn Geschenk erhalten hatte.) Kurze Zeit daraus, zu Ende des Jahres 1902, nahm Baron Eckardstein seinen Abschied als Botschaftsrat, entfaltete jedoch, noch eine Reihe von Jahren, um seinem Vaterlande zu dienen und zu nützen, eine lebhafte politische Tätigkeit und weilte noch oft in London. Seine warnende Stimme verhallte jedoch ungehört in Berlin und erweckte dort nur Gereiztheit und Verstimmung gegen ihn. Wir müssen uns leider in Anbetracht des knappen uns zur Verfügung stehenden Raumes versagen, näher aus den Inhalt dieses hochbedeutenden politischen Werkes einzugehen, und empfehlen dessen zweiten Band angelegentlichst ernsten denkenden Lesern und Leserinnen als wertvollen Beitrag zur Vorgeschichte des Weltkrieges. 2) Ernstliche geschäftliche Verabredung. 8) Ein bedeutungsloses Geschwätz.

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