Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 28 (23.7.1920)
- Date
- 1920-07-23
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Schleier von den Augen zu reißen, warum wagen sie nicht eine geschlossene Erklärung.gegen die Ausgeburten des Hasses, die Deutschland auf die Stufe der Barbarei lierabdrücken? Etwa aus Furcht? Aus Furcht vor wem? Aus Furcht vor den Juden? Was denn sollte man an uns fürchten? Macht, Einfluß, Gold. Haß? Wir wissen uns von allem frei. Wir sind die Wenigen und können niemals die Dielen beherrschen, niemals. Wir erklären feierlich, daß uns nichts ferner liegt als solches Streben, daß wir uns, trotz allen Hasses, gegen uns gerichtet, allen Hasses entschlagen gegen irgendeine Gemeinschaft unserer Umwelt. Wir lehren keinen Haß und wir hegen keinen Haß, wir geben dank unseren religiösen Lehren unfern Glauben an das Gute im Menschen nicht auf, an Anstand, Gerechtigkeit und Menschlichkeit, so schwer uns auch dieser Glaube in der Gegenwart angesichts uns drohender Gefahren gemacht wird. Wir werden nicht aufhören, der Menschenliebe und der Menschlichkeit, dem Vaterland und seinen Pflichten zu dienen. Aber von den Formen öffentlichen Lebens, wie wir sie geschaut, wenden wir uns verstimmt und gekränkt, von Ekel und Entsetzen erfüllt, ab. Wir sind zu stolz, um den Parteien als beliebter Spielball zu gelten. Wir ziehen uns lieber in vornehmer Zurückhaltung zurück, nicht, um im Schmollwinkel zu stehen und den streitenden Parteien zuzuschauen, wie es einst die gelehrten Kreise getan haben, sondern um an dem Gedanken zu arbeiten, daß es einen erbitterten Feind des Hasses gibt, dem er nicht widerstehen kann: Man lerne sich gegenseitig kennen und verstehen. Daran fehlt es. . . Mochrnlchsu. Berlin, 19. Juli. Bonntag, den 11. d. M. fand in Ost- und Westpreußen die längst erwartete Abstimmung statt. Sie ist überall ruhig und ohne Zwischenfall verlaufen -und hat für Deutschland ein überaus günstiges Ergebnis gebracht, das nicht zuletzt von den jüdischen Gemeinden in diesen Gebieten, die unter das Polnische Joch zu geraten fürchteten, mit aufrichtiger Freude und Genugtuung begrüßt wird. Die polnischen Minderheiten erwiesen sich so gering, daß die Entente beim besten Willen nicht die Möglichkeit hat, die Kautschukbestimmungen von den geographischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in Anwendung zu bringen. Wenn jetzt die Grenze festgesetzt werden soll, so kann es nur eines geben: Das 'bisherige Abstimmungsgebiet bleibt völlig beim Reiche. Aber Wer diesen deutschen Sieg hinaus ergeben sich aus der Abstimmung Lehren, die sowohl wir, wie auch die Entente -unbedingt ziehen müssen. Aus der übergroßen Majorität ergibt sich die ganze Unsinnigkeit der Bestimmungen über die östlichen Verhältnisse in Deutschland. Was hier jetzt unwiderleglich bewiesen ist, gilt auch für Soldau, das ohne Sinn von dem Mutterland abgeschnürt ist, gilt von "dem sogenannten Polnischen Korridor, der das größte Monstrum der Weltgeschichte darstellt, und auch für die schlesischen Provinzen, die ohne einen Funken von Recht vom Deutschen Reich losgerissen find. Gerade angesichts der jetzt stattgefundenen Abstimmung müssen wir von denjenigen, die das SelbMestimmungsvecht der Völker so hochgehalten wissen wollen, verlangen, daß sie sich nunmehr entschließen, auch in den Gebieten, die bisher sinn- und rechtswidrig von: Reiche gerissen worden sind, eine Volksabstimmung stattfinden zu lassen, damit auch hier erwiesen werden kann, daß das deutsche Element in diesen Gebieten weitaus in der Ueberzahl ist. * Bei dem Gemeindebund sind, wie uns berichtet wird, seit seiner letzten Mitteilung weitere grundsätzliche Zustimmungserklärungen von Gemeinden zu seinem Verfassungsentwurf und seiner Umwandlung in die Gesamtorganisationen eingegangen, fo daß die Zahl nunmehr etwa 570 betragt. Berücksichtigt man, daß bereits die orthodoxen Gemeinden im Halberstädter Bund zusammengefaßt