Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 28 (23.7.1920)
- Date
- 1920-07-23
- Page
- Seite 317 (sequence 5)
- Language
- German
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317 statteten, mit folgenden Worten gewandt: Ich rate euch, mit den Juden in Frieden und Brüderlichkeit zu leben. Nehmt euch ein Beispiel an Smyrna, in welcher Stadt ich mehrere Jahre verbrachte, wo dank dem Verhältnis und Zusammenleben der griechischen und jüdischen Gemeinde beide zur Blüte kamen. * Amerika. Anläßlich der Graduierung von Rabbinern und Lehrern im jüdischen theologischen Seminar, bekannt unter dem Namen „Schechters Seminar", beklagte sich Louis Marshall über -die Vernachlässigung der jüdischen Kindererziehung, in Amerika. Die amerikanischen Juden zeigten sich in den letzten Jahren ziemlich großmütiggegenüber den Leiden ihrer europäischen Brüder, haben aber absolut nichts in ihrer Heimat für ihre eigenen Kinder, getan. Von 300 000 jüdischen schulpflichtigen. Kindern erhalten bloß 15 Prozent jüdische Erziehung, und zwar nicht etwa weil sie nicht hebräisch und Religion lernen wollen, sondern weil dazu einfach die Gelegenheit fehlt. Jüdische Erziehungsanstalten wie auch Lehrerseminare seien notwendig. Man müsse auch Aufmerksamkeit den mehr als 14 Jahre alten Kindern schenken, die in die „Doung Men's Christian Association" . und „Ioung Women's Christian Association" einzudringen trachten und Lärm schlagen, 'wenn sie nicht aufgenommen worden. Es sei also besonders nötig, die „Poung Men's Hebrew Association" und die „Ioung Women's Hebrew Association" zu „verjüdischen", damit unsere Jugend dort die passende jüdische Atmosphäre finde. Es dürfe nicht mehr Vorkommen, daß dort Diskussionen stattsinden über die Frage, ob Mischehen wünschenswert sind. Konstruktive Arbeit müsse jetzt auch in der Heimat, in Amerika, geleistet werden. Das Dlte Tettsmrnt im koanselllchen Seligionsunterricht. 2km S. Rot h f ch i -l b (Worms a. Rh.). s ist nicht erst seit heute, daß innerhalb der theologischen und Pädagogischen christlichen Kreise die Frage behandelt wird, ob man dem Alten Testament im Religionsunterricht eine so breite Grundlage gewähren soll, wie dies tatsächlich der Fall ist. Es sind vielleicht zehn Jahre her, daß der Bremer Lehrerverein sich in einer Denkschrift an die Oberschulbehövde gewandt und eine gänzliche Entfernung des Religionsunterrichts aus der Volksschule nachgesucht hatte, und nicht lange nachher hat ein Pfarrer in der „Allgemeinen Deutschen Lehrerzeitung", damals eine der hervorragendsten pädagogischen Zeitungen, einen Aussatz veröffentlicht, in dem er sich rückhaltlos für Entfernung der biblischen Geschichte des Mten Testaments aus dem christlichen Religionsunterricht aussprach, unid zwar deswegen, weil die Jugend dadurch entsittlicht werde. Die Feder sträubt sich, die Eigenschaften nioderzuschreiben, mit denen er einzelne biblische Gestalten belegte. Es fehlte allerdings auch nicht an Stimmen, welche einen anderen Standpunkt vertraten; ich nenne nur den Giehener Professor Gunkel und Otto Ernst in seinem „Asmus Sempers Hugendland". Die Zeiten haben sich für den Religionsunterricht im allgemeinen nicht günstiger gestaltet, nicht während des Krieges und erst recht nicht nach der Revolution. Wenn es auch nicht zur Entfernung des Religionsunterrichts aus der Schule gekommen ist, so ist es doch den christlichen Lehrern sreigegeben, ob sie Religionsunterricht erteilen wollen oder nicht, und wirklich hat in Hessen eine Anzahl Lehrer mit dem Religionsunterrichtsstreik gedroht, falls ihre berechtigten Gehaltsansprüche nicht befriedigt würden. Dazu kommt noch der schrecklich wie noch nie anrückende Antisemitismus, der alles, was an Jaden und Judentum erinnert, also auch das Alte Testament, ganz entschieden ablehyt. Und wenn man sieht, wie der Antisemitismus arbeitet, wie