Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 27 (9.7.1920)
- Date
- 1920-07-09
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Vorsitzenden Blumenfeld kandidierten, während die rechtsstehenden Fraktionen an Dr. Klee sesthielten. Nachdem im Plenum als dritte Kandidatur Felix Rosenblüth ausgestellt worden war, erklärte Blumenfel'd, daß er zugunsten Rosenblüths zurücktrete. Es wurde hierauf unter größter Spannung in namentlicher Abstimmung die Wahl des Präsidenten vorgenommen. Rosenblüth, wurde mit 126 gegen 105 Stimmen bei einigen Stimmenthaltungen zum Vorsitzenden gewählt. Für ihn stimmten die sozialistischen und Jugendfraktionen, sowie die meisten Fraktionslvsen, für Klee Msra-chi, Weil-Gruppe und Trietsch-Gruppe. Mit Rücksicht auf die geringe Majorität erklärte Rosenblüth, die Wahl nicht anzunehmen und erbat eine Sitzung des Zentralkomitees und des Permanenzausschusses. Nach mehrstündiger Unterbrechung der Sitzung wurde sodann mitaeteilt. daß sich, die Parteien dahin geeinigt haben, Rosenblüth und Klee als gleich,berechtigte Vorsitzende zu wählen, ferner einen Geschäftsführenden Ausschuß aus folgenden Mitgliedern: Blumenfeld, Berger. Walter Mofes, Siegfried Moses. Isaak Bosckwitz, M. Kober, Dr. Mar Schwabe. D>r. Egon Rosenberg, Dr. Max Strauß, Davis Trietsch, Tr. Gotthold Weil, Dr. Robert W?ltsch und Max Wollste'ner. Donnerstag wurden zunächst die Spezialreferate zur Arbeit Ln Deutschland, und zwar Moses Calvary über die „Kulturarbeit", Dr. Viktor Wandsbeck über „Gemeindearbeit" und Dr. Siegfried Moses über „soziale Arbeit" erstattet. Hierauf wurde die Debatte zuerst über die Svezialreferate und sodann die Generaldebatte über das Referat Blumenfeld ausoesüb.rt, zu der jede Fraktion einen Redner stellte. Ferner wurde die Wahl des neuen Zentralkomitees voraenommen und sodann über eine große Anzahl von Resolutionen abgestimmt, die zum Teil angenommen wurden. In später Nachtstunde wurde dann die Sitzung nach feierlichen Ansprachen von Dr. Klee und Dr. Aron Barth, welcher die Bedeutung gerade dieses Delegiertentaaes mit all seinen scharfen Kümpfen als einen Wendepunkt in der Geschichte des deutschen Zionismus auf dem Wege zu einer neuen, höheren Einheit und zu festem Zusammenhalten in der Arbeit für die gemeinsame Sache darleate, geschlossen. r. Breslau 1. Juli. Die Leiche des seit den Taaen des Kapv- Vntsckes vermißten Redakteurs b'r „Breslauer Arbeiterzeitung". Bernhard S ch> o t 11 ft n d e r, wupde aus der Oder in Oswitz geborgen. Ein Idealist hat als Opfer seiner Ueberzeugung den Tod gefunden. Trotzdem man Tag und Stunde der Beisetzungsferer verschwiegen batte, wies die am vorigen Freitag, mittaas INIhr, stattgefundene Beerdigung von der Leichenhalle des israelitischen Friedhofes auf der Lohestrahe eine ungemein zahlreiche Beteiligung aus. In geschlossenen Zügen kamen die Arbeiter der großen Fabriketablissements, u. a. von Linke-Hoffmann, von den Eisenbahnwerkstätten u. a. m., auf dem Bearäbnisvlatze an, unter Mitführung reicher Blumenspenden. Rabbiner Dr. Sänger widmete dem Hingemordeten nur das übliche Totengebet und der Shnagogenchor die üblichen Gesänge, die von Harmoniumspiel begleitet waren. Nachdem der Sarg unter den voraesckriebenen Ritualien der Erde übergeben worden war. sprach Stadtverordneter Gr uschwitz im Namen der Unabhängigen ehrende Worte des Gedenkens, und er gab erneut das Gelöbnis, daß die Breslauer Arbeiterschaft diesen Mord zu gegebener Zeit rächen werde. Für die Mehrbeitssozialdemokraten sprach der Vorsitzende des Vereins, Pietsch. Am Grabe erfolgte hierauf die Niederlegung reicher Blulnenspenden mit rotem Schleifen schmuck. r. Breslau, 2. Juli. In der am Montag abgehaltenen Sitzung der N e P r ä f e n t a n t e n v e r s a m m l n n g erfolgte die Einführung des neu- bzw. wiedergewählten Vorstandes der Breslauer Shnagogengemeinde. Dem bekannten Künstler Tillmann Schmitz in Breslau wird die Anfertigung eines silbernen Bechers mit Untersatz übertragen, weil bei einem Einbruch am 14. Februar 1920 in der Neuen Synagoge ein Teil der Silbergeräte geraubt worden ist. Zur Erweiterung des Ehrenfriedhofes, die notwendig geworden durch Mehrbelegung von Grabstätten für gefallene Krieger, bewilligte man 29 000 Mark und für die Erweiterung des Friedhofes Cosel Westostachse 81 000 Mark. Der Gemeindevorstand ersucht: 1. den Allgemeinen Haushaltsplan für 1920/22 in Einnahme mit 664 578,96 Mark, in Ausgabe mit 2 410 531,51 Mark, demnach mit einem Beitragssoll von 1 745 952,55 Mark, zu genehmigen; 2. den Prozentsatz -der Beiträge auf 42 vom Hundert (anstatt bisher 22 vom