Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 28 (23.7.1920)
- Date
- 1920-07-23
- Page
- Seite 319 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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319der Jchuda Halevi groß geworden ist. Sie unterscheidet nach den Gedichten die verschiedenen Wasen seines Lebens, seiner inneren Wandlungen, seiner Erfolge und Enttäuschungen und zeigt uns so den ganzen Mann. Das Leben Jehuda Halevis wird erst jetzt dasrichtige Verständnis finden.. Sehr oft wird in unseren Kreisen über den Mangel an Geschenkb-üchern geklagt. Emil Cohn hat uns in seinem Jehuda Halevi ein Werk geschenkt, das nach Inhalt und Ausstattung gleich ausgezeichnet und der weitesten Verbreitung würdig ist. I. Elbogen. Lur Geschichte des Lionismus. s kommt häufig genug vor, daß sich Versprechungen scheinbarer llnmöglichkeiten mit verblüffender Geschwindigkeit erfüllen. So die Bewegung, die man — wohl nach dem Worte des Psalters: „Ach daß die Hilfe aus Zion über Israel käme, und der Herr sein gefangen Volk erlösete!" Zionismus zu nennen pflegt, die erst als Utopie, nun' als festumrissenes Wirtschaftsgebiet vor der politisch denkenden Menschheit steht. Diele der Schwierigkeiten, welche der jüdischen Einwanderung und Ansiedelung in Palästina gegenüberstanden, sind durch die Konferenz von San Remo, durch die Beschlüsse vom 24. April 1920 überwunden, der Gründling eines jüdischnationalen Staates in dem Lande, das geschichtliche U-eberlieferung als der Israeliten Ur-Heimat kennzeichnet, steht von Seiten der alliierten Mächte nichts mehr im Wege. Damit wäre das Ziel des Mannes, den man als den Begründer des Zionismus anzusprechen gewohnt ist, des Dr. Theodor Herzl, geboren am 2. Mai 1860, zu Budapest, gestorben schon am 3. Juli 1904, nahezu erreicht. Ohne religiöse Polemik auch nur zu streifen, möchte ich dieser Entwicklung und ihren Konsequenzen einige Worte weihen, anknüpfend an eine im Jahre 1917 in Paris erschienene, jetzt ins Italienische übertragene und allgemein anerkannte Biographie Herzls von Baruch Hagani. Das Buch, von einem klaren Geist geschrieben, bezeichnet den Gedanken, die führenden Völker der Erde würden jemals die Stimme der hebräischen Nation, welche Aspirationen ans das Land der Väter erhebt, auch nur anhören, den „Irrtum Herzls". Mit diesem Ausdruck -begeht der Verfasser nun selbst einen nicht mehr bestreitbaren Irrtum. Warmherzig verfolgt er den steinigen Weg seines Helden. Auf dem Gipfel, wo jener aus unbegrenztem Horizont sein Ideal aufsteigen sieht, angelangt, ruft er aus: „Du bist ein Visionär, hüte dich, daß dich die Menschen nicht steinigen!" Blind für das Gottgeschenk des Prophetentums war die Welt noch immer, ist dies entschuldbar, so rückt die Gäbe des Auserwählten in lim so helleres Licht. Das Datum der Geburt des Zionismus läßt sich mit Sicherheit feststellen. Als die Affäre Drehfuß nicht nur die Juden Europas, sondern jeden rein und selbstständig Denkenden mit Bitterkeit erfüllte, war Herzl Korrespondent -der „Neuen Freien Presse" in Paris. Er hatte der tragischen Szene der Degradation beigewohnt, hatte den furchtbaren Schrei, der am Gitter der Militärschule Angesammelten: „Tod den Juden!" mit angehört. Und das alles nicht auf dem Boden des barbarischen Rußlands, nein, im Lande der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, das zuerst im XVIII. Jahrhundert, früher als die anderen Völker, die diesem guten Beispiel folgten, für die Emanzipation der Juden eingetreten war! In seinem unter diesen Eindrücken entstandenen Buche vom jüdischen Staat (1896), wies Herzl nach, daß der