sind und daß für die bayrischen, badischen und württembergischen Gemeinden nur ein korporativer Beitritt in Frage kommt, so stehen tu der Hauptsache nur noch die Erklärungen der Großgemeinden aus, um die Gesamtorganisation zur Wirklichkeit zu machen. In der Erwartung, daß auch die Großgemeinden sich baldigst im obigen Sinne entscheiden werden, hat der. Ausschuß des D. I. G. B. in seiner Sitzung vom 12. JE beschlossen, d e. n Ge m e i n d e t a g a u f den 17. evtl. 18. November zusa mmenz u b e rufe n. Entsprechend der von dem D. I. G. B. aus der letzten Konferenz mit den Organisationen vom 12. April in Aussicht gestellten weiteren Behandlung der Angelegenheit, wird nunmehr -sobald als möglich von dem D. I. G. B. eine Redaktionskommission zusammenberufen werden, die sich aus Vertretern der Gemeinden und der großen Organisationen zusammensetzt. Diese Kommiffion wird unter Berücksichtigung der verschiedenen, insbesondere der von den Gemeinden und den Organisationen der Oeffentlichkeit gemachten Abänderungsvorschläge die endgültige Fassung des Entwurfes, derbem Gemeindetag vorzulegen sein wird, feststellen. Der, Verfasser dieses Entwurfes wird eine entsprechende Vorlage mit ausführlicher Begründung unterbreiten. * „Die große Täuschung" von Friedrich Delitzsch hat auch in katholischen Kreisen einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. In einem längeren Artikel in der „Kölnischen Volkszeitung" bezeichnet Universitätsprofessor Dr. P. Karge (Münster) die neueste Schrift des Berliner Assyriologen F. Delitzsch als einen brutalen Angriff auf die alttestamentliche Religion, das alttestamentliche Schrifttum und das gesamte Judentum überhaupt. Nach einer längeren Einleitung zum Inhalt der Schrift übergdhend, schreibt Prof. Dr. P. Karge: Es galt für ihn ja in erster Linie, Anklagematerial zu sammeln gegen Israel und seinen Gott Jahwe, möglichst vernichtendes Anklagematerial. Mit der Miene eines Untersuchungsrichters fordert D. das Alte Testament und seinen Gott vor sein Tribunal; er ist von der Schuld seiner Angeklagten von vornherein überzeugt und sucht nur nach Beweisen, sie zu entlarven. Darum lesen wir auch beständig von „Anklagepunkten" gegen das Alte Testament, von weiteren Momenten, welche „die Anklage furchtbar erschweren", von einem „Verdikt", das über das Alte Testament ausgesprochen werden müsse, usw/ Wissenschaftlich. Neues bringt -das Buch nicht. Es stellt sich vielmehr auf den Boden der Welch ausenschen Kritik in ihrer radikalsten Form, aller sonst üblichen Beschönigungsversuche entkleidet. Nur das ist das Neue, daß die Grundanschauungen dieser kritischen Betrachtung des Alten Testaments, deren Wesen bekanntlich auf überwundenen und heute bereits völlig antiquierten religionsgeschichtlichen Anschauungen beruht, mit brutaler Deutlichkeit vorgetragen werden. Der erste Abschnitt der Schrift behandelt Israels Eindringen in das Land Palästina; es soll gezeigt werden, daß Israel Palästina nur zum kleinen Teil besessen und darum keinen Anspruch auf das gelobte Land habe. Dabei fällt das Bestreben des Verfassers auf, das einwandernde Israel in unhistorischer Weise kulturell möglichst niedrig hinzustellen, als eine schlecht bewaffnete, zu Fuß wandernde „Nomadenhorde", als eine Bande von „Räubern" und „Mördern", nur kein heiliges Volk. Immer wieder wird unter Aufwand großer moralischer Entrüstung aus die Härten der israelitischen Kriegführung hingewiesen. Der Zustand Kanaans dagegen wird hoch gepriesen; seine hochkultivierten Bewohner hatten nicht nur keine Furcht vor den Israeliten/ sie verteidigten ihr Land vielmehr mit „todesmutiger Entschljoss-nheit". Merkwürdig, daß es trotzdem diesen israelitischen „Nomadenhorden" und „Mördern" nicht nur gelungen sein soll, dieses hochentwickelte Kulturland zu erobern, ja es sogar kulturell derart in Besitz zu nehmen, daß in kurzer Zeit ein israelitisches Einheitsreich entstand, dem ganz Südsyrien untertan war.