Hundert) für die in der Stadt wohnenden Gemeindemitglieder und auf 28 vom Hundert (anstatt bisher 14% vom Hundert) für die im Landkreise wohnenden Gemeindemitglieder festzusetzen. In der Begründung wird unter anderem hervorgehoben, daß z. B. beim Wirtschastsplan des Schlachtwesens die Gesamtausgaben von 23 550 aus 70 441 Mark, bei der Alten Synagoge von 43 920 auf 135 265 Mark, bei der Neuen Synagoge von 62 569 auf 172 921 Mark, bei der Religionsanstalt I von 26 272 auf 74192 Mark, bei der Religionsanstalt II von 20 913 auf 43809 Mark, bei der Wohlfahrtspflege von 100 420 ans 124 730 Mark, bei der Allgemeinen Verwaltung von 424 707 auf 1084 980 Mark, beim Bestattungswesen und bei der Gräbpflege von 199 975 auf 569 362 Mark gestiegen sind. Die Vorlage wurde an einen Etatausschuß verwiesen, in den gewählt wurden: Kaufmann Gins, Kaufmann Adolf L e w i n , Fabrikbesitzer Malsch, Prokurist Sander, Buchdruckereibesitzer Mayer und Kaufmann Martin Frankel. Dessau, 2. Juli. Am 6. v. M. ist auch der Anhaltische Landtag auf die Dauer von drei Jahren neu gewählt worden. Unter den sechs Demokraten, die in den Landtag einziehen, befindet sich auch Herr Justizrat Dr. Cohn in Dessau, der bekannte Vorkämpfer „der Gleichberechtigung des deutschen Judentums. In der Sitzung des Landtages vom 21. v. M. wurde Herr De. Cohn mit den Stimmen der Demokraten und Sozialdemokraten gegen die Stimmen der Deutschnationalen, der Deutschen Volkspartei und der Unabhängigen zum Staatsrat und Mitglied der Anhaltischen Staatsregierung auf die Dauer der Landtags per io de wiedergewählt. — Detmold, 2. Juli. Vor dem hiesigen Schöffengericht hatten sich jüngst von den Bewohnern von Detmold der 30jährige Kaufmann Friedricki! F i sch e r - F r i e s e n h a u s e n , der 24jähriae HandlungsaehMe Theodor Kesting und der 20jähriae Kaufmann Werner- Düste r fi lk wegen Aufreizung, zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden zu verantworten. Die Angeklagten waren in der Nackt zum 1. November 1919. nachdem eine Zeit vorher bereits antisemitische Hehzettel an den Häusern, Schaufenstern unv. in Detmold aufgefunden waren, dabei ertappt worden, wie sie Zettel folgenden Inhalts an die Schaufenster klebten: „Cbristeneltern, schickt eure Kinder nicht in die Volksschule, an der ein jüdischer Lehrer unterrichtet. Der Fluch eurer Kinder komme über euch. Nieder mit den Juden!" Als Hauptanstifter kam der Kaufmann Fischer in Fraae, der die beiden anderen Angeklagten zu der Tat veranlaßt batte. Beide hatten dann, nachdem sie den ersten Zettel angeklebt und Kenntnis von dein Inhalt genommen hatten, das Bekleben eingestellt. Auch Fischer behauvtete. nur einen Zettel angeklebt zu haben, die anderen sollte d?r Spitzel. ein Sohn des frühere n Stabsoffiziers und Regierunaskommissars Schlesier in Detmold, angeheftet haben. Das Schöffengericht hielt den, Tatbestand des § 130 des Strafgesetzbuches (Wer in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise verschiedene Klassen der Bevölkeruna zu Gewaltäti Pleiten gegeneinander öffentlich anreizt, wird mit Geldstrafe bis zu 600 Mark oder mit Gefängnis bis 'zu zwei Jahren bestraft) für erwiesen. Es verurteilte den Angeklagten Fiscker zu 200 Mark Strafe und die beiden anderen zu je 50 Mark. Die Aufreizung wurde in dem Satz „Nieder mit den Juden!" erblickt. — Frankfurt a. M., 2. Juli. In einem Artikel „Hoffnungsvoll!? Entwicklungen in einer hofsnungsarmen Zeit" zeigt di' „Frankfurter Zeitung", wie Deutschland durch die richtige Verwendung dreier in seiner Mitte gemachten Erfindungen aus seiner heutigen verzweiflungsvollen wirtschaftlichen Lage den Weg finden kann. Diese Erfindungen sind die Gewinnung von Luftstickstoff nach Haber, von Kalistickstoff nach Caro und von Spiritus und Essigsäure nach Grün stein. Der mächtige Anilinkonzern, die Vereinigung degroßen deutschen Facbstoffabriken, hat bereits eine Verdoppelung 'eines Aktienkapitals beschlossen, um die Gewinnung von Stickstoff aus der Luft weiter auszubauen. Die Einfuhr des Chilesalpeter — heute 2 bis 2% Milliarden Kosten erübrigte sich dann, die Ernteerträgnisse würden sich durch die Gewinnung von Stickstoffdüngung sehr vergrößern und schließlich könnten noch viele hundert Millionen Stickstoff ausgeführt werden. Der Luftstickstoff hat den Kalistickstoff überholt, dieser wird aber aus Kalziumkarbid gewonnen, und dieses ist besonders nach Grünstein in Spiritus und Essigsäure weiterzuverarbeiten. Deutschland verbrannte im Frieden 2% Millionen Tonnen Kartoffeln zu Alkohol und brauchte nun keine Kartoffel mehr zu verbrennen. Haber, Caro und Grünstem sind Juden.