Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 28 (23.7.1920)
- Date
- 1920-07-23
- Page
- Seite 318 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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318 gelischen ReLigionslehrerversammlunsi dvch für Beibehaltung des Alten Testaments sich ansgesprvchen hat, läßt den Schluß zu, daß in Volksschullehrerkreisen der Antisemitismus nicht so Eingang gefunden hat wie bei den akademisch gebildeten Oberlehrern. Vielleicht werden auch diese einst zu -der Erkenntnis kommen, die Schiller in seiner „Sendung Moses" zum Ausdruck bringt: „Ja, in einem gewissen Sinne ist es unwiderleglich wahr, daß wir der mosaischen Religion einen großen Teil der Aufklärung danken, deren wir uns heutigen Tages erfreuen." Jehuda ihaleoi'). n einer Zeit, da Zion zu neuem Glanze erstehen soll. \ mußte auch der Sänger des Zionsliedes aus tausendjährigem Schlummer erweckt werden. Und fürwahr, es ist ihm Leben und Seele eingehaucht worden! Jehuda Halevi ist in solcher Schönheit erstanden, daß seine Gestalt uns vertraut erscheint, als wären wir immer ihm nahe gewesen. Nach den Proben seiner Uebertragungskunst, die Rabbiner Dr. Emil Cohn in Bonn — denn er ist es, der sich hinter dem in kindlicher Pietät gewählten Pseudonym verbirgt — ab und zu veröffentlichte, durften wir Gutes erwarten, und loir haben Vortreffliches erhalten. „Nach zwölfjähriger, immer wieder neu ausgenommener Arbeit läßt der Uebersetzer diesen Diwan erscheinen. Die hier gebotenen Uebertragungen sind ursprünglich mehr oder weniger freie Nachdichtungen gewesen. Erst allmählich erwachte in dem Uebersetzer das Interesse, diesem Sänger selbst zum Rechte zu verhelfen." Was wir erhalten, ist keine gekünstelte Uebersetzung; dieser Uebertragung ist der Vorzug geblieben, den künstlerische Versenkung in den Dichter, an feinem Verständnis der hebräisch-arabischen und der deutschen Poesie orientiertes Nachschaffen ihr verleihen. Der Leser erkennt rasch, daß hier einer, der selbst Dichter ist, in markiger, bildhafter Sprache mit poetischem Schwung den Autor verdeutlicht. So gewinnen wir den alten Jehuda Halevi in neuem Gewände zu festem Besitz wieder. Die Auswahl der Dichtungen zielt daraus, „den Dichter in seinem ganzen Können zu zeigen, aber alle Wiederholung des nach der Sitte orientalischer Barden sich nur zu oft Wiederholenden möglichst zu vermeiden". In acht Abteilungen (I. Gott, II. Israel, III. Liebe, IV. Freundschaft, V. Leben, Leiden, Dichten, VI. Zion, VII. Das Meer, VIII. Letzte Tage) werden mehr als 100 Gedichte wiedergegeben. Den Intentionen des Dichters geschieht stets Gerechtigkeit, alle Nuancen des Gesamtbildes vom Dichter sind herausgearbeitet, die Uebertragung entspricht überall dem Inhalt, ist abgetönt nach der ©timmuucj, die Jehuda Halevi selbst zum Ausdruck bringen wollte. Wir hören die ruhige Stimme des sicheren Gottvertrauens: Gottes Hand wird dich beschatten, Wird dir Decke sein und Hülle, Wenn in Redlichkeit und Stille Du dich birgst in seinem Schatten. Nimmer wird dein Fuß ermatten. Deine Hand bleibt stark hienieden; Suche, Seele, nur den Frieden, Frieden wird er dir erftatten. (S. 19.) *) Jehuda Halevi, ein Diwan, übertragen und mit einem Lebensbild versehen von Emil Bernhard. Berlin, Erich Reiß. 165 Seiten. 8°. Anders klingt das Schelmenlied des leidenschaftlich Verliebten: Ich wiegt' auf dem Schoße Den Liebsten so schön, Da sah er sein Bildchen Im Auge mir stehn. Der Schelm! - Sieh, da küßt er Mein Auge so wild: Mein Auge nicht küßt' er. Er küßte sein Bild. (S. 52.) Und wieder einen anderen Ton läßt uns der Galgenhumor des fröhlichen Zechers vernehmen: Seh' ich, wie Narren Sich glücklich preisen, Seh' ich die, Weisen Hungern und harren: — Schnell möcht' ich laufen, Den Verstand versaufen! (S. 99.) Am vortrefflichsten zeigt die Kirnst des Verfassers sich in der Wiedergabe des „Seesturm", in dessen verschiedenen Abteilungen die Schilderungen so sehr wechseln. Wie in den Sätzen eines großen musikalischen Kunstwerkes ist die Stimmung der einzelnen Gedichte verschieden. Nach dem getragenen Ausblick aus Gottes Allmacht finden wir die Schilderung des tobenden Meeres: Wie donnernde Räder rasen die Wogen In mächtigem Sturz übers brausende Meer, Es finstert der Himmel, von Wolken umzogen, Es schäumen die Fluten dahin und daher.. Wie sticht davon der Spott über die hilflosen Seeleute ab! Armer Schiffsherr, Steuermann, schlechter, Dumme Ruderer, blinde Wächter, Wo, wo ist nun euer Mut? Trunken tanzt das Schiff im Winde Und verschleudert an die Gründe Alle euch als feiles Gut. Und wieder wendet sich das Auge zum Himmel: Laß mich ans Schilfmeer denken Und träumen immerzu, Laß mich die Sehnsucht senken Im Liede nun zur Ruh! Und endlich schließt das Gedicht mit dem Dank und dem frohen Ausblick auf Israels Zukunft: Du wildbewegtes Volk der Wahl, Dil gleichst dem Schiff in Sturmesnot, Doch naht gewiß auch dir einmal Das liederweckende Gebot: Heraus, heraus aus finstrer Nacht, O liebes Kind, zum Sonnenfir'n, Sieh, Gottes himmelhohe Pracht Strahlt herrlich über deiner Stirn. <S. 115 ff.) Wir müssen es uns versagen, an dieser Stelle mehr Proben zu geben, und verweisen nur noch auf die Uebertragung von Jehuda Halevis Meisterwerk, dem „Zionsliede", das aus Anlaß der Wiederkehr des 9. Ab an anderer Stelle des Blattes zum Abdruck gebracht ist. Zum ersten Male unternimmt es der Verfasser auch, Jehuda Halevis Dichtung zu einer Darstellung seines Lebens zu verwerten. Was wir bisher hatten, war nur eine Zusammenstellung der äußeren Lebensschicksale. Hier lernen wir zum ersten Male den Menschen in seiner Entwicklung, in seinem Erleben und Schaffen kennen. Die kurze Skizze am Ende (Seite 129 ff.) zeichnet meisterhaft in aller Kürze ein Bild des mohammedanischen Spanien und der Umgebung, in