Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 28 (23.7.1920)
- Date
- 1920-07-23
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
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Im zweiten Abschnitt über 'die >S i n a i o f f e n b a r u n g sucht D. immer an der Hand der Ergebnisse der negativen Bibelkritik und ihrer Betrugshypolhesen eine Reihe großer „Täuschungen" nachzuweisen, wodurch das Alte Testament den „leichtgläubigen Bibelleser" hinter das Licht führe. Der Hauptgedanke dieses Kapitels (S. 77 ff.) und schließlich des ganzen Buches ist die Scheidung zwischen Jahwe, dem Gott des Alten Testaments und des jüdischen Volkes, uno „Gott", dem Weltschöpfer und Herrn. Der Gott des Alten Testaments habe also mit unserem christlichen Gott schlechterdings nichts zu tun, ja es sei die allergrößte Täuschung — ursprünglich Selbsttäuschung —, daß die israelitischen Geschichtschreiber ihren Gott Jahwe mit dem lebendigen Gott identifiziert haben! Das sei ein Irrglaube sondergleichen, der heute noch ungezählte Millionen gefangen halte und gröblich irreführe. Deo Hebräergott Jahwe sei weiter nichts gewesen als ein „Spezialgott", ein bloßer „Nationa.lgvtt" Israels. Davon ist so viel richtig, daß der Gott des Alten Testaments neben seiner von Anfang an vorhandenen universalen Bedeutung von einem gewissen Zeitpunkt ab zum Volke Israel in engere Beziehungen getreten war (Bundesgott — Bunde svvlk) und daß mau ihn deshalb in gewissem Sinne auch als Nationalgott Israels bezeichnen kann. Manche Bolkskreise in Israel, die das Rationale fast ausschließlich betonten, haben sich von dieser Beschränkung schwer ganz losmachen können. Die SBinbiwcj Jahwes an ein Volk lag im göttlichen Heilsplan, der in harten Kämpfen dieses eine Volk zu immer tieferer Gotteserkenntnis führen wollte, um durch dieses allen Völkern das Heil zu bringen. Diese universalen Gedanken liegen dein ganzen Alten Testament zugrunde, und die Besten Israels waren immer von dieser weltgeschichtlichen Aufgabe ihres Volkes überzeugt. Es ist ganz irreführend, wenn D. behauptet, daß im Alten Testament alle Nationen mit Ausnahme des Volkes Israel „von Gott aus' geschlossen" seien. Die anderen Völker sollten gerade büre!) Israel zum wahren Gott geführt werden. Im dritte n 2t b s ch n i 1 t seines Buches., in der Beurteilung der israelitischen Propheten, deren selbstloses sittliches Wirken doch allgemein anerkannt zu werden pflegt, macht sich die Voreiugenmnmenheit des Verfassers in besonders greifbarer Weise geltend Die Propheten „trieben Unfug mit der vermeintlichen Inspirierung durch Gott", er wirft ihnen „tendenziöse prophetische Macho" vor; sie sind ihm „sinnlos verbrecherisch handelnde religiöse Fanatiker". Voll herrschsüchtigen Geistes Hütten sie „den Willen zu schrankenloser Macht" gehabt. Wer soll denn so ein Machtmensch gewesen sein, etwa der schüchterne Jeremias oder der einfache Schafhirt Arnos aus Thekoa? Die Propheten, so werden wir weiter belehrt, hätten es meisterhaft verstanden, Volk und Könige „ausschließlich ihrem Willen gefügig zu machen"; sie sind „blind-fanatische Demagogen, die selbst von Königsmord nicht zur äcksch recken"; ihre unaufhörliche (Ein- Mischung in die Politik habe wesentlich dazu 'beigetragen, „daß der Staat Juda wie der Staat Israel als die verlottertsten Staatswesen bezeichnet werden können, die jemals auf Erden existierten". S. 85 ff. bringt es D. sogar fertig, die Ausrottung des israelitischen Königs Joram, der Königinmutter und des ganzen Königshauses durch den General Zehn dem „Blutdurst" des Propheten Elisäus aufzubürden, und die ganze Revolution, die eine Heeresrevolte war, „einzig und allein auf das Konto des Elisäus und seines Kreises zu schreiben". Das Gesagte mag genügen, um Inhalt und Tendenz dieser Schrift zu kennzeichnend Jede Seite zeigt den Haß gegen das Alte Testament, seinen Gott und das israelitisch-jüdische Volk. . Man glaubt den aufgeregten Verfasser vor sich zu sehen, wie er es mit zornbebender Stimme hinausschreit in alle Welt: Nichts als Täuschung ist euer Altes Testament, an das ihr glaubt! Er kennt keinen anderen Maßstab für das Buch des Alten Bundes und seine Religion als die Keule des Zerstörers. Er versetzt sich nicht, wie es die erste Aufgabe des Historikers ist, in die Auffassung des biblischen Altertums, um das Ewige und Religiös-Wertvolle von dem zeitgeschichtlich und kulturgeschichtlich Bedingten zu trennen. Er urteilt überall vom Standpunkte des heutigen Skeptikers, der