Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 28 (23.7.1920)
- Date
- 1920-07-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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84. Jahrgang. Nr. 28 Allgemeine Berlin, 23. Juli 1920 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint oierzehntäglich. Abonnements-Preis: durch den Such. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriehssteüen) bezogen vierteljährlich 3 ITC. — Postscheckkonto 32% Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbitippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße H6-V, zu richten. Verlag von Rn-ols rNosfe, Berlin. ♦ ®er Hliß. Vvn Dr. Si 9 f r i 'd Behrens (Göttingen). — Wochenschau. — Das Alte Testament im evangelischen Religionsunterricht. Bon S. Rothschild (Worms a. Rh.). — Jehuda Halevi. Von I. Ellbogen. — Zur Geschichte des Zionismus. Von M a r g. a r e t e M a r a s s e. — Interessante Lrbenserinnerungen. Von Regina Reiß e r (Breslau). — Feuilleton: Zum 9. Ab Jehuda Halevis Zionslied. — Vaterlandsgefühl. Von S. K a tz (Gelsenkirchen). — Der Sonnenstich. [3. Fvrts.s Von L. I. Kretz. Aus dem Hebräischen frei übertragen von Albert K a tz. — Literarif che Atitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg, Breslau, Leipzig, Hamburg. Düsseldorf, Gmmendingen, Konstantinopel. — Bon Nah und Fern. Der hsh. Von Dr. Sigfrid Behrens (Göttingen), ie Welt ist des Hasies voll. Er ist groß und furchtbar. männermordend und städteerwürgend, bildungs- feindlich und kultnrhemmend. Sie glaubt, unter den Nachwehen der Kriegspsychose seufzend, er sei von männlicher, kraftvoller Art. und sie scheut sich nicht, ihn bis in seine letzten Aederchen und Fäserchen auswirken zu lassen. Sie ahnt nicht, daß sie die Flammen immer erneut entfacht, die man längst gelöscht glaubte. Sie hat kein Mitleid mit den Opfern, die an allen Enden der Erde bluten, mit den Tränen, die frauliche, mütterliche Herzen vergießen, mit tet Armut, mit dein Elend, das unfern Erdteil in längst verklungene Barbarei tauchen muß. Sie ahnt nicht, daß die Menschheit, noch aris unseligen Wunden blutend, unschuldig weiter leidet. Seit Jahr und Tag beraten die weisesten Männer über den Frieden. Noch nie hat Gewalt Länder und Völker befriedet, aus die Dauer lassen Nationen, zur Freiheit, zur Selbstbestimmung erwacht, sich nicht mit Hebeln und Schrauben Niederhalten. Die Einsicht in das geschichtliche Leven, in die wirtschaftlichen Zusammenhänge ist heute in allen Schichten so groß, daß sie, ein unsichtbares Band um die Völker schlingend, die Guten aller Welt antreiben wird, der Macht den Willen des Geistes und der Menschlichkeit entgegenzusetzen. Entwicklung aber erfordert Zeit und Geduld, um die Widerstände zu überwältigen. Je geringer die politische Bildung einer Gemeinschaft ist, um so langsamer vollzieht sich der natürliche Laus der Geschehnisse. Wir sind in Mitteleuropa von politischer Reife und Weisheit noch weit entfernt. Die Massen huldigen eher dem Gefühl als der selbstgewonnenen Einsicht: ein. furchtbares Menetekel für die deutschen Juden. Bei dem überragenden Einfluß, den die Bildungsschicht trotz der gewaltigen Stimmenzahl der sozialistischen Parteien noch aus die Massen ausübt, dürfen wir nicht übersehen, daß der Judenhaß ganz bestimmte politische Ziele verfolgt. Er soll die Welt rückwärts revidieren, er soll ein Bild, eine Zeit herausbeschwören, deren Untergang die Verblendung, das unpolitische, das unhistorische Denken der ehemaligen Machthaber verschuldet hat. Gewiß, das ist eine bittere Wahrheit, nachdem die deutschen Juden in hundertjährigem Kampf um die politische Freiheit sich bemüht haben. Besonders niederschmetternd aber ist es, daß dieser Geist des Hasses an den Stätten höchster Bildung und vornehmster geistiger Entfaltung gepflegt wird. Das Volk wird in seinem Gefühl systematisch ausgepeitscht, die Pflegestätten der judengegnerischen Einstellung sind die Universitäten, die höheren Schulen, die unter dein Patronat von Chamberlain, Fritsch e tutti quanti die künftigen Führer der Nation heranzüchten. Man fragt sich unwillkürlich, warum man bei uns den Humanism u s noch pflegt, wenn seine namhaftesten Vertreter buchstäblich erklären, der AntisemitsmuS, das sei der Geist der Zeit, den man n i ch t bekämpfen könnte, man sieht sich vergebens nach der Heimat wissenschaftlichen Geistes uni, wenn er sich anschickt, der Pseudowissenschaft des Judenhasses eine Stätte zu bereiten. Das Volk der Dichter und der Denker hat seine edelsten Traditionen vergessen, wenn die wirklich berufenen Hüter des Geistes nicht den Mut, den Idealismus früherer Geschlechter ausbringen, um sich den Massen mit der Wucht ihres Wortes entgegen zu werfen, um die Gefahren zu zeichnen, denen wir mit den Formen des Menschenhasses entgegentreiben. Wer wird dieses Martyrium auf sich nehmen in einer Epoche, in der Antisemitismus zum guten Ton, zum guten Ton der Presse gehört? Der politische Kampf ist bei einem Tiefstand, soweit er gegen die Juden sich richtet, angelangt, der nicht mehr gut überboten werden kann. Das gute und gutgläubige Volk der Deutschen glaubt alles, wenn es ihm nur g e d r u ck t vorgelegt wird. Das gedruckte Wort ist ihm unanfechtbar. Wir klagen die Wissenschaft und die Publizistik an, daß sie, von geringen Ausnahmen abgesehen, nicht ihre Pflicht der Wahrheit erfüllt hat. Die Wahrheit verpflichtet zum Schutze der Schwachen, der zu Unrecht Angegriffenen, der durch eine törichte Verallgemeinerungssucht Verfemten, die, weil sie Juden sind, durch alle Gassen in den Tagen höchster politischer Freiheit Spießruten laufen müssen. Wir sind zu stolz, um jeden Anwurf zurückzuweisen und zu widerlegen, in das Reich des Wahnwitzes zu verweisen, dem er entstammt. Was nützt es uns, unsere Beweise zu wiederholen, .wir werden nur von neuem verdächtigt und mit Schmutz beworfen. Der Haß ist, wie oft ist das gesagt worden, ein schlechter Weggefährte, denn er macht blind und ungerecht, er vergröbert und verzerrt jedes Mid, er tötet jede religiöse Anwandlung. Will man etwa den Haß mit dem Namen der R e l i g i o n, der Religion, die in allen Zungen den Geist der unverbrüchlichen Menschenliebe verkünden soll, umkleiden? Gewiß nicht. So töricht sind wir nicht, zu glauben, daß die wahrhaft religiös Feinfühligen den Haß rechtfertigen oder gar den teuflischen Wahn unserer Tage, den Rassenwahn, über die elementarsten Forderungen einer hochstehenden, seingeistigen religiösen Kultur stellen wollten. Dann aber, warum tun sich nicht die, die guten Willens sind, zusammen, die religiös Führenden, um einmal den verblendeten Massen den