Antisemitismus nur dazu beigetragen habe, den Partikularismus der Juden zu stärken, ihr völkisches Bewußtsein zu erwecken. Sein radikales Heilmittel für die durch Fanatismus geschaffene Notlage der Verfolgten, liegt in dem -prägnanten Wort: „Die Unterdrückung hat ans uns eine durch ihre Homogenität erkennbare geschichtliche Gruppe gemacht. Ob wir cs wollen oder nicht, wir sind zu einem Volke geworden, zu einer Volkseinheit. Man gebe diesem Volke die Souveränität'über ein bestimmtes, seinen Bedürfnissen entsprechendes Territorium und seine Frage ist gelöst." Mit diesem von der Geschichte vorgezeichneten Lande meinte Herzl selbstverständlich Palästina. Er begnügte sich nicht mit dem Kampfmittel des gedruckten Wortes, er huldigte einer leidenschaftlichen, dabei höchst intelligenten Propaganda zur Umwandlung seiner Grundsätze in tatsächliche Errungenschaften. Nichts ließ er unversucht, um die Türkei zur Schöpfung eines jüdischen Schutzstaates im heiligen Lande ,nt bewegen. Von Kaiser Wilhelm zum Sultan, von Papst Pins X. zu Victor Emanuel III. flog sein Plan der Wiederbelebung eines biblischen Gedankens. Er war auf gutem Wege, doch allzu früh wurde dieser auch phhsisch ungewöhnlich schöne Mensch, dessen Plastisches Lebensbild schon der bekannte englische Schriftsteller, Israel Zangwill, vor uns erstehen läßt, vom Tode gefällt. Damals machte der Zionismus -eine Krisis der Erschlaffung und der Disorientierung durch, erst der Krieg führte zur Erneuerung und Vertiefung einer Bewegung, die, ob man sie -dulden möchte oder nicht, heute von einbr immer wachsenden Mehrheit enthusiastisch gepriesen wird. Am 2. November 1917 sandte Lord Balfour, englischer Minister des Auswärtigen, im Namen des Kabinetts den Führern der Zionisten die folgende Erklärung: „Die Regierung Seiner Majestät steht der Einrichtung einer Heimstätte (national home) für das jüdische Volk in Palästina mit Wohlwollen gegenüber, zur Erreichung dieses Zieles wird sie ihr Bestes tun. Wohl zu verstehen, es wird nichts geschehen, was den bürgerlichen und religiösen Rechten der in Palästina bestehenden, nicht israelitischen Gemeinden, noch den Rechten und politischen Bedingungen, derer sich die Inden in anderen Ländern zu erfreuen haben, znm Nachteil -gereichen könnte!" Dieser Erklärung schlossen sich Amerika und Italien sofort, Frankreich nur zögernd und weniger willig -an. Widersprüche, welche sich nicht nur von Seiten unheilbarer Antisemiten und beunruhigter Katholiken, sondern -auch von vielen in allen Ländern assimilierten Inden geltend machten, wurden in der Konferenz von San Remo durch folgende Beschlüsse beseitigt: „Der höchste Rat hat Groß-Britaannien das Mandat über Palästina übertragen, England und Frankreich gemeinsam wurde das Problem der Grenzregulierung zur Lösung zugesprochen. Das Statut,-welches England für Palästina auszuarbeiten hat, soll die Richtschnur für -die Konstitution eines nationalen Sitzes der Juden, den Erklärungen Bälfonrs gemäß, spezifizieren. Der Schutz der verschiedenen religiösen Gemeinschaften, den früher Frankreich ausübte, soll jetzt den Konsulaten der respektiv-en Gemeinden anvertraut werden. Die Frage des Schutzes der heiligen Stätten, soll so bald als möglich gelöst werden." Für die Lebensfähigkeit des Gedankens setzt sich -Sir Herbert Samuel, eine der eminentesten Persönlichkeiten der liberale» Partei in England, trotz seines Judentums vormals Postminister und Minister des Innern, ein. Er wurde von der Regierung zum Oberkommissar in Palästina ernannt und ist auch schon zur Uebernahme seknes neuen Amtes vor kurzem in Palästina eingetroffen.