seine Maßstäbe als die allein gültigen für alle Zeiten ansieht. Nachdem D. noch 1904 in seinem Vortrag Babel und Bibel, ein Rückblick und Ausblick, S. 57, gesagt hatte: „An echt goldenen Sprüchen voll religiöser Tiefe und sittlichen Ernstes und kostbarer Lebensweisheit verbleibt dem alttestamentlichen Schrifttum immer noch ein großer und wertvoller Schatz," findet er 1920 in ihm nur noch einige, wenn auch „zum Teil sehr späte Lichtblicke (!), welche „unserem christlichen Religionsbuche.angegliedert zu werden" verdienten." - ■ '; '; Nachdem D. auf diese Weise das Alte Testament abgetan zu haben glaubt/ schreitet er in einer Schlußbetrachtung zu positiven Vorschlägen. Das ganze Alte Testament von Genesis bis Daniel hätte „in religiöser Beziehung für uns Jetztlebenden, insbesondere für uns Christen, schlechterdings keine Bedeutung". Dasselbe gelte für die poetischen Bücher und die Psalmen, obwohl es in beiden „vereinzelte, zumeist jüngerer und jüngster Zeit ungehörige Stellen gebe, welche wahrhaft religiösen Geist atmen". Das Alte Testament sei für die christliche Kirche Und damit auch für die christliche Familie vollkommen -entbehrlich, selbst die zehn Gebote seien für die Schüler nicht ohne Bedenken. An Stelle des Alten Testaments empfiehlt dann D. dem deutschen Volke Schwa ners Germanen-Bibel mit Aussprüchen deutscher Geistesheroen über Gott und Jenseits, etwa Goethes, Schillers, Bismarcks u. a. Wie wirklichkeitsfremd der Verfasser ist, sieht man am besten daraus, daß er feststellt, das Alte Testament habe „für uns Christen" schlechterdings keine religiöse Bedeutung mehr, während zu gleicher Zeit dieses Alte Testament und namentlich die Propheten und Psalmen in der Liturgie aller christlichen Kirchen wie in der Privatandacht der Gläubigen eine geradezu überragende Stelle einnehmen, immer eingenommen haben und stets einnehmen werden, solange es eine christliche Kirche gibt. Es ist gewiß gut, das Andenken der nationalen Heroen unseres Volkes zu pflegen, namentlich derer seiner katholischen Vergangenheit. Aber wenn bei national so lebhaft empfindenden Völkern wie den Franzosen und Polen die Pflege des Nationalgefühls ihrer Hochschätzung des Alten Testamentes als des Wortes Gottes keinen Eintrag tut, so wird auch das deutsche Volk weiter imstande sein, sich an den ehrfurchtgebietenden Gestalten der alttestalnentlicheu Patriarchen und Propheten religiös zu erbauen, auch wenn es inehr als bisher seiner eigenen großen Männer gedenkt. Tie Wissenschaft kann das Buch von D. nur grundsätzlich ablehnen. Ans Unkundige aber wird es und ums; es in hohem Grade verwirrend und zersetzend wirken. Bietet es doch anscheinend die manchen Kreisen willkommenen „wissenschaftlichen Beweise" von der Hand eines bekannten Gelehrten, wie „verrottet und verkommen" die alttestamentliche Religion und das Judentum gewesen sein soll, aus denen das Evangelium hervorgegangen ist. * Aus Zürich wird gemeldet: Der Stadtrat von Zürich hat für die aus östlichen Gebieten Zugewanderten Israeliten besondere Einbürgerungsbestimmungen festgesetzt. Sogenannte Ostjuden sollen zur Aufnahme ins Bürgerrecht nur empfohlen werden, wenn sie mindestens 15 Jahre in Zürich gewohnt und durch Beherrschung der deutschen Sprache sowie durch ihre berufliche Tätigkeit sich angepaßt und als nützliche Elemente der schweizerischen Volkswirtschaft erwiesen haben. Andere Ausländer müssen mindestens zehn Jahre in der Schweiz gewohnt haben, um das Bürgerrecht in Zürich erwerben zu können. * Ungarn vor neuen Ereignissen. Die P l ü ne der O f f i z i e r s b a n d e n. Die Wiener „^Arbeiterzeitung" veröffentlicht ans Budapest zwei Berichte über die neuen Pläne der Terroristengruppen. Danach hat am 27. Juni im Ministerium für Landesverteidigung in Budapest eine Offiziersversammlung stattgefunden, die von den berüchtigten W>e,ißterrorlsten Pronay, Hayas, Oftenburg, Gömbös und dem Generalstabsobersten Csakh -einberufen war. Vertreter aller Osfiziersorganisationen nahmen daran teil. Hayas sagte in seiner Rede u. a., daß die bisherige Regierung nichts für die Verwirklichung der christlichen Ideale geleistet habe, im Gegenteil, sie hätte mit den Juden und Sozialdemokraten verhandelt. Er sei ein Mann der Tat und werde vor keinem Mittel, selbst dem allergefährlichsten, nicht zurückschrecken, um die Verwirklichung der christlich-politischen Ideale zu erreichen. Nach, der Rede erschien Kriegsminister Sooft, ferner die Generale Demi und Berzeviczy und in Vertretung von Horty sein