er sein Gift in alle Kreise leitet, dann ist's wirklich zu verwundern, wenn aufrechtstehende Männer noch den Mut haben, in solchen alles verneinenden und antisemitischen Kreisen ihre gegenteilige Ueberzeugung offen zum Ausdruck zu bringen. Ueber die herrschenden Strömungen belehrt eine Versammlung, die die Freie Vereinigung evangelischer Lehrer und Lehrerinnen Hessens abgchalten hat ttnftüber die ich nach dem „Schulboten für Heffen" das Wesentliche hier mitteilen möchte. Lehrer Ger mann hielt einen Vortrag über: „Die Stellung des Alten Testaments im Religionsunterricht". Der Vortragende verbreitete sich zunächst über die Aufgabe des Religionsunterrichts sowie über das Wesen der Religion. Sodann ging er an die Lösung der ihm gestellten besonderen Aufgaben heran. Nach längeren Ausführungen kam er zu dem Schluß, daß das Alte Testament nicht mehr in der Art und in dem Umfange in den Kreis der Betrachtungen gerückt werden dürfe wie seither. Wohl sei es möglich, ja, nötig, Stücke aus demselben zur Belebung und Vertiefung des nentestamentlichen Geistes im christlichen Religionsunterricht zu verwenden. Gälte es aber dem Christentum, dann solle man ohne Umschweife unmittelbar in seinen Reichtum einführen. Die Person Jesu müß im Mittelpunkt des christlichen Religionsunterrichts stehen, ufw. Eine völlige Gleichstellung des Alten und Neuen Testaments stelle sich aber der Erreichung dieses Zieles hindernd in den Weg. Von verschiedenen Seiten wurde eingeworfen, daß der Redner zu stark den Unterschied zwischen jüdischer und christlicher Religion, den Gegensatz zwischen jüdischem und christlichem Geiste betont habe, denn der christliche Glaube habe sich doch aus dem jüdischen entwickelt. Auch Christus und Paulus weisen immer auf das Alte Testament hin, denn es ist ein vorzügliches Anschauungsmaterial für das Neue Testament. Es ist darum in der jüdischen und christlichen Auffassung keine so große Spannung zu sehen, sondern eine Ergänzung und Weiterentwicklung. In jeder Religion sind Gestalten, die nach Gott suchen, doch am meisten bei der jüdischen; darum ist es das ausevwählte Volk. Auch andere Völker sind durch besondere Gaben auserwählt, das jüdische Volk aus religiösem Gebiete. Darum sollen wir den altjüdischen Geist auf die Kinder wirken lassen. Unübertrefflich ist, was die Propheten und Psalmendichter an religiösem Empfinden zum Ausdruck gebracht haben, und es hat stets auf die Menschen tiefe Wirkung ausgeübt, da8 sehen wir an unseren Dichtern. Natürlich muß Christus in jeden Religionsunterricht hineinragen. Der Redner hatte auch betont, daß viele Erzählungen des Alten Testaments zur Kritik herausfordern und daß im Religionsunterricht keine Kritik geübt werden dürfe. Es wurde ihm entgegengehalten, daß es niemand verwehrt ist, die Gestalten des Alten Testaments von dem hohen Standpunkt des Christentums aus zu kritisieren, gerade diese Kritik führt ja zur Erkenntnis des Christentums. Um die Kritik kommen wir nicht herum, denn auch das Leben übt bei den Kindern Kritik. Es gibt Zweifler in Mittel- und Oberklassen, da muß man vor einer Kritik aiu rechten Platz nicht ängstlich zurückschrecken. Zugestimmt wurde dem Redner von anderer Seite, wenn er eine Beschränkung des Stoffes verlange. Bei dem ganzen Meinungsaustausch zeigte sich, daß trotz der verschiedenen Ansichten alle darin einig waren, daß das- Alte Testament im evangelischen Religionsunterricht nicht entbehrt werden könne. So weit die Auslassungen der genannten Zeitschrift. Vor allem berührt es angenehm, daß in der Versammlung über den Ausdruck das „auserwählte Volk" nicht in der gewöhnlich spöttischen, sondern in sachgemäßer Weise, gesprochen wurde. Me Entfernung des Alten Testaments ausdem evangelischen Religionsunterricht ist meistens eine Forderung des Antisemitismus. Der Umstand, daß die Majorität dieser evan-